Lang lebe der Rock’n’Roll! Es ist das Jahr 1975 und die Welt ist im Fieber der Gitarrenmusik, die als Hymne der Freiheit gilt. Man trägt neue Frisuren, Schlaghosen und fesche Hemden. So auch Bane und Jana, die es aus Jugoslawien in die Steiermark verschlagen hat. So wie viele andere, denen der Staatssozialismus trotz Arbeiterselbstverwaltung zu eng wurde oder die im Westen das große Geld suchten. Davon ist das Paar mit der lesbischen Teenager-Tochter jedoch weit entfernt. In ihrer Kneipe hocken immer nur die beiden selben Freunde, von denen der eine seit Monaten anschreiben lässt. Und als dann noch ein Behördenbrief kommt, dass die Kafana – wie man auf dem Balkan sagt – oder das Beisl – so in Österreich – einem Autobahnzubringer weichen soll, ist guter Rat teuer.
Mit „Kafana Beisl Culture Clash“ zeigt das Grazer Schauspielhaus eine nostalgische Komödie mit fantastischer Musik vom Balkan. Um den Abriss der Kneipe zu verhindern, gründen Bane und Jane mit ihren Freunden nämlich einen jugoslawischen Kulturverein. Volkskultur genießt den rechtlichen Schutz, den man dringend braucht. Und so werden die Rock’n’Roll-Platten durch traditionelle Lieder wie den Balkan-Blues Sevdalinka ersetzt, obwohl die Freunde der gepflegten Gitarrenmusik genau vor dieser Folklore geflüchtet sind. Doch es hilft alles nichts, nur so lässt sich der Laden retten. Bloß können selbst die angeheuerten Musiker, obwohl sie aus Mazedonien kommen, nur Rockmusik spielen, aber keine einzige Note Volksmusik. Da muss erst ein verschrobener Professor kommen, gespielt vom Autor, Regisseur und musikalischen Leiter Sandy Lopičić, um der Band ihre „echten“ Traditionen beizubringen.
Von Anfang an erweist sich der Abend als geschicktes Spiel mit der vermeintlichen Authentizität des Traditionellen. Die Wiederaneignung einer abgeschüttelten Volkskultur kommt hier durch ökonomischen und existenziellen Druck zustande, eine erzwungene „Invention of Tradition“. Am Ende werden die Schlaghosen gegen Ethnokitschkostüme eingetauscht. Und siehe da, die Folklore fühlt sich besser an als gedacht.
Außerdem geht es ums Brückenbauen, wie ein dahergelaufener und sehr wunderlicher Ivo-Andrić-Jünger verkündet, der die Wende zum Volkstümlichen allerdings auch durch die Gabe von dringend benötigten Schecks unterstützt. Da kramt selbst Jana (Anke Stedingk) ihre seit Schultagen nicht mehr angerührte Ausgabe von „Die Brücke über die Drina“ des einzigen jugoslawischen Literaturnobelpreisträgers heraus, um ihrem Bane (Sebastian Schindegger) ein paar zur Völkerverständigung geeignete Zitate vorzulesen.
Vor der Pause des etwas mehr als zweistündigen Abends sieht man eine sympathische Komödie über Leute, die sich mit Witz und Musik durchs Leben schlagen. Das Setting (Bühne und Kostüme von Vibeke Andersen) sieht mehr nach 70er aus als die 70er selbst. Nach der Pause gibt es das lange vorbereitete erste Konzert des neugegründeten Kulturvereins, mit dem das Ensemble und die Band für Begeisterungsstürme und generationsübergreifendes Mitklatschen im Saal sorgen. Und mit Balkanversionen von AC/DC, The Rolling Stones und „Hotel Makedonia“ statt „Hotel California“ kommt es sogar zur versöhnenden Synthese zwischen westlicher Rockmusik und Volksmusik.
Dass sich trotzdem eine melancholische Note einschleicht, liegt nicht nur am Sevdalinka, sondern auch am Schlussmonolog. All das Brückenbauen mit Musik ist ja schön und gut, aber was hat es geholfen? 15 Jahre später hat man sich in den jugoslawischen Bürgerkriegen trotzdem gegenseitig umgebracht, bekommt man als kleine Nachdenknachricht mit auf den Weg.
„Die grellsten Erfindungen sind Zitate“
Mit „Kafana Beisl Culture Clash“ knüpft das Schauspielhaus in Graz auf der großen Bühne an eine Reihe von erfolgreichen Uraufführungen aus den vergangenen Monaten an. So hat die junge Regisseurin Rebekka David mit „Grand Hotel Steirerhof: ein Abend für Verlierer“ geschickt die jüngsten soziologischen Analysen von Andreas Reckwitz („Verlust. Ein Grundproblem der Moderne“) mit dem Schicksal des altehrwürdigen, aber 1989 abgerissenen Grazer Grand Hotels Steirerhof verknüpft, an dessen Stelle heute ein Einkaufszentrum steht. Und mit „Das Orakel spricht“ hat Regisseurin Katrin Plötner aus dem populären Comic von Liv Strömquist über Ratgeber- und Selfcare-Trends einen so überdrehten und gleichzeitig klugen Abend gemacht, dass man nur staunen konnte. Ein Theaterparadies in der Steiermark?
Uraufgeführt in Graz: „183 Abgeordnete. Die letzten Tage von Österreich, wie wir es kennen"Weil im Theater nie alles gelingen kann, muss man auch die jüngste Uraufführung „183 Abgeordnete“ erwähnen, die gemeinsam mit dem preisgekrönten freien Theater im Bahnhof entstanden ist. „Die grellsten Erfindungen sind Zitate“, sagte Karl Kraus einmal. Dieses nicht erfundene Zitat ist dem Abend vorangestellt, der einige Originalszenen aus dem österreichischen Nationalrat mit seinen 183 Abgeordneten auf die Bühne bringt. „Die letzten Tage von Österreich, wie wir es kennen“, lautet der Untertitel, der den Kraus-Bezug noch weiter strapaziert.
Damit hat sich Regisseurin Monika Klengel jedoch gehörig verhoben. Der Abend folgt mit wenig einfallsreichen Mitteln einer vorhersehbaren Dramaturgie, die feinsten Demokratiekitsch mit den üblichen Warnungen vor der Diskurszerstörung durch die FPÖ verbindet, die in parlamentarischer Wartestellung auf die erhoffte Alleinregierung unter Möchtegern-„Volkskanzler“ Herbert Kickl verharrt. Man spürt die Absicht und ist verstimmt. In Graz ist man eigentlich Besseres gewohnt.
„Kafana Beisl Culture Clash“ und „183 Abgeordnete“ laufen am Schauspielhaus Graz.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.