Der traditionelle Arte-Empfang auf einem Boot, das neben dem Palais des Festivals vertäut liegt, nimmt ein jähes Ende: Die Besucher müssten jetzt bitteschön gehen, heißt es entschuldigend, es gebe noch einen Folge-Event: die Premierenparty von „Heimsuchung“, dem neuen Film von Volker Schlöndorff.
Der große Literaturverfilmer des deutschen Kinos kehrt mit 87 Jahren zurück nach Cannes, dahin, wo seine Geschichte einst begonnen hat. Als Schlöndorff Mitte der Sechzigerjahre mit „Der junge Törless“ erstmals nach Cannes eingeladen wurde, fuhr er im VW-Bus über die Alpen – lange bevor der Brenner zur reibungslosen Transitstrecke wurde. Seinen Triumph feierte Schlöndorff dann 1979: Für die Verfilmung der „Blechtrommel“ gewann er die Goldene Palme.
In diesem Jahr läuft „Heimsuchung“ nach dem gleichnamigen Roman von Jenny Erpenbeck in einer Nebenreihe. Schlöndorff sieht das gelassen, wie er vor ein paar Tagen der „NZZ“ erzählte: „Ich hatte mich zuvor mit Gilles Jacob besprochen.“ Der inzwischen 95-jährige französische Filmkritiker und vormalige Präsident der Filmfestspiele tröstete den Freund: „Du kannst doch nicht in den Wettbewerb gehen in deinem Alter, du hast doch die Palme schon.“ Schlöndorff fand das „sehr gut“.
Volker Schlöndorff bei den Dreharbeiten„Heimsuchung“ erzählt die Geschichte eines Hauses am Scharmützelsee nahe Berlin. Es wird zum Dreh- und Angelpunkt deutscher Geschichte, im Vorkrieg, im Dritten Reich, der DDR, zuletzt der Bundesrepublik – stets überwölbt von einem von den Zeitläuften unbeeindruckten märkischen Himmel. Das Haus bleibt äußerlich genauso unbewegt, aber unsichtbar türmen sich in seinem Inneren und in seinem schönen Garten im Laufe der Jahrzehnte Hoffnungen und Enttäuschungen wie Sedimentschichten. Menschen kommen, bauen, lieben, verdrängen, fliehen, werden vertrieben, enteignet, sterben.
Los geht es in den frühen Dreißigerjahren. Nach einer unehelichen Schwangerschaft enterbt ein zürnender Bauer (Detlef Buck) die Tochter, für die das Grundstück vorgesehen war. Stattdessen errichtet ein Architekt für seine Geliebte ein modernes Refugium: warmes Holz, raffinierte Einbauten – darunter ein versteckter begehbarer Kleiderschrank, der noch eine wichtige Rolle spielen wird –, diskrete Eleganz, die ganze optimistische Utopie der Moderne.
Lars Eidinger spielt diesen Mann mit seiner latent raubtierhaften Geschmeidigkeit. Er ist kein fanatischer Nazi, eher der Typ kultivierter Opportunist, den das deutsche Bürgertum des 20. Jahrhunderts in so erschreckender Zahl hervorgebracht hat. Einer, der es gut versteht, Häuser und zugleich sich selbst in jedes System einzurichten. Die Bewerbung des Ehrgeizlings im Büro Albert Speer scheitert. Was er als Unglück und persönliche Ungerechtigkeit erlebt, erweist sich später als Segen, wenn die Russen den Kriegsheimkehrer als politisch unbescholten laufen lassen.
Dabei hat er sich schamlos das Nachbargrundstück angeeignet, als sich die Chance dazu bot. Ein jüdischer Tuchhändler, gespielt von Ulrich Matthes, verkauft es weit unter Wert, um die Ausreise seiner Familie zu finanzieren. Während Eidinger mit höflicher Schlüpfrigkeit agiert, legt Matthes in jede Bewegung eine stille, erschöpfte Würde. In seinem Blick liegt früh das Wissen, dass alles zu spät ist. Als der Brief mit der Aufforderung kommt, für acht Tage zu packen und sich zwecks Umsiedelung nach Polen zu begeben, fügt er sich klaglos in sein Schicksal.
Seine Enkelin, deren Tage auch gezählt sind, schickt den Großeltern Briefe. Es kommt nie eine Antwort. Jahrzehnte später entdecken die neuen Bewohner hinter einer Holzvertäfelung eben jene Briefe des Kindes. Die Mutter, die wohl ebenso ahnte wie der Großvater, was gespielt wird, hat sie nie abgeschickt. So findet sich die perfide Bürokratie des nationalsozialistischen Massenmords in dem scheinbar unschuldigen Haus gewissermaßen postlagernd wieder.
