Mag es im Rest der Welt auch knallen und krachen: Bei den Österreichern in der Wiener Stadthalle, die zum dritten Mal nach 1966 und 2015 die geliebte wie gehasste, schöne wie schrille Trällershow ESC ausrichten, ist immer noch alles Walzer. Man segelt im gschlamperten Dreivierteltakt seinsvergessen durch den roten Caféhaus-Greenroom dahin. Der Eurovision Song Contest ist eben ein sehr eigenes Klang- wie Kulturuniversum.

Alle politischen Aufreger wurden schon im Vorfeld abgefrühstückt. Russland ist wieder ausgeschlossen, Israel nicht. Aus Protest darüber boykottieren Irland, Holland, Slowenien und Spanien als Big Five, die am meisten Geld zur Verfügung stellen, den ESC 2026. In Wien flammten Proteste auf, die israelische Delegation musste schwer bewacht werden. In der Halle selbst blieb es die meiste Zeit ruhig. Nur beim ruhigen Intro vom israelischen Vertreter Noam Bettan im ersten Halbfinale gab es einen Protestruf. Insgesamt wurden vier Personen der Halle verwiesen.

In den 70 Jahren ESC hat sich schon viel verändert. Das war gleich in der allerersten Ösi-Auftaktnummer zu erleben. Da durfte die 73-jährige Vicky Leandros, die 1976 ebenfalls in Wien angetreten ist, für ganze 43 Sekunden ihr damaliges Lied „L’amour est bleu“ singen. Heute hat man wohl Angst, dass die Generation TikTok sofort weiterschaltet, wenn sie nicht maximal gereizt wird. Der Leandros-Song wurde eingerahmt von einem jungen wie alten, inklusiven Laienchor – partizipatives Mitsing-Event.

Natürlich ist das dieses Mal goldene ESC-Logoherz mit Nougatfüllung (also die Musikausgabe der Mozartkugel) eigentlich ein regenbogenfarbenes. Gewannen doch für Österreich nach dem Frauenschwarm Udo Jürgens (1966 mit „Merci, Cherie“) 2014 Conchita Wurst und 2025 der Countertenor JJ – beide nun eben nicht heteronormativ. Sparen können hätte man sich hingegen die „Professorin Eurovision“, die im zweiten Halbfinale über die vielen Schwulen in der trotzdem mehrheitlichen Hetero-ESC-Gemeinde aufklärte.

Musikalisch wurde es bei der diesjährigen ESC-Songparade mal genial, mal grenzdebil. Die Big Four – Deutschland, Vereinigtes Königreich, Frankreich und Italien – sind mit Österreich als Gastgeber für das Finale gesetzt. Also flogen in den beiden Halbfinals aus jeweils 15 Kandidaten immer fünf raus. Teilweise zu Recht.

Die drei englisch singenden, vokal flachen Georgier Bzikebi kamen in ihren wespenfarbenen Kill-Bill-Anzügen verdientermaßen nicht weiter, weil sie sich mit einem „Lalala“-Refrain technojodelnd durch ihr überschaubares Material roboterten. Gerechtfertigt war auch das Aus für Estland mit ihrem Blondinen-Trio Vanilla Ninja, die ihrem Titel „Too Epic To Be True“ schlagerweichgespült so gar nicht gerecht wurden. Und auch eine Ex-Berühmtheit wie Boy George (64) darf sich mit seinem 20-Sekunden-Geisterauftritt mit Nespresso-Kapsel auf dem Kopf – er trat für San Marino an – nicht beschweren, dass er rausgewählt wurde. Genauso wenig wie Jiva aus Aserbaidschan, die in ihrer Trennungshymne „Just Go“ viel Geheule hatte, und Simón aus Armenien, der mit „Paloma Rumba“ einen monotonen Alltagsausbruch-Tanzbeat schob.

