Ausgefallene Bühnenbilder gibt es im Theater häufiger, aber dieses hat nun wirklich Seltenheitswert: ein Raum voller Schaum. Wie die meterhohe Gischt eines unsichtbaren Meeres oder eines außer Kontrolle geratenen Schaumbads sieht es auf der Bühne des Wiener Kosmos-Theaters aus, auch die Schaumpartys der 1990er Jahre fallen einem wieder ein.
Eine Schauspielerin gleitet durch die Schaumwellen und fängt an zu erzählen. Und auch das sieht man selten: Sie erzählt in österreichischer Gebärdensprache. Den Foyergesprächen nach zu urteilen, verstehen das unter den Zuschauern einige, aber nicht alle. Muss man aber auch nicht: Spätestens als drei weitere Schauspielerinnen dazukommen, werden die Bewegungen zu einer Choreografie. Ein Tanz, der einen nicht als informationsverarbeitendes, sondern als fantasiebegabtes Wesen herausfordert.
Nach knapp 80 Minuten sind alle Schaumschlachten geschlagen und jegliche Illusionen verflogen, der kahle Bühnenboden steht für die harte Realität. Denn darum geht es in der Vorlage „Fretten“, dem letzten Roman der 2024 mit nur 40 Jahren verstorbenen Helena Adler. Im Salzburgerischen, wo Adler aufgewachsen ist, meint fretten so viel wie sich durchschlagen. „Fretten“ ist der furiose und ungeschönte Bericht eines harten Landlebens: für das Kind voller mythischer Geheimnisse, für die Jugendlichen voller verachtenswerter Abgründe und für die Erwachsenen mit eigenem Kind noch immer eine Qual. „Die Hölle in mir ist die Fundgrube, aus der ich schöpfe“, heißt es gegen Ende. Das Leben ist keine Schaumparty, sondern Leiden. Und das Ankämpfen dagegen.
Vor wenigen Wochen erst konnte man im Kosmos-Theater eine Bühnenfassung von Adlers zweitem Roman „Die Infantin trägt den Scheitel links“ sehen, mit einem riesigen Misthaufen als Bühnenbild. Mit „Fretten“ gehen die Adler-Festspiele weiter: mit beeindruckenden Bildern, einem treibenden Schlagzeugsound und dem vierköpfigen Ensemble, das die Gebärdensprache auf faszinierende Weise in das eigene Spiel einbaut. „Fretten“ ist zugleich der Abschluss der Premierenspielzeit des neuen Teata, früher Theater an der Gumpendorfer Straße. Wegen Renovierungsarbeiten hat Leiterin Sara Ostertag, die auch als Dramaturgin der Biennale-Starchoreografin Florentina Holzinger arbeitet, eine Auswärtsspielzeit angesetzt, die sich wirklich sehen lassen konnte.
Ostertag selbst machte im November mit „Das Ende ist nah“ nach dem Roman von Amir Gudarzi im Schauspielhaus Wien den Anfang, bevor im März eine umjubelte Version von „Radio Sarajevo“ des Bachmannpreis-Gewinners Tijan Silas in Linz folgte. In Wien hat Bérénice Hebenstreit eines der schönsten Fußballbücher der vergangenen Jahre – „Piksi-Buch“ von Barbi Marković – mit Tribüne und Flutlichtscheinwerfer auf die Bühne des Theaters am Werk gebracht und Ruth Mensa zeigte am Theater Nestroyhof Hamakom mit „Lebenswerk. Über das Mutterwerden“ von Rachel Cusk eine lustige Mischung aus Stand-up-Comedy und Selbsthilfegruppe von Müttern. Und nun „Fretten“ des in der Wiener Off-Szene bekannten Frauenkollektivs Makemake Produktionen.
Die erste Teata-Spielzeit ließ ein klares Konzept erkennen. Erstens: Prosa, Prosa, Prosa. Es ist kein Geheimnis, dass sich Ostertag für Roman-Adaptionen begeistern kann – und so findet sich unter den Premieren kein einziges Stück dramatischer Literatur. Zweitens: konsequente Mehrsprachigkeit. Ob Farsi („Das Ende ist nah“), Serbisch, Bosnisch und Kroatisch („Piksi-Buch“ und „Radio Sarajevo“) oder Gebärdensprache („Fretten“), die Vielfalt der Sprachen wird nicht in die Übertitelung verbannt, sondern landet auf der Bühne. Drittens: Regisseurinnen statt Regisseure. Alle Produktionen wurden von Frauen inszeniert, ohne deswegen aus Gründen des Marketings permanent das Feminismus-Fähnchen zu schwenken. Man darf gespannt sein, was Ostertags Teata ab dem Herbst veranstaltet, wenn man an die eigene Bühne in der Gumpendorfer Straße zurückkehrt.
Ostertag ist allerdings in der Wiener Theaterszene zurzeit nicht wegen der ersten Teata-Spielzeit zum Stadtgespräch geworden, sondern weil die 1985 geborene Regisseurin ab dem Herbst nächsten Jahres zusätzlich auch die Leitung des Wiener Schauspielhauses übernehmen wird. Ostertag setzte sich mit ihrer Bewerbung bei der turnusmäßigen Ausschreibung überraschend gegen das amtierende Viererteam durch, das seit 2023 im Amt ist. Am Ende war es vor allem ihr Vorschlag, Teata und Schauspielhaus in eine „strukturelle Partnerschaft“ zu überführen, der die Jury und Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler überzeugen konnte. Mit dem Dramatiker und Schriftsteller Gudarzi im Team will Ostertag dann nun auch die zeitgenössische Dramatik in ihr Programm aufnehmen.
Sara OstertagAus der Theaterszene schlägt Ostertag jedoch Empörung und Ablehnung entgegen, die Neubesetzung wird stark kritisiert. Ein offener Brief mit über 500 Unterschriften fordert den Verbleib der amtierenden Leitung, die alles richtig gemacht habe. Für Außenstehende ist das schon allein deswegen schwerer zu beurteilen, weil sich das Haus, an dem unter anderem Barrie Kosky oder Andreas Beck ihre Karrieren starteten, zuletzt eher unter dem Radar größerer Aufmerksamkeit bewegte.
Man kann zwar bemängeln, dass Ostertag durch das Teata einen Vorteil gegenüber anderen Bewerbungen gehabt hat oder dass eine strukturelle Partnerschaft der zwei Bühnen zuvor nicht zur Debatte stand, doch könnte sich die Entscheidung der Kulturpolitik für Ostertags Vorstoß als weitsichtiger Impuls für die freie Theaterszene der österreichischen Hauptstadt erweisen. Ostertag hat sich zu einer der wichtigsten Protagonistinnen dieser Szene entwickelt, die sie jetzt nicht mehr nur künstlerisch, sondern auch strukturell aufmischt.
„Fretten“ läuft am Kosmos-Theater Wien.
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