Das kleine Blatt ist zweigeteilt. Eine waagerechte Linie scheidet verschieden geneigte Schraffuren voneinander. Oberhalb der Linie sehen wir eine Art Karo aus leer gelassenen, hellen und dunkleren Flächen. Unterhalb der Linie liegen die Bleistiftschraffuren enger beieinander, sie sind langgezogen und werden von harten, fast schwarzen Stellen akzentuiert.
Das unscheinbar angedeutete Schiff an der Linie wird nun wichtig. Es sagt unserem Auge, dass wir es bei dieser Linie mit einem Horizont, bei dem Schiff mit einem wirklichen Objekt und bei der Zeichnung also mit einem im weitesten Sinne auch realistischen Landschaftsbild zu tun haben. Genau genommen einer „Meereslandschaft mit Schiff am Horizont“, gezeichnet von Lyonel Feininger im Jahr 1912.
Vor 114 Jahren war das Publikum noch immer nicht so an abstrakte Kunst gewöhnt. Dabei mühten sich die Avantgarden redlich, vom naturalistischen oder realistischen Abbild der Wirklichkeit loszukommen. Auch Lyonel Feininger war damals noch unentschlossen. Der moderne Künstler erkannte den Reiz von beidem, am besten auf ein und derselben Bildoberfläche.
Seine kleine Zeichnung auf gelochtem Papier, um sie in seinem Studienordner abheften zu können, skizziert den Seheindruck an der Ostseeküste. Graues Meer, bewölkter Himmel, heller Strand. All das ist für unser geschultes Auge von heute sofort erkennbar, auch wenn Feininger dafür Mittel der Abstraktion aufwendet. Seinerzeit war es revolutionär. Feinigers Wolken sind eckig, sie bilden ein Raster, das seine kristallinen Ölgemälde vorwegzunehmen scheint, in denen sich Kirchtürme und Stadtlandschaften, wie durch ein Prisma gesehen, in farbige Facetten aufsprengen.
Im Angebot der Ahrenshooper Kunstauktionen, die je einmal sommers wie winters an der Darßer Ostseeküste stattfinden, sind Bilder von Lyonel Feininger stets gut vertreten. Diesmal kommen vier Zeichnungen, zweimal das Meer, zweimal die Kirche von Gelmeroda, unter den Hammer. Alle vier sind in den 1910er-Jahren entstanden und auf 5000 bis 8000 Euro geschätzt.
Lyonel Feininger, „Meereslandschaft mit Schiff am Horizont“, 1912Insgesamt werden bei der diesjährigen Sommerauktion gut 200 Kunstwerke versteigert. Darunter sind wie üblich viele Maler der ab 1892 bestehenden Künstlerkolonie Ahrenshoop, etwa Paul Müller-Kaempff, Louis Douzette und Carl Malchin mit Schneelandschaften. Aus dem späten 19. Jahrhundert stammt von Carl Saltzmann in Öl auf Karton eine schöne „Sommerfrische auf der Insel Vilm (Rügen)“, die seit den 1950er-Jahren ein vor Besuchern geschütztes Naturschutzgebiet ist. Aber auch zeitgenössische Kunst ist dabei, etwa eine frühe Lithografie („Ernst R.“) von Neo Rauch.
Alle Lose der Sommerversteigerung werden in Ahrenshoop in den kommenden Wochen im Kunstkaten und der Strandhalle ausgestellt. Die 52. Ahrenshooper Kunstauktion findet am 1. August 2026 statt.
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