Zwei große Favoriten

Das Weiterkommen verdient gehabt hätte eigentlich Tamara Živković aus Montenegro mit „Nova Zora“: im strammen Korsett mit Nonnenballett und Oheo-Geschrei als Balkan-Draculine leicht angefetischt. Wäre halt die Stimme etwas besser gewesen. Wunderschön vorgetragen hat Atvara aus Lettland mit „Ēnā“ eine düstere Kindheitsballade. Doch ein klassisches Kleid, Shakehands rechts und links samt oktavierten Spitzentönen, dazu splitterndes Glas – das ist heute nicht mehr ESC-genug. Da braucht es mehr Schlager-Lametta. Auch Portugal und die Schweiz blieben chancenlos.

20 Länder wurden bei den beiden Halbfinals also weitergeschickt: Die diesjährigen Topfavoriten Griechenland und Finnland hatten die Hürde bereits am Dienstag, beim ersten Halbfinale, genommen. Griechenlands Akylas liefert mit „Ferto“ einen wirren, monotonen Retro-Computer-Song, der von Gier, Überkonsum und Ausgrenzung in der Kindheit erzählt. Geschickt inszeniert hat sich auch Finnland. Die klassische, live spielende Geigerin Linda Lampenius wird von Pete Parkkonen als „Liekinheitin“ („Flammenwerfer“) in einem brennenden Beichtstuhl angeschmachtet. Die 57-Jährige, die schon „Playboy“ und „Baywatch“ überstanden hat, fiedelt sich als Mischung aus Barbarella und Donatella in Saiteneksstase, er verwandelt eine toxisch-feurige Beziehung in eine Powerballade.

Griechischer Retro-Computer-Song als Favorit: „Ferto“

Davon könnte sich die für Deutschland startende Sarah Engels mit ihrem generischen „Fire“-Tanzbeat eine Klangscheibe abschneiden. Sie hat ihre Nummer mit weißem Überkleid und Rückwärtsfall vom Podest in die Tänzerinnenarme aufgepeppt. Im aktuellen Umfeld steht sie, auch weil sie gut singen und twerken kann, gar nicht so schlecht da.

Eher wenig zu erwarten ist von Belgiens flachstimmig-kieksender Finalistin Essyla, die mit der Elektronummer „Dancing on the Ice“ zwischen Schleier, Schnee und Spitze hin und her mäandert. Auch Schwedens Felicia dürfte geringe Chancen haben, weil ihrem Song „My System“ schnell die Puste ausgeht. Moldawien schickt mit Satoshi einen aufmischenden Rapper ins Rennen, der mit „Viva, Moldova!“ die grelle Partykrawallnummer abzieht.

ESC heißt: Verpackung über Material

Litauens silberköpfiger Lion Ceccah singt spanisch „Sólo quiero más“ und kultiviert als einsamer Balladenwolf den opernhaften Vokalknödel. Alicja aus Polen beschwört mit harter Beltstimme und Madonna-Busentüten in „Pray“ die glorreiche Vergangenheit der Castingshow mit vier Tänzern auf einer schrägen Platte zwischen Gospel und R&B. Hier siegt die Verpackung über das Material. Was auch für die Aggro-Serben-Band Lavina mit „Kraj Mene“ gilt. Fünf Fürsten der Finsternis huldigen feuerumtost mit aggressivem Metal dem ewigen Lordi-Vorbild. Das gehört eben in die ESC-Musterkiste. So wie der balkanische Esoterik-Klimbim der Kroatinnen-Truppe Lelek, die mit Flackerlicht, Nebel, Hennatattoos, Schwebefrau und Feuer „Andromeda“ besingen.

Italien schickt mit dem 57-jährigen Sal Da Vinci den ältesten Teilnehmer, der mit „Per sempre sì“ obligatorischen Italo-Pop als Aufzugsschmeichler liefert und einer Braut das tricolore-farbige Kleid entwendet. „Wäre der Song eine Nudel, sie wäre nicht al dente, sondern ziemlich weich gekocht“, entfährt es dem sonst ziemlich zahmen deutschen ESC-Kommentator Thorsten Schorn vom SWR. Sehr samtpfötig kommt der aus Frankreich stammende Italiener Noam Bettan daher, der mit „Michelle“ für Israel antritt. Es ist eine zarte Hoffnungsballade in mediterranem Licht, eingängig, umarmend – man kann sie gut gebrauchen.

