Wer als Betrachter der Eröffnungszeremonie des Festivals von Cannes einer Erinnerung bedurfte, wie stilvoll am Abgrund die Filmkunst laviert, der bekam sie in Gestalt zweier Symbolfiguren, die die Veranstaltung rahmten: Erst schritt Joan Collins die berühmten, mit rotem Teppich ausgelegten Stufen des Palais des Festivals empor, in einem von weißen Blüten bekränzten Rüschenkleid, das einen beneidenswert straffen Rücken freiließ. Zwei Männer stützten die mittlerweile 92-jährige Grande Dame des „Denver-Clan“ (1981–89).
Und dann, am anderen Ende des ganzen Brimboriums, erklärte an der Seite des chinesischen Superstars Gong Li die 88-jährige Jane Fonda, in minimal chirurgisch unterstützter Topform, die 79. Festspiele für eröffnet. „Ich glaube“, rief sie emphatisch, „dass Kino immer ein Akt des Widerstands war, weil wir Geschichten erzählen – und Geschichten sind es, die eine Zivilisation ausmachen.“ Zum schwarz glitzernden Paillettenkleid trug Fonda eine Halskette, die aussah, wie direkt aus dem Fundus von „Titanic“ stibitzt, jenen tiefblauen 56-Karäter namens „Heart of the Ocean“, der laut der Handlung einst dem König von Frankreich gehört haben soll. Cannes, könnte man meinen, stemmt sich gegen den Untergang.
Dazu passte der Ton, den die Gastgeberin der Zeremonie, die französische Schauspielerin Eye Haïdara, anschlug: „Liebe Gäste hier bei uns“, sagte sie, elegant über die Bühne tigernd, „liebe Zuschauer und liebe Internetnutzer auf der ganzen Welt – oder vielmehr überall dort, wo das Internet nicht abgeschaltet wurde –, überall dort, wo Künstliche Intelligenz die Realität noch nicht ersetzt hat, ihr alle, die ihr versucht zu widerstehen, hier und anderswo.“ In Pathos und Leidenschaft wirkte ihr Pro-Kino-Plädoyer, in dem sie legendäre Szenen der Filmgeschichte anspielte, wie die Predigt in einer amerikanischen Megakirche, angetan, das Publikum im Angesicht der Apokalypse in fromme Ekstase zu peitschen.
Joan Collins auf dem roten TeppichDie großen Hollywood-Studios sind dieser Ausgabe von Cannes ferngeblieben. Festivaldirektor Thierry Frémaux, der 2026 sein persönliches 25. Jubiläum feiert, hatte in der ersten Pressekonferenz zuvor ein paar Gründe angegeben: Steven Spielbergs „Disclosure Day“ sei nicht rechtzeitig fertig geworden. Und sowieso seien die Amerikaner nach Corona, den großen Hollywood-Streiks und den Fusionen in einer Phase der Neuerfindung. Zudem, das deutete Frémaux nur an, seien einige Blockbuster-Kandidaten in den vergangenen Jahren an der Croisette durchgefallen, allen voran der letzte „Indiana Jones“ und zuvor der „Star Wars“-Film „Solo“. So hat Disney entschieden, Cannes seinen „The Mandalorian and Grogu“ vorzuenthalten. Er kommt nächste Woche ohne Festivalausspielung in die Kinos.
Das ist ohnehin ein deutlicher Trend. Viele große Studios setzen neuerdings auf ein konzentriertes Premierenmarketing, das sie lieber von unkritischen Influencer-Claqueuren befeuern lassen als von womöglich missgestimmten Kritikern. Wer will heute noch eine Festivalteilnahme riskieren, die sich als Frühwarnsystem des Scheiterns erweisen könnte? So fällt zumal das Fehlen von Christopher Nolans „The Odyssey“ auf, der ein Kandidat für einen publikumswirksamen Top-Blockbuster hätte sein können, ähnlich wie vor einigen Jahren „Top Gun: Maverick“ oder das Finale von „Mission Impossible“.
