Im ersten Halbfinale des Eurovision Song Contest (ESC) hat er teils gegen Buhrufe ansingen müssen, doch der israelische Sänger Noam Bettan, 1998 in Raʿanana geboren, hat sich mit seinem Song „Michelle“ unbeeindruckt und sicher für das ESC-Finale am Samstag qualifiziert. Die Boykottaktionen gleich mehrerer Länder, darunter Spanien, das im Vorfeld sogar den Ausschluss Israels vom ESC gefordert hatte, sind ins Leere gelaufen.
WELT: Erst einmal herzlichen Glückwunsch zum Finaleinzug. Was ging in Ihnen vor, als klar war: Sie sind im Finale?
Noam Bettan: Ich hatte eine unglaubliche Nacht mit einer besonderen Energie auf der Bühne. Ich habe so viel Liebe gespürt und mich einfach gut gefühlt. Ich bin sehr stolz auf mich und kann das Finale kaum erwarten.
WELT: Haben Sie danach noch gefeiert?
Noam Bettan: Nein, ich habe erst einmal drei Burger gegessen – ich war so hungrig. Danach hieß es: schlafen. Wir müssen die Stimme schonen, damit für den großen Tag am Samstag alles bereit ist.
WELT: Die Atmosphäre beim ESC ist in diesem Jahr besonders aufgeladen, für Sie gelten extreme Sicherheitsvorkehrungen. Wie viel von der „echten“ Eurovision bekommen Sie eigentlich mit?
Noam Bettan: Ich wollte gar keine festen Erwartungen haben, sondern dem Moment Raum geben, mich zu überraschen. Ich lasse Gott den Raum, mich zu führen. Aber ich fühle mich sehr wohl. Hinter den Kulissen treffe ich die anderen Delegationen, alle sind sehr freundlich. Die Menschen in Österreich empfangen mich mit offenen Armen. Ehrlich gesagt ist es die schönste Erfahrung meines bisherigen Lebens – ich genieße jede Sekunde dieser Eurovision.
WELT: Hatten Sie auch schon eine Begegnung mit Sarah Engels, der deutschen ESC-Teilnehmerin?
Noam Bettan: Ja, sie ist unglaublich talentiert. Ich liebe ihre Show. Ich habe sie gestern nach dem „Green Room“ umarmt. Sie ist so eine freundliche Person – sie hat dieses gewisse Leuchten in den Augen, das ist wirklich besonders. Überhaupt sind hinter den Kulissen alle sehr nett.
„Aber eigentlich singe ich für jeden“: Noam Bettans Halbfinal-Auftritt in der Wiener StadthalleWELT: Ihr Team hat während der Proben ja sogar Buhrufe simuliert, um Sie vorzubereiten. Haben Sie die gestern Abend im Saal tatsächlich gehört? Auf der Bühne klingt das ja oft ganz anders als im Fernsehen oder im Publikum.
Noam Bettan: Ja, ich habe es am Anfang kurz gehört. Aber nach einer Sekunde war da nur noch eine Welle aus Liebe und Unterstützung. Das war überwältigend. Ich habe die Flaggen meines Landes gesehen und hatte das Gefühl, in diesem Moment für mein Volk zu singen. Aber eigentlich singe ich für jeden, der diese Liebe annehmen will. Ich möchte Menschen vereinen. Das ist alles, was ich der Welt geben möchte.
WELT: Haben Sie ein festes Ritual, bevor Sie auf die Bühne gehen?
Noam Bettan: Ich bete. Ich spreche das „Schma Israel“ und bitte Gott, mich zu leiten und mir gute Absichten zu schicken. Ich arbeite außerdem viel mit positiven Frequenzen und schicke diese Energie auch meinen Tänzern. Man muss die Balance finden: innerlich ganz ruhig, aber nach außen voller Power.
WELT: Der Song „Michelle“ ist sehr emotional – er wurde unter anderem von Yuval Raphael mitgeschrieben, dem Teilnehmer aus dem Vorjahr. Sie haben ihn aber auch selbst mitgetextet. Was sollen die Menschen über Sie lernen, wenn Sie dieses Lied singen?
Noam Bettan: Es gibt mehrere sehr talentierte Schöpfer hinter dem Song. Ich bin ihnen sehr dankbar, dass sie mir erlaubt haben, mein eigenes Herz in den Text einzubauen und das Lied so näher an mich heranzubringen. Es klingt wie ein Klischee, aber ich lege wirklich mein ganzes Herz in diesen Auftritt. Ich bin dort vollkommen authentisch.
WELT: Erlauben Sie sich schon den Gedanken an einen Sieg am Samstag?
Noam Bettan: Nein. Ich vertraue dem Prozess. Ich bete: „Gott, lass das geschehen, was das Beste für mich ist.“ Ich will diese Erfahrung einfach nur als etwas Wundervolles in Erinnerung behalten.
WELT: Welches Gefühl soll beim Zuschauer nach deinem Auftritt bleiben?
Noam Bettan: Ich möchte, dass sie überwältigt sind und vor Staunen an ihren Stühlen kleben. Mein Volk zu Hause soll stolz sein und Kraft und Hoffnung spüren. Ich möchte Menschen näher zusammenbringen – dass wir uns alle eins fühlen. Ich glaube fest daran, dass das möglich ist. Und ich hoffe sehr, dass nächstes Jahr wieder alle Länder mit dabei sind, gemeinsam singen und einfach gut zueinander sind.
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