Beginnen wir mit dem Ende: Die Welt von Jakob Fabian bricht zusammen, als sein Freund Stephan Labude sich wegen des intriganten Spruchs eines Universitätsassistenten erschossen hat. Der talentlose Konkurrent hatte wahrheitswidrig behauptet, Labudes Habilitationsschrift sei abgelehnt worden. Fabian verprügelt den Assistenten, der Professor entlässt ihn. Für Fabian reicht das nicht, da ist noch viel Verzweiflung übrig. Er greift zum Schwert und zerschlägt mit zwei Dutzend Hieben, die eine ganze Kohorte niederstrecken könnten, zwei große, weiße Papierwände, bis sie samt Aufhängung lädiert links und rechts neben der Spielfläche schräg über der Bühne hängen.

Mirco Kreibich im Spielrausch

Erschöpft und schwer atmend steht der wie berauscht spielende Mirco Kreibich in der Hauptrolle da. Als Fabian sieht er, wie ein kleiner Junge ins Wasser fällt. Er springt hinterher und ertrinkt als Nichtschwimmer beim Rettungsversuch, während der Junge sich schwimmend ans Ufer rettet. So sieht das im Schauspielhaus aus: Die dritte Projektionsfläche des Abends, die leicht schräg über dem Spiel hing und den Deckel des Spielquadrats bildete in den knapp drei Stunden, sinkt unerträglich gleichmäßig langsam herab, drückt Fabian tiefer und tiefer, unentrinnbar in den Tod. Der Roman „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“, Aushängeschild der Neuen Sachlichkeit, humanistisch-aufklärerisches Meisterwerk, trifft in der ergreifenden Bühnenfassung und Inszenierung von Regisseur Dušan David Pařízek einen Nerv.

Fabian (Mirco Kreibich) schlägt seine Welt entzwei

„Zu seinen Lebzeiten schrieb ich mehr als einmal und wohl etwas trotzig, Kästner, dieser Sänger der kleinen Freiheit, dieser Dichter der kleinen Leute, gehöre zu den Klassikern der deutschen Literatur unseres Jahrhunderts. Habe ich zu dick aufgetragen? Ich weiß schon: Seine Romane, auch der wichtigste, ‚Fabian‘, sind längst verblasst, wenn nicht vergessen. Für die Bühne ist ihm nichts geglückt“, urteilte der Literatur-Papst Marcel Reich-Ranicki (1920-2013) in seiner Autobiografie „Mein Leben“ und erläuterte, warum wohl nur Gedichte und Kinderbücher von Erich Kästner unsterblich seien.

Eine Odyssee durch das Babylon Berlin

Seit Donnerstag, dem 21. Mai 2026, darf dieses Urteil als so überholt gelten wie der Roman „Fabian“ im Jahre 1999, als „Mein Leben“ erschien. Denn unsere Tage werden den 1920er-Jahren in gespenstischem Tempo und auf unheimliche Art in mancherlei Hinsicht ähnlicher, als Reich-Ranicki vor einem Vierteljahrhundert ahnen konnte. Nun ist auch Kästners Roman von 1931 zurück, ironischerweise auch als Bühnenstück geglückt. Dabei wird noch einmal klar: Die Handlung des geschickt gebauten Romans besteht aus kunstvoll ineinander verschachtelten Episoden, die eine Odyssee ergeben: durch das Berlin am Ende der Goldenen Zwanziger, durch das Babylon Berlin, durch den Zusammenbruch der Weimarer Republik, durch den aufkommenden Faschismus.

Die Irrfahrt dieses modernen Odysseus führt nach dem Ersten Weltkrieg, aus dem Fabian als Alter Ego des Autors Erich Kästner mit einem schweren Herzleiden zurückkehrt, durch die Wirren der wackelnden Demokratie Weimars. Durch die Arbeitslosigkeit, durch die Wohnungslosigkeit, durch mangelnde Jobsicherheit, durch die wachsende Kriegsgefahr, durch Schlägereien zwischen Rechts- und Linksradikalen, erneut.

Das Chaos gipfelt in Surrealismus und Punk

In „Fabian“ im Schauspielhaus passt alles zusammen: Die Szenen, die Pařízek dem Roman entnommen hat. Die Bilder auf den weißen Papierflächen, die immer abstrakt und punktgenau die Handlungsrahmen gemeinsam mit den Gefühlen der Zeitgenossen spiegeln. Von einfachen Blümchen auf Overhead-Projektoren, die eine ganze Blumenwiese bilden bis zu surrealen Collage-Animationen a la Monty Python, die Großstadt zeigen und Gefahr. Die Livemusik, die zweimal an diesem Abend kurz in Punk gipfelt, bildet eine Lupe, die Herzensangelegenheiten auf den Grund geht. Ein Blick in den Abgrund, auf den drohenden Untergang.

