In den 1980er- und 1990er-Jahren galt Marian Goodman als die wichtigste Galeristin von New York. Sie prägte als einflussreiche Unternehmerin auch eine Generation von Frauen, die sich im Patriarchat des Kunsthandels durchsetzen konnte. Zu Goodmans Erfolg trugen natürlich auch Männer maßgeblich bei, vor allem als Künstler. Einer von ihnen war in Deutschland bereits ein etablierter Starmaler, in den USA aber noch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt: Gerhard Richter. 1985 nahm ihn die Marian Goodman Gallery in ihr Programm auf.
Gerhard Richter befand sich damals in einer überaus produktiven Phase, in der die Abstraktion in seinem Werk die Gegenständlichkeit zunehmend zu dominieren begann. Mit Rakel oder Spachtel aufgetragene Farbe verdichtet sich auf seinen Bildern zu zufällig anmutenden Farbverläufen. Richter wandte diese Technik nicht nur auf teilweise großformatigen Leinwänden an, sondern auch auf Übermalungen, etwa von Fotografien.
Auf einem kleinen Abzug eines Schnappschusses sehen wir den Künstler Richter und die Galeristin Goodman, vermutlich bei einer Vernissage in der Galerie. Kunstwerke an den Wänden zeigt das Foto nicht, wohl aber Richters künstlerischen Eingriff, mit Farben, die zu beiden Seiten des Abzugs verstrichen sind. Gleichzeitig fällt der Fokus dadurch auf die beiden Personen, die fast die gleiche Haltung annehmen und in dieselbe Richtung blicken.
Das übermalte Foto aus dem Jahr 2009 ist das späteste – und bei einem Schätzpreis von 30.000 bis 50.000 Dollar vermutlich das günstigste zu ersteigernde – Werk unter den Richter-Arbeiten aus Goodmans Besitz, die das Auktionshaus Christie’s am 20. und 21. Mai 2026 zur Versteigerung in New York anbietet. Sie stammen aus dem Nachlass der Galeristin, die im Januar 2026 in Los Angeles im Alter von 97 Jahren starb. „Marian Goodman hat Präsenz. Sie ist weise. Sie hat Mut“, hat Richter einmal über seine Galeristin gesagt. Dennoch trennten sich ihre Wege vor einigen Jahren, als Richter zu David Zwirner wechselte.
Höhepunkt der Versteigerung bei Christie’s: Richters „Kerze" von 1982Das kleine Foto ist somit zugleich auch das intime Dokument einer Geschäftsbeziehung, die für beide karriereprägend war – der heute 94-jährige Gerhard Richter wurde in jener Zeit zu einem der teuersten lebenden Künstler der Welt. Einen Spitzenwert erzielte im Jahr 2025 Richters „Abstraktes Bild (599)“, das für 46,3 Millionen Dollar versteigert wurde.
Mit den sieben weiteren Richter-Bildern, die jetzt ebenfalls in die Auktion kommen, lebte Marian Goodman in ihrer New Yorker Wohnung. Darunter sind mehrere abstrakte Gemälde, die auf Beträge im mittleren siebenstelligen Dollarbereich taxiert sind. Heraus ragen das großformatige Bild „Poppy“ von 1995, für das bei einem Schätzpreis von 12 bis 18 Millionen Dollar bereits eine Garantie einer „dritten Partei“ vorliegt, und ein frühes Kerzengemälde, das – bei einer durchaus rekordverdächtigen Taxe von 35 bis 50 Millionen Dollar – zum garantierten Mindestpreis bereits verkauft ist.
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