Zu den fast vergessenen Bekleidungsideen der Popkultur gehört, dass Tarzan im Dschungel und anderswo nicht bloß die Leoparden-Unterhose trug, ohne Eingriff. Nein, lange schritt und hüpfte der Affenmensch im Leoparden-Einteiler umher; Kennerinnen nennen das obere Teil mit dem Schulterträger „asymmetrisches One-Shoulder-Top“. Es ist aber unklar, ob Tarzan sich selbst als Fashion-Victim verstand.

Jedenfalls konnten Leserinnen und Leser am 7. Februar 1932 auf den Sonntagsseiten der amerikanischen Zeitungen, die den Strip „Tarzan“ druckten, eine erste Veränderung sehen. Tarzan ist auf den Spuren eines Panthers, er wird von schwarzen Kriegern der Al-Alba gefangen genommen. Man reißt den Schulterträger entzwei, übrig bleibt nur der Lendenschurz. Bald kommt die hochgewachsene, blonde Hulvia und rettet Tarzan fürs Erste.

Im August und September funktioniert Tarzan dann den wiederhergestellten One-Shoulder-Träger nach einem Sturz zu einer Armschlinge um. Danach findet er wohl keinen Ersatz mehr, denn fortan trägt Tarzan den Leo-Schlüpfer und sonst gar nichts. Dieser Striptease mag damit zu tun haben, dass im März 1932 der erste „Tarzan“-Film mit Johnny Weissmuller ins Kino gekommen war. Auf dem gezeichneten Plakat trug der Held ebenfalls den Leoparden-Einteiler, im Film selbst lief Tarzan aber nur mit Lendenschurz umher. Freiheit für die Männerbrust. Free the nipple.

Tarzan im Leoparden-Einteiler der Anfangsjahre: Abbildung aus dem Taschen-Band „Hal Foster’s Tarzan“

Der Schöpfer der Seiten allerdings trug korrekten dunklen Anzug und darüber einen weißen Zeichnerkittel. Auf einem Foto aus dem Studio 1933 sind deutlich Tuschespuren auf dem Kittel zu sehen. Die Affenmenschen mit stupenden Details auszustatten und wilde Landschaften zu erschaffen, zog Spuren aus Tusche nach sich. Der Name des Zeichners war Hal Foster (1892–1982), er stammte aus Kanada. Sein Werk ist berühmt, nicht nur bei Comic-Fans, aber weniger für den Dschungelmenschen, der mit den Al-Alba und anderen Stämmen sowie Löwen, Gorillas, Hyänen kämpft. Mehr als 40 Jahre schrieb und zeichnete Foster die Sonntagsseiten zu einem weit gereisten Helden aus dem hohen Norden, dem Wikinger-Prinzen Eisenherz (Prince Valiant). Das voluminöse Buch „Hal Foster’s Tarzan“* versammelt die farbigen Sonntagsseiten, die zwischen 1931 und 1937 erschienen sind.

Foster führte den Comic-Strip zu einem Höhepunkt der grafischen Erzählkunst. Tarzan entwickelt sich zum klassischen Abenteurer, der ungezählte Kämpfe führt und sich mit Natur und Mensch auseinandersetzen muss. Oder wie der Hamburger Sänger „Der dicke Willem“ in den 70er-Jahren im Leoparden-Einteiler hitverdächtig verkündete: „Tarzan unser Dschungelheld, / der niemals auf die Schnauze fällt“.

Als junger Mann war Foster 1919 mit dem Fahrrad 1600 Kilometer von der Provinz Manitoba nach Chicago gefahren, um Arbeit zu finden. Ab 1928 hatte er bereits den populären Tarzan-Roman von Edgar Rice Burroughs als zehnwöchigen Comicstrip in Schwarz-Weiß gezeichnet, sich dann aber der lukrativen Illustration von Werbung zugewandt. Nach dem Börsencrash von 1929 gab es weniger Aufträge – und Tarzan kam zurück.

Hal Foster am Zeichenbrett beim Tuschen, 1933

Foster hatte wenig übrig für Sprechblasen, weshalb er sie einfach wegließ. Nichts sollte in den Bildern stören oder die Komposition überdecken. Was gesagt werden musste, stand am Boden eines jeden Panels.

Am 27. September 1931 erscheint die erste von Fosters farbigen Sonntagsseiten, erzählt wird nicht die Ur-Geschichte des im Dschungel verlassenen Babys, das von Affen großgezogen wird.

Die Erzählung springt mitten hinein, ein französisches Flugzeug stürzt ab, der Pilot ist Captain D’Arnaud, ein alter Freund Tarzans. Der Held ist noch etwas unbestimmt gezeichnet, die Körperkonturen und die Gesichtsausdrücke werden sich verändern, auch der Haarschnitt. Anfangs hat der Mann aus Afrika fast den gleichen Topfschnitt wie später Prinz Eisenherz im frühen Mittelalter. Es ist eben im Urwald und auf Reisen schwer, einen guten Friseur zu finden.

Tarzan tanzt Dum-Dum, 18. September 1932

Aber Fosters berühmte Detailverliebtheit in den Hintergründen ist schon zu erkennen, die Sorgfalt, mit der die Linien ausgeführt sind, die Akkuratesse von Stammeskriegern, von Tieren, von Bauten und Landschaften. Der Zeichner weiß, dass die farbige Erzählung fremder Welten von der glaubhaften Realität abhängt, der Ausmalung, wenn man so will. Das verstärkt sich im Lauf der Zeit; überall gibt es etwas zu bestaunen. Wilde Pflanzen und Baumwurzeln, fein ziselierter Schmuck, reißende Zähne.

