Kleine Paula – große Klappe, grüne Kulleraugen, zwei Kinder, Ofenheizung, Kohleschleppen, tagtäglich Schichtbetrieb an der HO-Kaufhallenkasse und tief im Herzen eine Riesensehnsucht nach was Großem, Schönem, Aufregendem: Das war das menschliche Antlitz der Deutschen Demokratischen Republik.
Paula, so befand die Mehrheit in der DDR, diese Paula ist der bessere Mensch in uns. Nicht, dass sie klüger wäre oder moralischer. Vielmehr rennt die heftig getretene und ungeniert zurücktretende Frau so blindwütig wie hellsichtig gegen alles an, was ihrem endlich gefundenen Glück – der großen späten Liebe zu Paul – entgegensteht. Paula, das ist Freiheit, Zukunft, Glaube an Paul. Unbeirrbar befolgt sie, was die Seele ihr sagt: Nimm ihn dir, halt ihn fest! – selbst wenn der Staat dagegen ist. Nirgends sonst trugen in der DDR leuchtende Seligkeit und köchelnde Wut aufs geballte Spießertum von oben wie unten so schlichte, schöne Namen als in dem 1973er Defa-Film von Heiner Carow „Die Legende von Paul und Paula“.
Angelica Domröse war damals schon ein Star. Doch mit dieser Rolle, „meiner Paula“, wurde sie, seltenes Glück, legendär bis ans Ende ihrer Tage. Jetzt ist die Schauspielerin mit 85 Jahren gestorben.
„Der meinte mich so wie kein Zweiter“
Paula, die ruppige Realistin und schalkhafte Träumerin, Urberlinerin, Urgewächs aus des Volkes Mitte, „diese Paula“, sagte die Domröse bis zuletzt, „die ist mein gesteigertes Ich.“ Dabei stand sie zunächst nicht auf der Besetzungsliste. Sie war gerade dreißig und galt als „DDR-Bardot“. Doch Carow wollte keinen BB-Verschnitt. Dass die Domröse sich gleich bei den ersten Probeaufnahmen gegen eine Riesenkonkurrenz an Jungblut durchsetzte und sich mit Paula für immer als Charakterdarstellerin etablierte, ließ das „leichtlebige, oberflächliche Lärvchen“ (so sah sie sich rückblickend selbst) fast vergessen, mit dem sie so famos zu betören wusste. Dem sie allerdings auf Anhieb ihren geradezu sensationellen Berufseinstieg im Defa-Kino verdankte. „Für mich“, sagte sie, „war Carow der wirkliche Entdecker. Der meinte mich so wie kein Zweiter.“
Angelica Domröse und Winfried Glatzeder in „Die Legende von Paul und Paula“ aus dem Jahr 1973Die Arbeit mit diesem Mann muss auch wie ein Befreiungsschlag gewirkt haben gegen ihre heimliche Angst, künstlerisch an der Oberfläche kleben zu bleiben. Diese schwelende Angst trieb sie lebenslang um – bis hin in schwere Krisen. Ihr Künstlertum ging immer gegen bloß Hübsches, überhaupt gegen das flott spektakuläre Bloßstellen von Einseitigkeiten.
Zuletzt und noch einmal ganz auf der Höhe ihrer Kunst sowie gleichsam und ganz bewusst als großartiges, unvergessliches Vermächtnis: Angelica Domröse im Potsdamer Theater als Mary Tyron in Eugen O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“, dem schwermütigen und qualvollen Drama einer sich in Entfremdung und Verbitterung auflösenden Familie. Hochhackig stöckelt die morphiumsüchtige Mary Domröse durchs Haus, das ihr längst kein Zuhause mehr ist. Umtänzelt das Riesenrund des Esstischs, sackt bleiern zusammen, eine Erloschene. Doch gleich wieder glüht in ihren weit aufgerissenen Augen Erinnerung an alte Seligkeiten.