Eine gegenteilige Geschichte erzählte Peter Jackson, der den Ehrenpreis entgegennahm. Zweimal sei er schon hier gewesen, vor 38 Jahren mit seiner Heimarbeit „Bad Taste“, die sich in Dutzende Länder verkaufte und ihn als gemachten Mann nach Neuseeland zurückkehren ließ. Und vor 25 Jahren mit zwanzig Preview-Minuten des ersten „Herrn der Ringe“, einem Vorschein des ambitionierten Giga-Projekts, das viele als sicheren Rohrkrepierer sahen. Die Begeisterungsstürme, die das gezeigte Material hervorgerufen habe, hätten die Stimmung gedreht und den Weg zum Welterfolg geebnet. So nehme er, der „eigentlich keine Palme-Filme dreht“, die Auszeichnung mit großer Genugtuung entgegen. Jackson brummte und summte noch fröhlich-nerdig in sein angestecktes Mikrofon, während die Zeremonie ihren Lauf nahm.
Die Jury stellt sich vor: Ruth Negga, Isaach de Bankolé, Chloé Zhao, Demi Moore, Park Chan-wook, Laura Wandel, Diego Céspedes, Stellan Skarsgård und Paul Laverty bei der Eröffnung (v.l.)Die Jury ist identitätspolitisch divers und hochkarätig: Angeführt vom koreanischen Superästheten Park Chan-wook („Oldboy“, „Die Taschendiebin“) versammelt sie unter anderen Demi Moore, Chloé Zhao, Ruth Negga und Stellan Skarsgård. Dieser Starpower hatte das Publikum im Grand Théâtre wenig entgegenzusetzen. Eben weil sich Hollywood in diesem Jahr rar macht, stürzten sich die Fotografen auf abgehalfterte Ex-Helden wie James Franco, der zuvor auf der Raucherterrasse mit Diego Luna, dem „Andor“-Star, der hier als Regisseur debütiert, ein Pläuschchen hielt.
In den kommenden anderthalb Wochen setzt Cannes, um die entstandene Lücke zu füllen, auf ein Programm internationaler Autorenfilmer wie Pedro Almodóvar („Bitter Christmas“), Paweł Pawlikowski („Fatherland“ mit Sandra Hüller als Erika Mann), Hirokazu Kore-eda („Sheep in the Box“), Cristian Mungiu („Fjord“ mit Sebastian Stan), James Gray („Paper Tiger“ mit Adam Driver und Scarlett Johansson), Marie Kreutzer („Gentle Monster“ mit Léa Seydoux und Catherine Deneuve), Ira Sachs („The Man I Love“ mit Rami Malek), den Koreaner Na Hong-jin („Hope“, wohl ein blutrünstiger Sci-Fi-Thriller) oder den Iraner Asghar Farhadi („Parallel Tales“).
In einer Nebensektion zeigt John Travolta seine erste Regiearbeit, eine Art einstündigen Werbeclip für die Liebe zum Fliegen („Propeller One-Way Night Coach“), die schon in ein paar Tagen bei Apple zu sehen sein wird. Überhaupt warten die Nebenreihen mit heiß erwarteten Filmen auf, Kantemir Balagovs „Butterfly Jam“ oder Clio Barnards „I See Buildings Fall Like Lightning“, das als „Trainspotting“ der Gegenwart gehandelt wird. Steven Soderbergh zeigt eine John-Lennon-Doku, die offenbar heftig auf Künstliche Intelligenz setzt. Den größten Hype unter den „kleinen Filmen“ entfacht „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“, ein Slasher der Amerikanerin Jane Schoenbrun mit Gillian Anderson.
Dann ging im Saal das Licht aus und der Eröffnungsfilm begann: „La Vénus Électrique“ von Pierre Salvadori mit Anaïs Demoustier und Gilles Lellouche, eine hübsch vertrackte Kostümkomödie, in der eine große Liebe erst sterben muss, bevor ihr neues Leben eingehaucht wird. Von diesem frommen Wunsch einigermaßen beseelt trat man in den lauen Abend hinaus.
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