„Es treten wichtige Personen auf und verschwinden vor der Zeit. Es kommen unwichtige Leute daher und kehren mit einer Heftigkeit, die ihnen gar nicht zukommt, immer wieder“, beschrieb Erich Kästner die Handlung seines Romans, und weiter: „Ein junger Mann erschießt sich, ein anderer junger Mann ertrinkt. Und beide Todesfälle sind äußerlich so wenig gerechtfertigt, beide Herren kommen derartig aus Versehen ums Leben, dass man fragen könnte: Gab es denn keine zwingenderen Anlässe? Warum versagte der Autor ihrem Tod die Notwendigkeit?“ Die Erklärung folgt auf dem Fuße: „Man könnte beinahe vermuten, es handle sich um eine Absicht. Die Dummheit dessen, was geschieht, nimmt, vom zunehmenden Tempo des Geschehens angeregt, imposante Ausmaße an. Jeder Tag ist für den, der ihn erlebt, eine Reise im verkehrten Zug ans falsche Ziel. Die Vernunft geht ins Exil. Der verworrene Zustand und der ratlose Mensch bleiben übrig.“

Fünf Schauspieler in 36 Rollen

Das Ensemble um Kreibich trägt das Stück wie ihn als Star des Abends in nicht weniger als 36 verschiedenen Rollen. Wobei Christoph Jöde als Stephan Labude und zwei kleineren Nebenrollen voll ausgelastet ist, denn Labude erschießt sich bekanntlich erst kurz vor Schluss. Er bildet den klugen Ruhe- und Gegenpol für den unruhig dahinhetzenden Fabian, der das Gefühl vermittelt, möglichst reflektiert durchs Leben zu stolpern, unter widrigen Umständen – wie etwa hungrig – den Selbstrespekt zu bewahren, frei nach Kästner: von dem Kakao, durch den man ihn seitens seiner Auftraggeber zieht, nicht auch noch zu trinken.

Fabian (Mirco Kreibich) geht, Battenberg (Emma Oberpichler) weiß, was sie getan hat

Markus John erweckt für kurze Momente und längere Sequenzen eine Vielzahl von Figuren zu überzeugendem Bühnenleben. Vom kleinen Mädchen bis zum Professor reicht die hoch konzentrierte Palette, von Fräulein Sommer bis zum Erfinder. Dabei genügt immer ein schneller Kostümwechsel, eine neue Frisur, ein weiteres Requisit für die Wandlung zur nächsten Figur. Emma Oberpichler aus Berlin feiert in acht Rollen vom schäbig gekleidet Mann bis zu Fabians wahrer Liebe Cornelia Battenberg, die ihn für einen Produzenten verlässt, einen tollen Einstand am Schauspielhaus. Und Henning Hartmann spielt alle anderen, manche sogar fast zum Verlieben, wie die mannstolle Irene Moll, die Fabian des Öfteren körperlich in die Enge treibt.

Vor dem Faschismus, zwischen den Kriegen

Leider gibt es einen Abzug in der A-Note: Einige Texte im ersten Teil des Abends bleiben für das Publikum unverständlich, nur weil sie, zur Seite gesprochen, wirkungslos in Seitengassen der Bühne verhallen. Das muss nicht sein und dürfte auch vor der Premiere auffallen. Im zweiten Teil benutzt Kreibich dann entweder ein Standmikrofon oder spricht nach vorn, da ist alles gut.

Dieser „Fabian“ zieht das Publikum in seinen Bann und ist das Stück der Stunde, des Tages, der Wochen und der Monate, vor dem Faschismus, zwischen den Kriegen, oder damit alles ganz anders kommen kann als vor knapp hundert Jahren. Die Pflichtlektüre im Deutschunterricht sollte in Hamburg für die Oberstufe wieder eingeführt werden, vielleicht nur für dieses eine Buch: „Fabian“ von Erich Kästner. Da diese Empfehlung nie greifen wird, bis es zu spät ist, sei Schulen derweil das Theaterstück am Schauspielhaus empfohlen.

Pařízek mit Brecht-Stück in Hamburg zu Gast

In der Regie des tschechischen Regisseurs Dušan David Pařízek ist bereits in wenigen Tagen in Hamburg ein weiteres Stück zu sehen, das sich mit dem aufkeimendem Faschismus befasst: Bertold Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, wie „Fabian“ 1931 herausgekommen. Die Fassung des Berliner Ensembles wird beim Hamburger Theaterfestival zu sehen sein, mit den Bühnengewalten Stefanie Reinsperger und Kathleen Morgeneyer in den Hauptrollen. Gespielt wird am 9. und 10. Juni am Thalia Theater.

Nächste Termine „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“: 29. Mai, 7., 18., 23. Juni

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