Und so geht das: Elfenhafte Schwelgerei im Wahn, schwerer Fall auf harte Tatsachen, die sofort verdrängt werden durch Irrlichtern im Traumland, Anfälle von wütendem Aufbegehren, gar aasig triumphierender Abgebrühtheit. Dann wieder verbitterte Schicksalsergebenheit. Momente eisiger Klarsichtigkeit, tapferer Beherrschung wechseln mit dämmerndem Wehleid. Das Wahnsinns-Endspiel einer großen Schauspielerin. Im Potsdamer Hans-Otto-Theater, ganz in der Nähe des Ortes, wo – gut ein Halbjahrhundert zuvor – ihre sagenhafte Karriere begann: an der Filmhochschule Babelsberg.
„Aber Helli, die ist für uns viel zu schön“
Angelica Domröse, aufgewachsen ohne Vater in einem Hinterhaus in Berlin-Mitte, kam mit 17 durch eine Zeitungsanzeige zum Film. Es klappte auf Anhieb: Hauptrolle in Slatan Dudows Schmonzette „Verwirrung der Liebe“. Da meinte sie, das schlichte „k“ im Vornamen durch ein schickes „c“ ersetzen zu müssen. Seither war sie zu Hause bei der Defa und später beim Fernsehen (etwa in TV-Klassikern wie „Effi Briest“ und „Unterm Birnbaum“ nach Fontane oder „Emilia Galotti“ nach Lessing).
Mit 19 sprach Angelica bei Helene Weigel im Berliner Ensemble vor: das Dienstmädchen Piperkarcka aus Gerhart Hauptmanns „Ratten“. Man war angetan. „Die köstliche Demonstration einer Berliner Großstadtgöre“, notierte Werner Hecht, damals Assistent der Weigel. „Aber Helli, die ist für uns viel zu schön“, monierte Manfred Wekwerth, der andere Assistent. „Na, das kriegen wir auch noch weg“, frohlockte die Prinzipalin. Und engagierte „das Pupperl“.
Angelica Domröse 1963 in Ost-BerlinAm 4. April 1961, Pupperls 20. Geburtstag, war erste Probe für Betty, eine der Prostituierten aus der „Dreigroschenoper“. Mit dem einen Satz: „Immer noch die schwarzen Paspeln.“ Viel mehr als dieser Satz war nicht drin am BE für eine Handvoll Jahre. Auf der Bühne erblühen durfte sie erst – ästhetisch weit entfernt vom BE, „diesem strengen, selbstbezüglichen System“ – an der Berliner Volksbühne. Dort begann in unzähligen Rollen das Freispielen vom Lärvchen, vom Pupperl und von Paspeln.
„Widersprechen von links“
Angelica Domröse war zuerst verheiratet mit dem tschechischen Schauspieler Jiri Vlstava, im Osten bekannt und beliebt als „Clown Ferdinand“. Und dann und getreu bis in den Tod mit ihrem Kollegen Hilmar Thate, der ihr erstmals ausgerechnet am BE über den Weg lief. Die Domröse war – wie Thate – hoch privilegiert. Ein Idol der Masse, das mehr oder weniger direkt mit mehr oder weniger sanftem Druck immer auch politisch vereinnahmt wurde als Aushängeschild des DDR-Sozialismus. Sie genoss ihren Star-Status wie ihre Lust „auf Boheme“ und auf schnelle, fesche Autos. Aber sie war auch zunehmend genervt von der ewigen dreisten Gängelei der Politfunktionäre. Doch la Domröse sah – trotz des DDR-Nationalpreises – keinen Grund, sich den Mund verbieten zu lassen und sich abzufinden mit dem „Karnickelstall DDR“, dem sie immerhin mit einem Rest kommunistischer Gläubigkeit doch noch zutraute, sich zu einem freiheitlichen und gerechten Gemeinwesen zu mausern.
