Was waren das noch für Zeiten, 2005, als Schafe noch nicht als gut abgehangene Metapher für massenhafte Manipulierbarkeit in aller Munde waren. Damals veröffentlichte die deutsche Schriftstellerin Leonie Swann „Glennkill: Ein Schafskrimi“ über einen Schäfer, der seiner Herde allabendlich Krimis vorliest. Die Tiere werden zu Experten für Mord und Totschlag. Praktisch, denn als sie ihren Ernährer und Vorleser eines Tages tot auffinden, wissen sie: Hier ist ihre Kompetenz gefragt.
Swanns Debüt verkaufte sich binnen kurzer Zeit 1,5 Millionen Mal und wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Dabei handelt es sich um einen Anti-Krimi, eine wollig-wohlige Krimi-Persiflage mit Sprachwitz, philosphischem Anspruch und melancholischem Unterton. Wer das Buch noch im Kopf hat und nun grübelt, ob das etwas für Kinder ist, so ein Schäfer, der von einem Spaten durchbohrt wird: Die Verfilmung hat das szenisch entschärft. Macht aber dennoch keinen Bogen um das Thema Tod und Sterben. Wen man trotzdem am lautesten lachen hört im Kino, sind die Kinder.
Regisseur Kyle Balda könnte man als Herden-Experten bezeichnen: Seit seinem ersten „Minions“-Kurzfilm von 2010 bis zu „Minions – Auf der Suche nach dem Mini-Boss“ (2022) liegen ihm offensichtlich Wesen am Herzen, die man von Weitem unterschiedslos als nicht die hellsten Kerzen im Leuchter bezeichnen würde, die aber lauter einzigartige Charaktere sind.
„Was, wenn ich mich irre?“
Viele Gags funktionieren im Film so gut wie im Buch, weil sie die begrenzte Perspektive der Schafe plausibilisieren statt sie lächerlich zu machen. „Gott“ etwa scheint so etwas wie ein Biber-Lamm zu sein, das „aus Brot gemacht“ ist und von den Menschen am Sonntag verspeist wird. Das sind nun einmal die Infos, die sie haben. Doch besonders kluge Schafe wie Lily (in der deutschen Version gesprochen von Anke Engelke) stellen sich irgendwann die wichtigste Frage von allen, denn mit ihr beginnt alles Philosophieren: „Was, wenn ich mich irre?“
Vorsicht vor dem Winterlamm, das nicht richtig wachsen will und von der Herde verstoßen wurde, bloß weil es nicht im Frühling geboren wurde wie alle anderen. Dem Animationsteam gelang es, das Putzige mit dem Bedauernswerten so zu kreuzen, dass es eine Gefahr für die psychische Unversehrtheit darstellt. In den Sitzen reihum mischt sich ins Chips-Knuspern Schniefen.
Aber es ist halt auch so schön. George Steels Kamera schwelgt in den abendsonnig vergoldeten Grüntönen englischer Hügel. Das Dunkle bekommt dennoch seinen Raum. Es gibt wohl keine traurigere Lebensbilanz wie die von Einzelgänger-Widder Sebastian: „Ich habe keine Herde. Hatte ich nie.“
Der Rücken gehört Hugh JackmanUm dem dunkelsten Thema von allen zu entkommen, der Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit, haben diese Schafe eine Strategie entwickelt, die erleichternd wirkt, aber das Leben leer macht: Sie brauchen nur bis drei zu zählen, dann sind unangenehme oder schmerzhafte Erinnerungen ausgelöscht. Sterben? Das tun Schafe nicht. Schafe „werden zu Wolken“. Erst als Schäfer George (Hugh Jackman) tot auf der Wiese liegt, stellt sich die Frage: Will man jemanden wirklich vergessen, nur um nicht trauern zu müssen? Lily beginnt zu zweifeln, Bastian Pastewka sagt als Mopple, das einzige Schaf mit Gedächtnis, dass die Gestorbenen nur in der Erinnerung weiterleben. Er sagt es herzzerschreddernd unsentimental. Wer gerade jemanden betrauert, den könnte es hier ein wenig zerreißen. „Schlimmer als ,Titanic’“, murmelt die Sitznachbarin.
Das Schaf und der Tod
In Mode und Ausstattung liefert der Film verspielte Überzeitlichkeit: Die Anwältin (Emma Thompson) besitzt ein Smartphone, der junge Reporter (Nicholas Galitzine) im Sherlock-Holmes-Gedenk-Karo-Blouson hantiert aber mit einer Leica-Kamera, und im örtlichen Hotel herrscht dunkel-blumige Twin-Peaks-Atmosphäre. Es sind die verschiedensten Ethnien und Charaktere vertreten in diesem Welt-Dorf: korrupte Geistliche, reaktionäre Metzger, die Veganismus höchstens „einer Frau verzeihen“ könnten, Erbschleicher, Lügner und Eifersüchtige.
Bei Leonie Swann lautet die wichtigste Erkenntnis der Schafe, dass der Wolf womöglich gar keine Gefahr von außen ist, sondern „im Menschen“. Das Schaf und der Tod hegen bekanntlich eine lange und innige Beziehung zum Menschen und seinem Bedürfnis, über die Grenzen von Freiheit und Selbstbestimmung nachzudenken. Charles Chaplin montierte eine doof dahintrottende Schafherde mit fremdbestimmten Fabrikarbeitern. Sagen wir mal so: Ein Schaf zu sein in Zeiten der Jäger und Sammler ist etwas anderes als im Raubtier-Kapitalismus. Da landet man statt beim guten Hirten eher in einem Massenbetrieb und beim geldgierigen Metzger (im Film heißt er Ham).
Was ist ein Mensch? Und wer will das wissen?Markierte die biblische Erfindung des Opferlamms noch den Fortschritt vom Menschen- zum zivilisierteren Tieropfer, so können wir nun vielleicht alle wieder Menschen werden, indem wir uns die Schafe von Glennkill ansehen: Ihr Bedürfnis nach Hartmut-Rosa-hafter Resonanz, nach Verbindung ist das eine, das andere ist die menschliche und tierische Eigenart, immer irgendjemanden ausgrenzen zu müssen.
Die Schafe rennen manchmal etwas zu hundeartig, aber ihre Eigenartigkeiten sind allesamt gelungen. Der altehrwürdige Sir Richfield sieht ein wenig aus wie Martin Wuttke. Auch die Menschen geben ein Panorama der Temperamente ab und dürfen sich dennoch weiterentwickeln: wie Nicholas Brown als trotteliger Polizist, der aber über sich selbst hinauswächst, oder Molly Gordon als Georges Tochter Rebecca.
Ein Film wie ein Schaf: viel schlauer und vor allem mutiger, als die meisten denken. Obwohl der Film sich gegenüber dem Buch große Freiheiten und der Vorlage die absurde Schärfe nimmt: Feige ist er nicht. Er mutet seinem Publikum etwas zu, ohne zu belehren. Erstens lernen die Schafe: Nicht nur Menschen, auch Schafe sterben. Und trotzdem können sie sich in eine Wolke verwandeln, oder welche tröstliche Glaubensvorstellung man sich auch immer zurechtgelegt haben mag. Zweitens: Es gibt noch andere Schafe als die eigene Herde. Irgendetwas hat man immer gemeinsam. Und wenn’s nur die Blauzungenkrankheit ist.
„Glennkill“ läuft seit dem 14. Mai im Kino.
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