In einem Panel im März 1933 sitzt Tarzan in einem Baum, offensichtlich sein Schlafplatz, denn Stroh ist auf dem starken Ast ausgelegt. In den Zweigen sitzen und fliegen zehn bunte Vögel, jeder einzelne exakt und unterschiedlich gezeichnet. Im nächsten Bild ist die ägyptische Prinzessin Nikotris zu sehen, sie trägt ein schwarzes, sehr dünnes Kleid mit bunter Schärpe und ja, weite Teile des Kleides sind durchsichtig.

Immer wieder junge Frauen in Not, Bild aus der Seite vom 5. Juni 1933

Die Skript-Anmerkung des damaligen Texters George Carlin verlangte nach „reichlich weiblicher Nacktheit“. Das gab es prompt – in züchtiger Form – in Fosters Zeichnungen häufig zu sehen. Seine spärlich bekleideten Frauenfiguren entwickeln sich schnell zu Anziehungspunkten; auch da ist eine deutliche Entwicklung in den Zeichnungen zu erkennen. Natürlich versagt sich Tarzan etwaige erotische Abenteuer. Der Affenmensch bewährt sich als amerikanisch-puritanischer Vorbildmann.

Der Dschungelheld in Aktion: Ausschnitt Zeitungs-Sonntagsseite vom 23. April 1933

Tarzan selbst wirkt oft weniger genau gezeichnet, als sei er hastig in die Gesamtkomposition eingefügt. Sein mächtiger Körper ist recht weit vom Bodybuilding heutiger Schönheitsvorstellungen entfernt.

Erst Fosters Nachfolger Burne Hogarth zeigt ein starkes Interesse an Anatomie, wird Tarzan den mythischen Körper geben, der sich mühelos an Lianen durch die Luft schwingt, der zu fliegen scheint und erst in Bewegung zu sich selbst findet. Offenbar gibt es auch im Dschungel Proteinpulver und Hanteln für das Muskel-Feintuning.

Die Sonntagsstrips sind in ihrer Opulenz seriell und kolportagehaft, mit unaufhörlicher Atemlosigkeit, aber die Bögen spannen sich anders als später in den Comicheften, die sich an 24 Seiten halten und damit die Geschichte abschließen. „Tarzan“ setzt Maßstäbe, indem er lange Geschichten mit jeweils kurzen Spannungsbögen ausbreitet. 1933 beginnt das „ägyptische Abenteuer“, das wegen der Beliebtheit bei den Lesern verlängert wird und sich schließlich über 84 Folgen bis zum Sommer 1934 zieht. Das sind Längen, die nicht einmal heutige Graphic Novels erreichen.

„Tarzan“ ist bei den Lesern beliebt, immer neue Zeitungen drucken den Strip ab. Allerdings werden pro fertiger Seite anfangs nur 75 Dollar gezahlt, Foster bekommt davon 15 Dollar. Es reicht kaum zum Leben. Immer wieder beklagt er sich über die mangelnden Einkünfte, aber die Händler der Comicstrips behalten das Geld lieber für sich. Foster, unzufrieden mit den Textvorlagen, überlegt seit 1934, seinen eigenen Strip zu schreiben und zu zeichnen. 1937 gibt er endgültig auf, da steckt er bereits tief in den Entwürfen für den nordischen Zyklus. 1935 trifft Tarzan in einem fantastischen Umgang mit den Jahrhunderten bereits auf Wikinger. Man schlägt sich auf brennenden Booten, Schwerter blitzen, Helme mit Hörnern überall. Unter einem Bild steht „Tarzan’s Vikings fought valiantly“, da ist Prince Valiant, der tapfere Prinz, sehr nah.

Das King Features Syndikat, hinter dem Medien-Mogul und Comic-Fan William Randolph Hearst steckt, will Foster unbedingt haben. Ihm wird das Urheberrecht an seiner Figur und eine 50:50-Teilung der Einnahmen garantiert, ein großzügiger Deal. Für „Prinz Eisenherz“ nimmt Foster vieles aus dem Dschungel mit, die Art, die Arme zu bewegen etwa, die weiten Perspektiven, die Genügsamkeit des Helden, die sehnsüchtigen Blicke der Prinzessinnen, ihre blauen Halstücher, die im Wind wehen. Eisenherz’ Ethos kommt nicht nur aus den Island-Sagas und von König Artus, es beruht auf Tarzans Antrieb.

Gesamte Sonntagsseite von 16. Oktober 1932

Fosters „Tarzan“ endet am 2. Mai 1937. Auf der letzten Seite ist – wie auf der allerersten – ein Flugzeug zu sehen. Prinzessin Nakonia, die Tarzan heimlich liebt, lässt ihn gefangennehmen. Hände greifen nach Tarzans Schultern. Was danach kommt, ist eine andere Geschichte.

Der Tarzan-Schlüpfer übrigens mutiert weiter, bald taucht er anderswo in Comics auf. Es liegt nahe, dass sich zwei junge Comic-Fans von Fosters Tarzan beeinflussen lassen. Die Teenager Jerry Siegel und Joe Shuster nutzen den Schlüpfer, um ihren neuartigen Helden auszustatten. Ihr Mann vom Planeten Krypton trägt ab 1938 zum blauen Kostüm eine knallrote Über-Unterhose, die exakt nach Tarzans Schlüpfer aussieht. Superman fliegt nur durch eine ganz andere Art Dschungel.

Hal Foster’s Tarzan. The Complete Sunday Comics 1931–1937. Taschen, 392 S., 200 Euro*

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