„Heimsuchung“ kennzeichnet eine eigentümliche Statik. Schlöndorff inszeniert den Film mit ruhiger Eleganz. Doch gelingt es den Bildern nicht, sich vom Reißbrett der Konstruktion zu lösen, als wären sie festgetackert an Eidingers Zeichenpult. Erpenbecks Roman wird für seine strenge, fast mathematische Architektur gerühmt. Wegen seiner Kraft, mit der er deutsche Geschichte in einem winzigen Punkt konzentriert, ist er inzwischen Schullektüre. Schlöndorff versucht, die Abstraktion zu konkretisieren. Der Stoff drängt aber stark zum Generischen zurück.
So fühlen sich die Familien, die das Haus nacheinander bewohnen, besonders an und zugleich wie idealtypische Rollenmodelle. Das Didaktische, Erklärerische lastet schwer auf den Bildern. Und die Geschichte wirkt arg vorhersehbar, weil sie sich entlang historischer Wegmarken bewegt, die kulturell allzu bekannt codiert sind. So viele deutsche Familien kennen Fluchterfahrung aus dem Osten, die glücklich verpasste, weil später versenkte „Wilhelm Gustloff“ oder den fanatischen Glauben an einen neuen Menschen der DDR.
Am stärksten wird „Heimsuchung“ immer dann, wenn der Film die historische Konstruktion einen Moment zu vergessen scheint und ganz den Schauspielern vertraut. Besonders die Szenen zwischen Eidinger und Susanne Wolff als seine Frau ragen heraus. In ihrem Wunsch nach Schönheit und Privatsphäre liegt die absichtliche moralische Blindheit ihres Milieus. Das Haus erscheint wie Verdrängung, zu Stein erstarrt.
Verdrängung, zu Stein erstarrt: Das Haus am SeeGroßartig auch die Episode, als die Rote Armee das Haus für ein paar Nächte requiriert. Susanne Wolffs Figur ist nicht geflohen, hat nur rasch mit dem Gärtner das Tafelsilber und das Meissener Porzellan in Kisten verpackt im See versenkt. Sie selbst verbirgt sich in dem begehbaren Kleiderschrank hinter der doppelten Tür. Ein junger Soldat entdeckt sie doch. Die Vergewaltigung bekommt die Ambivalenz echter Nähe. Er berichtet ihr von den schrecklichen Gräueltaten der Nazis in seiner ukrainischen Heimat, die auch seine Familie nicht verschont haben. Und doch verrät er sie nicht, lässt ihr sogar etwas Brot da. Dann kommt bald Eidinger zurück. Sein Blick fällt auf das Brot. Er fragt noch, woher sie es denn habe. Und ahnt es in derselben Sekunde schon. In solchen Szenen ist der Film am stärksten.
Für Schlöndorff, der Erpenbeck schon lange kennt – einst versuchte er ihr erfolglos beim Zugang zum Regiestudium zu helfen –, mag sich das Projekt fast so autobiografisch angefühlt haben wie für die Autorin der Vorlage, die wohl auch am Drehbuch beteiligt war. Im ersten Kriegsjahr 1939 geboren, ist Schlöndorff einer der letzten großen Humanisten des europäischen Kinos. In die Lehre ging er bei den Regisseuren der französischen Nouvelle Vague. Noch mehr bewunderte er die Amerikaner der Folgejahre. Seine ganze Karriere kreist um die Geschichte des 20. Jahrhunderts, in Form adaptierter Romane von Grass, Frisch, Musil und Proust. Seit Langem lebt auch er in einem Haus an einem brandenburgischen See, dem Griebnitzsee nahe Potsdam. In gewissem Sinne zieht „Heimsuchung“ die Summe eines Regielebens.
Wo Erpenbeck Geschichte aber als erbarmungslosen geologischen Prozess beschreibt, sucht Schlöndorff nach dem Menschen darin, nach Würde und Moral. Schließlich, nach Gerichtsprozessen, die mit einer Rückgabe an die Familie der aus der DDR geflohenen Besitzer enden, liegt das Haus in Trümmern. Bagger kommen, es einzureißen. Womöglich eine mehr oder weniger bewusste Metapher für Schlöndorffs eigenes Werk, das einer verschwindenden Epoche angehört. Die erfolgreiche DDR-Schriftstellerin (Martina Gedeck), eine der letzten Bewohnerinnen, die ihr Privileg, darin zu leben, lange genauso leugnete wie die Untaten ihres Staats, ertränkt sich im See.
Man verlässt das Kino mit gemischten Gefühlen. Vielleicht hat ein internationales Publikum mehr von dieser Geschichtslektion in Streiflichtern als ein deutsches, das das alles viel zu gut kennt. Auch künftige Generationen mögen es interessanter finden.
Am Tag nach dem Arte-Empfang war der Autor auf dem Weg zu einem Interview, als er auf der Croisette einen Mann mit Käppi und buntem Hemd bemerkte, einen unscheinbaren Angehörigen der Massen, die sich den Strand entlang wälzen. „Morgen fahren wir zurück“, sprach er beim Vorübergehen in sein Telefon. Ein kleiner, großer Moment: Volker Schlöndorff nimmt Abschied von Cannes.
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