Im zweiten Halbfinale setzte sich nun auch die Bulgarin Dara mit dem schlagertypisch bangenden, ziemlich atemlosen „Bangaranga“ durch. Das zieht selbst auf Malle. Mit kalkulierter Provokation arbeitet auch Rumäniens grelle Koloratur-Vampirella Alexandra Căpitănescu, die den Boden berutscht und ihren Song „Choke Me“ nennt. Hat funktioniert, auch dank des gesichtslosen Nachtgespenstes als Statist. BDSM ist schon Mainstream-Gothic. Blass wirkt hingegen der brave Tscheche Daniel Žižka mit dem konfus gebauten „Crossroads“. Antigoni aus Zypern liefert mit „Jalla“ eine flotte Tanznummer für den Cluburlaub zur vorgerückten Promillestunde.

Gesangs- und Tanznummer aus Zypern

Was für einen Nerv der nagellackierte Däne Søren Torpegaard Lund mit „Før vi går hjem“ hinternwackelnd im Glitzershirt vor und in einem Aquarium getroffen hat, das wissen nur die ESC-Sterne. Immerhin: Stimme hat er. So wie auch der Albaner Alis, der in „Nân“ im Strassüberwurf als männliche Primadonna die verlorene Mama beschwört. Totale Schmusevibes gehen ebenfalls von Aidan aus Malta aus, der sich mit nackten Oberarmen in „Bella“ als testosteronige Peggy Lee („Is That All There Is“) entpuppt. Herzig, diese Muttersöhnchen!

Die weiblichen Antworten darauf kommen etwa aus Australien mit dem dortigen Star Delta Goodrem, die sich mit „Eclipse“ routiniert überwältigend als aus der Mondsichel schreitende Helene Fischer von Down Under in Goldrobe am Blinkeflügel inszeniert. Oder aus der Ukraine: Leléka liefert mit „Ridnym“ einen Bandura-Lautenzitherspieler und einen orgasmischen Schwellton, der jede Titanic als große Oper zum Untergang bringt. Allergrößte Folklorearie mit viel Drama, Baby. Dagegen wird rockmäßig gebrüllt von Jonas Lovv aus Norwegen mit „Ya Ya Ya“. Der harte Tattoo-Mann des zweiten Abends, in Latzhose ohne Hemd; irgendwo zwischen Freddie Mercury, Måneskin und Harry Styles. Zudem totale Rampensau.

Außer Konkurrenz rutscht der 19-jährige Deutsch-Ungar Cosmo für Österreich ins Finale. Immerhin wird in „Tanzschein“ Deutsch mit Schmäh gesungen, unterkühlt gewitzt, Falco-tief, im Spiegelbustier und mit Tiertanztruppe. Das ist monoton, aber ein kompletter Song, nicht nur wirre Einzelteile, mit maximaler Wirkung und minimaler Stringenz. Ob der rosa Overall tragende Brite LOOK MUM NO COMPUTER mit seinem deutschen Party-Zähler „Eins, Zwei, Drei“ ohne Big-Four-Bonus weitergekommen wäre? Eine grottige Groteske mit tanzenden Fellmonitoren, viel Retro-Pieps und kindischem Geblödel.

Keine guten Noten gibt es leider auch für die Moderation der Österreicher. Wenig Chemie zwischen dem als Forensiker in den Eberhofer-Krimis bekannten Schauspieler Michael Ostrowski und der arg lippenaufgespritzten Moderatorin Viktoria Swarovski. Beide mussten sich in ihren Texten auf holzig-breites Englisch beschränken: „We are on fire when we kick off!“

Und singen mussten sie auch noch. Mit dem australischen „Milk Shake Man“ Go-Jo eine umständliche Nummer, die Dirndl gegen Crocodile-Dundee ausspielte, Känguru gegen Kaiserwalzer, Sydney gegen Sound-of-Music-Salzburg. Das haben letztes Jahr in Basel Sandra Studer und Hazel Brugger mit „Made in Switzerland“ sehr viel ESC-souveräner performt. Insgesamt fehlten in Wien dem ESC-Rahmen der Schmäh und ein gut geschriebenes Buch. Ob es Samstag anders wird?

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