Zu den wichtigsten Bands der alternativen Rockgeschichte gehören nicht unbedingt die Bands, die die meisten Platten verkauft haben. Es sind manchmal auch die Gruppen, die gerade lange genug bestehen, um einen Mythos zu hinterlassen, und früh genug abtreten, um ihn nicht zu beschädigen. Während es zu viele Künstler gibt, die zu lange durchgehalten haben, gehören Texas Is The Reason zu den wenigen, die genau im richtigen Moment verschwanden.
Als sich die Band 1997 auflöste, hinterließ sie eine EP und ein Album und damit gerade einmal 13 Songs. Das reichte aus, um die moderne Version eines Genres mitzuprägen, das unter dem Schlagwort Emo populär wurde, und eine Wirkmacht zu entfalten, die bis heute nachwirkt. Dabei deutete zunächst wenig darauf hin, dass Texas Is The Reason einmal zu einer Band werden würde, deren Einfluss größer ist als ihr Werk.
Die New Yorker veröffentlichten nie ein zweites Album, spielten eher in Clubs als in Arenen und existierten nur wenige Jahre. Was blieb, sind diese 13 Songs voller Sehnsucht, Verlust und jener schwer greifbaren Melancholie, die sich jeder eindeutigen Interpretation entzieht.
Die Wurzeln liegen in der New Yorker Hardcore-Szene
„It’s all about a secret I had or kept or stole from you“, singt Garrett Klahn in „The Magic Bullet Theory“, und Geheimnisse und magische Momente gibt es viele in den Texten von Texas Is The Reason. Sie wirken wie kleine Gedichte, wie Fragmente von Erinnerungen, die nie ganz ausgesprochen werden, aber in ihrer nach vorn treibenden Dringlichkeit, ein Gefühl erzeugen, in dem sich Euphorie und Schwermut auf eigentümliche Weise miteinander verbinden.
Vielleicht liegt genau darin die Kraft dieser Songs, die über sich und die Zeit, in der sie entstanden sind, längst hinausgewachsen sind. Und vielleicht altern sie gerade deshalb so gut. Alle paar Jahre lässt sich das wieder feststellen, denn zu den großen Jubiläen ihres Albums „Do You Know Who You Are?“ – der Legende nach die letzten Worte, die John Lennon vor seinem Tod gehört haben soll – tourt die Band mit besagter Handvoll Songs im Gepäck um die Welt und machte nun auch im Kölner Volta Club Station.
Das Publikum, das sich hier eingefunden hat, ist gleichzeitig zu jung und zu alt, um bloß von dem Gefühl der Nostalgie zusammengehalten zu werden: Einige Besucher haben die Band noch in den Neunzigern erlebt, andere entdeckten sie erst Jahre nach ihrer Auflösung. Man muss sie erlebt haben, um ihre tiefe Verwurzelung in der New Yorker Hardcore-Szene zu verstehen, die sich eben nicht durch ihre Platte aufdrängt, sondern bloß in der Energie der Clubshows erkennen lässt. Etwa, wenn die Band „Antique“ (ihren vielleicht schönsten Song) anspielt.
Obwohl „Antique“ ein ziemlich schwerer, melancholischer Song ist, der davon handelt, dass man sich manchmal voneinander entfernen muss, um wieder zusammenzufinden, entlädt sich im Club genau hier die gesamte Energie des Publikums, es bildet sich ein erster Mosh-Pit. Magisch sind diese Momente, weil sie etwas offenbaren, was man auf dem Album nicht unbedingt hören kann.
Die Texas-Mitglieder spielten zuvor in Bands wie Shelter, 108 oder Fountainhead, Gruppen, in denen Energie oft wichtiger war als Melodie und Haltung mehr zählte als Perfektion. Texas Is The Reason nahmen diese Intensität mit, übersetzten sie jedoch in eine andere Sprache, die Wut wich der Melancholie, nur die Dringlichkeit blieb. Die Band rückte Themen wie Verletzlichkeit, Sehnsucht und zwischenmenschliche Beziehungen in den Mittelpunkt. Es war genau diese Mischung, die heute als Blaupause für die moderne Version von Emo gilt, womit Bands wie Dashboard Confessional oder Jimmy Eat World einige Jahre später Millionen von Menschen erreichen sollten.
Die Band hatte auf ihrem Höhepunkt Anfragen von beinahe allen Majorlabels, aber sie entschieden sich aufzuhören, bevor sie sich verbiegen würden. Nach der Auflösung zerstreuten sich die vier Mitglieder in alle Richtungen. Sänger Garrett Klahn und Drummer Chris Daly blieben der Musik verbunden, während Bassist Scott Winegard eine zweite Karriere begann: Er arbeitete sich durch die vegetarische und vegane Gastronomie New Yorks, wurde zu einem renommierten Küchenchef und schließlich sogar zum persönlichen Chefkoch von Heidi Klum.
Es ist eine dieser unwahrscheinlichen Fußnoten der Musikgeschichte: Eine Band, die kurz davorstand, bei einem Majorlabel zu unterschreiben, verschwand – und während ihre Songs langsam zu Klassikern wurden, lebten die Menschen, die sie geschrieben hatten, einfach ihr normales Leben weiter.
Auf amerikanischen Außenspiegeln steht ein Warnhinweis: „Objects in mirror are closer than they appear.“ Dinge sind näher, als sie scheinen. Bei Texas Is The Reason verhält es sich genau andersherum. Je weiter die Band in den Rückspiegel der Musikgeschichte rückt, desto größer erscheint sie. Die meisten Bands sterben langsam, aber Texas Is The Reason verschwanden, kurz bevor sie explodierten. Vielleicht ist genau das der Grund, warum sie bis heute geblieben sind.
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