Mit ihrem Hilmar Thate 2013 in BerlinIhr „Widersprechen von links“ gipfelte, trotz vehementer Bedrängnis, im sturen Festhalten an der offenen Parteinahme für Wolf Biermann – gegen „kleinbürgerliche Selbstgerechtigkeit und geistigen Kartoffelsuppengeruch“. Zusammen mit Thate und DDR-Pass durfte sie gnädigerweise fortan in Hamburg Theater spielen. Beide fanden, wie Paula im Film gleichfalls meinen würde, auch das röche noch nach Käuflichkeit. Also dann doch Ausreise ohne Rückfahrkarte.
Im Westen war Angelica Domröse – zunächst – kein Star. Die gewohnte Popularität war weg. „Äußerst gewöhnungsbedürftig!“ Doch allmählich fasste sie Tritt im Film- und Fernsehgeschäft, das sie freilich zunehmend irritierte als „Windgenerator“. Der mache zwar unaufhörlich Welle, schrecke aber vor nichts so sehr zurück wie vor Seegang: Bloß kein Risiko! Für sie reizvolle Filmangebote mit tollen Stoffen wurden schließlich nie realisiert aus Furcht vor niedrigen Quoten. „Das hat mich traurig gemacht im Westen“, gestand sie im Interview anno 1986, just in dem Jahr, in dem sie „Schauspielerin des Jahres“ wurde und „Kir Royal“ drehte.
Wie ein Vermächtnis
„Hätte ich schon immer in diesem Land gelebt, ich wäre Produzentin geworden.“ Sie war „in diesem Land“ vor allem aber Theaterspielerin. Konnte – etwa mit George Tabori, etwa am Burgtheater Wien – herrliche Erfolge feiern. Dennoch vermisste sie die kontinuierliche, zu Vertrauen und besonderer Tiefgründigkeit führende Arbeit mit einem Regisseur an einem Theater. Aber für den Eintritt in eine sogenannte Theaterfamilie mit langfristiger, enger Zusammenarbeit wie damals beispielsweise unter Peymann, Zadek, Stein, dafür kam ihr Eintritt in den Westen zu spät. Als sie schließlich ins Ensemble des Berliner Schiller-Theaters fand, fühlte sie sich mit schönen großen Aufgaben endlich wieder „heimatlich“. Umso schlimmer dessen Abwicklung. „Ein Kulturschock. Wie eine zweite Austreibung aus der DDR.“
1990 in „Der Alte“ mit Rolf Schimpf, und Eleonore Weisgerber (l.)Da war sie Anfang 50, damals ein schwieriges Alter für Schauspielerinnen, doch dreht sie für Kino und Fernsehen (Serien wie „Faust“, „Polizeiruf“), bekommt Lorbeeren (Goldene Henne fürs Lebenswerk, Josef-Kainz-Medaille). Und am Potsdamer Platz in Berlin wird für sie ein Stern auf dem Boulevard der Stars für die Ewigkeit in den Beton gehauen. Dennoch, die Fragile, Feinnervige, notorisch Skeptische, ewig mit sich Unzufriedene stürzte in Daseinsängste, Altersängste, Depressionen. Reißt sich wieder hoch und schreibt zusammen mit der Journalistin Kerstin Decker ihre Memoiren. Es wurde eines der bewegendsten Künstler-Erinnerungsbücher. Der beredte Titel „Ich fang mich selber ein“ umreißt ihre ewige Lust auf Ausreißen, ihren Drang, ja ihre Sucht nach neuen, schöneren Welten, nach einem erhabeneren Ich – und das harte Zurück in einen realen, ernüchternden Alltag.
Die Arbeit an den Memoiren, ihr schwieriges Sichselber-Einfangen immer und immer wieder, mag einer der Gründe sein, dass die Potsdamer Mary Tyron so sehr eindringlich, in ihrer Schmerzlichkeit so herzpackend gelang – geradezu wie ein Vermächtnis. Zum Schauspielerberuf gehöre „die Fähigkeit zur Hingabe an ein anders Sein“, sagt sie in ihrem Buch. Und diese Fähigkeit beruht auf einem womöglich fragilen, aber letztlich alles Bedrohliche überwindenden, sehr starken Ich. Wie bei der Domröse.
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