Als Waltraud Lehner 1960 von Linz nach Wien zog, war sie 20 Jahre alt. Den Krieg hatte sie in Bunkern und auf dem Land überlebt, jedoch ihren Vater verloren. Sie war zur Klosterschule gegangen und mit 19 schwanger geworden, hatte geheiratet – und sich sofort wieder scheiden lassen. „Ich wusste, dass das nicht der Weg ist, den ich gehen möchte“, sagte sie einmal.

Also gab sie ihre Tochter in die Obhut ihrer älteren Schwester und begann, in Wien Modedesign zu studieren. Abends tauchte sie in die männerdominierte Kunstszene ein, in der die „Wiener Aktionisten“ um Oswald Wiener, Günther Brus und Otto Mühl mit Körpersäften und Selbstverletzungen bei der sogenannten „Uniferkelei“ die starre Nachkriegsgesellschaft auf die Palme brachten. Lehner schaute sich das ein bisschen amüsiert an – und beschritt ab 1967 unter dem Namen VALIE EXPORT ihren ganz eigenen radikalen, mitunter durchaus humorvollen Weg durch die Kunstgeschichte. Sie selbst schrieb ihren Namen stets in Versalien, als Symbol für das Nach-außen-Tragen ihrer Gedanken und damit er unter all den Männernamen nicht übersehen wurde.

Valie Export, bei ihrer Retrospektive in der Wiener Albertina, 2023

Unter dem Stichwort „Expanded Cinema“ konfrontierte sie den österreichischen Nachkriegseskapismus mit der Wirklichkeit, sprich: mit dem eigenen Körper, der die Gewalt, Lust und Scham der kaputten Männergesellschaft entlarvte. Spektakulär gelang ihr das 1968 mit der Aktion „Tapp- und Tastkino“: In der Wiener Fußgängerzone stülpte sie sich über ihren nackten Oberkörper einen Karton, durch den Passanten 30 Sekunden lang ihre Brüste berühren durften. Die Künstlerin ließ es milde lächelnd und mit Stoppuhr in der Hand über sich ergehen – der Film wurde zum Meilenstein der Kunstgeschichte und Valie Export zur radikalen Pionierin der feministischen Aktions- und Medienkunst.

Ein Jahr später sorgte ihre Aktion „Genitalpanik“ für Furore: Die Künstlerin ließ sich als Punk mit wildem Haar, mit im Schritt aufgeschnittener Jeans, breitbeinig und mit Maschinengewehr im Anschlag fotografieren. In demselben Aufzug schritt sie im Kino die Sitzreihen auf Augenhöhe ab: Es herrschte Stille, Leute verließen den Saal. „Ich spürte das Unbehagen, dass sie der Realität zu nahe waren“, sagte die Künstlerin vor einigen Jahren im Interview mit WELT AM SONNTAG.

Auch bei anderen Aktionen benutzte sie ihren Körper als Material, um Schmerz und Verletzung zu erzeugen, was sie filmisch dokumentierte. So ritzte sie sich das Fleisch unter den Fingernägeln auf und tauchte ihre blutenden Hände in Milch oder bewegte sich nackt in gekrümmter Haltung durch Drähte, die sie unter Strom gesetzt hatte, gegen die sie bewusst immer wieder anstieß. Als anstößig wurde ihre Kunst ohnehin empfunden – die österreichischen Medien diffamierten sie, und sie wurde wegen Pornografie angezeigt: Für die „Mappe der Hundigkeit“ hatte sie ihren damaligen Partner Peter Weibel (der später das Zentrum für Kunst und Medien ZKM in Karlsruhe gründete) öffentlich an der Leine herumgeführt.

Vom konservativen Österreich aus, das sie – anders als ihre lange in New York lebende Kollegin Maria Lassnig – nie für längere Zeit verließ, wurde sie zu einer der wichtigsten internationalen Vertreterinnen konzeptueller Medien-, Performance- und Filmkunst, auf Augenhöhe mit Marina Abramović und Carolee Schneemann. 1977 und 2007 nahm Valie Export an der Documenta in Kassel teil, 1980 vertrat sie Österreich auf der Biennale von Venedig, und sie hatte Professuren an der Universität der Künste Berlin sowie an der Kunsthochschule für Medien Köln inne.

Valie Export, „Einkreisung“, 1976/80

Ihre Werke befinden sich heute in Sammlungen des Centre Pompidou in Paris, des Museum of Modern Art in New York und der Tate Modern in London. Lange vom Kunstmarkt ignoriert, nahm die Galerie Thaddaeus Ropac sie 2019 ins Programm: ein überfälliger Schritt, um auch ihren raumgreifenden Installationen, ihren großformatigen Fotocollagen und Zeichnungen, die sich auf ihre beklemmende Kindheit beziehen, eine größere Plattform zu bieten.

„Es ging mir immer darum, zu zeigen, dass ich über meinen Körper bestimme, ihn einsetze, wie ich das möchte“, sagte sie im Gespräch. „Es war ja ein Klischee, dass man meinte, die Frau könne nicht über sich selbst bestimmen.“ Auf die Frage, ob das heute anders sei, schüttelte sie den Kopf: Die männliche Gesellschaft sei weiterhin dominant und Frauen ließen sich dort einbinden. „Da glauben sie, sie kriegen Schutz, aber es ist nur Ausbeutung.“ Am 14. Mai, drei Tage vor ihrem 86. Geburtstag, ist Valie Export in Wien gestorben.

Gesine Borcherdt ist Kunsthistorikerin und hat Valie Export auch für ihr Buch „Dream On Baby. Wie viel Kindheit steckt in Kunst?“ interviewt.

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