Er hatte wirklich lange darauf hingearbeitet. Schon zu Beginn seiner Karriere, die damals noch gar keine Karriere war, hatte er sich vorgenommen, den Bürgern in der DDR eine, nein, seine Stimme zu geben. Und er wollte für sie spielen. Aber das war gar nicht so leicht. Wieder und wieder wurden seine Tourpläne von der DDR-Obrigkeit abgeschmettert. Jetzt aber stand Udo Lindenberg wirklich ganz kurz davor, sein großes Ziel zu erreichen. Eine große Tour sollte ihn durch den Osten führen, und das hier, am 25. Oktober 1983, war die Generalprobe. Im Palast der Republik herrschte künstlich erzeugte Disziplin.
Die 4.500 Plätze im großen Saal des DDR-Machtzentrums waren komplett mit linientreuen, handverlesenen FDJ-Mitgliedern besetzt. Auf der Bühne stand Udo Lindenberg in seinem klassischen Udo-Lindenberg-Outfit: Lederjacke, Sonnenbrille, die Haltung zwischen Coolness und Kampfansage. Es war sein erster Auftritt im Osten, live übertragen im DDR‑Rundfunk. Vermarktet als „Friedenskonzert“, erwartete die SED-Führung eine reine Propagandaveranstaltung gegen westliche Rüstungspläne.
Die DDR-Führung gegen sich
Doch Udo Lindenberg wäre nicht Udo Lindenberg, hätte er nicht spontan mit dem staatlichen Drehbuch gebrochen. Er ging an den Bühnenrand, blickte ins sterile Publikum und sprach ins Mikrofon: „Weg mit dem Raketenschrott in der Bundesrepublik und in der DDR!“ In dieser Nacht entschied die DDR-Führung im Stillen, dass Lindenberg im Osten keine Zukunft haben darf. Die bereits vertraglich vereinbarte Tournee für das Jahr 1984 wurde kurz darauf per Federstrich gestrichen. Es war das erste, aber nicht das letzte Mal, dass Udo Lindenberg das, was man heute weitläufig als sogenannte Cancel Culture kennt, erfahren sollte.
Einmal forderte die Stiftung Humboldt Forum zum Beispiel, den Song „Sonderzug nach Pankow“ – der als Reaktion auf die DDR-Zensur geschrieben wurde – ebenfalls zu zensieren oder zumindest abzuändern, da im Song das Wort „Indianer“ vorkommt. Die Debatte wurde aber schnell als das, was sie im Kern auch war, abgetan: als Absurdität.
Heute, kurz vor seinem 80. Geburtstag, sieht Lindenberg sich ein weiteres Mal mit Cancel-Vorwürfen konfrontiert. Dieses Mal sind es allerdings keine Funktionäre. Dieses Mal ist es die Generation Z, die alte Songtexte des Sängers entdeckt und in sozialen Netzwerken anprangert. Konkret geht es etwa um den Song „Lolita“ auf dem Album „Gustav“, erschienen 1991. Dort heißt es etwa: „Er war an der Schwelle zum Blausein / und sie war an der Schwelle zum Frausein“ und weiter: „Ich war so um die 40 / und sie war 15 / wir wollten uns zusammentun / ja, wo ist’n da das Problem? / Wir beide ziemlich jung / und fühl’n uns gut dabei.“ Oder um den Song „Nina“ von 1976. „Es ist besser, Nina, wenn du jetzt gehst / Denn du bist erst vierzehn.“
Ganz schön schwierig, dünnes Eis. Und dennoch nicht der Skandal, den man daraus machen möchte. Denn der Song ist genau das: ein Song. Kunst bedeutet nicht automatisch Zustimmung. Gerade Lindenberg hat seine Songs immer wieder als Milieustudien geschrieben, als überzeichnete Momentaufnahmen kaputter Figuren, schiefer Typen, nächtlicher Existenzen zwischen Sehnsucht, Größenwahn und moralischer Verwahrlosung. Rockmusik verstand sich in jener Tradition, die Lindenberg kennengelernt hatte, bewusst als Gegenentwurf zur bürgerlichen Ordnung der Nachkriegsgesellschaft. Die Grenzüberschreitung war also kein Unfall, sondern Teil der ästhetischen Idee.
Mehr Sensibilität, weniger Kunstverständnis
Gerade die amerikanische Rockmusik, an der sich Lindenberg musikalisch und erzählerisch immer orientierte, lebte von diesem Impuls. Figuren tranken zu viel, nahmen Drogen, hatten destruktive Beziehungen, scheiterten grandios oder bewegten sich moralisch permanent im Graubereich. Künstler arbeiteten ganz bewusst mit Tabubrüchen, Ambivalenzen und verstörenden Perspektiven. Nicht, weil sie pädagogische Vorbilder sein wollten. Pop wurde damals als Kunstform begriffen, die gesellschaftliche Normen herausfordern, verschieben und manchmal auch schockieren sollte.
Natürlich darf man einen Song wie „Lolita“ heute irritierend finden. Und ja, es ist auch tatsächlich gut, dass eine junge Generation eine solche instinktive Sensibilität besitzt. Zahlreiche Skandale der vergangenen Jahre zeigen, dass es besser ist, lieber einmal zu viel als einmal zu wenig hinzuschauen und Menschen mit Macht immer wieder zu hinterfragen. Aber zwischen Irritation und moralischer Auslöschung liegt ein Unterschied. Wer anfängt, jahrzehntealte Kunstwerke ausschließlich nach den moralischen Echtzeitstandards sozialer Netzwerke zu bewerten, landet schnell bei einer Kultur, die nicht mehr verstehen, sondern nur noch aburteilen will.
Leider zeigt die Debatte auch ein spießbürgerliches Verständnis von Kunst. Schon im Deutschunterricht lernt man, dass lyrisches Ich und Autor nicht dasselbe sind. Sonst wäre das so, als würde man Arnold Schwarzenegger vorwerfen, er habe als Terminator zu viele Menschen getötet oder zumindest die Ermordung von Menschen verharmlost. Besonders bei Lindenberg wirkt diese Debatte deshalb auch etwas paradox. Denn ausgerechnet jener Künstler, der einst von echten autoritären Strukturen mundtot gemacht werden sollte, wird heute erneut mit Forderungen nach kultureller Säuberung konfrontiert – nur eben unter anderen Vorzeichen. Damals kamen die Einwände von Funktionären in grauen Anzügen. Heute kommen sie als empörte TikTok-Clips.
Zwischen Künstler und Kunst, zwischen strafbarem Verhalten, tatsächlicher Verherrlichung und der künstlerischen Darstellung moralischer Grenzbereiche muss unterschieden werden. Wer diese Unterschiede nicht mehr machen will, verengt Kunst am Ende auf pädagogisch einwandfreie Botschaften. Und das wäre vermutlich das genaue Gegenteil von dem, wofür Udo Lindenberg immer stand. Und auch weiterhin stehen sollte.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.