Wenn in Wien die Temperaturen bis auf 40 Grad klettern und sich die prächtigen Häuser und Straßen aufheizen, dann fährt die Wiener Gesellschaft zur Sommerfrische in den Semmering. Dort, an der Grenze von Niederösterreich zur Steiermark, ist es meist 7 bis 8 Grad kühler. Die Luft ist frisch. Zwischen den über 1000 Meter hohen Gipfeln fließt kaltes, klares Wasser durch Bergbäche, und das saftige Grün der Wiesen und Wälder triumphiert über das vertrocknete Gelb innerstädtischer „Grünflächen“.

Ende des 19. Jahrhunderts erlebte die Region ihre große Blüte als Erholungsgebiet: Entlang neuer Eisenbahnstrecken in den Süden entstanden mondäne Grandhotels wie das berühmte Südbahnhotel. Heute steht es leer. Doch in den alten Prunksälen wird jetzt Theater gespielt: „Krieg und Frieden“ ist der umjubelte Höhepunkt der Festspiele Reichenau.

Von Weitem schon erblickt man die grünen Dächer des einstigen Luxushotels, das mit einem umwerfenden Blick über Täler und Bergketten lockt. Im Inneren sieht man noch den Glanz früherer Tage: die Stuckverzierungen, die Kronleuchter, die Schmuckfenster. Man könnte sich kein besseres Bühnenbild für Leo Tolstois monumentalen Roman vorstellen, der von den Erschütterungen der Napoleonischen Kriege im adligen Milieu des zaristischen Russlands erzählt. Glanzvolle Vergangenheit, trostlose Gegenwart, unklare Zukunft – all das teilen Tolstois Protagonisten und der Spielort. Von Krieg und Frieden könnte das Südbahnhotel auch einige Geschichten erzählen. Während beider Weltkriege wurde das Hotel als Lazarett genutzt. Und in der Zwischenkriegszeit, auch Frieden genannt, blieben viele Gäste fern, vor allem wegen der Weltwirtschaftskrise.

Regisseur Philipp Hauß und seine Dramaturgin Rita Thiele haben aus den über 1000 Seiten des Romans eine Spielfassung von knapp drei Stunden Dauer gemacht. Im rasenden Tempo fliegt man als Zuschauer durch die von präzisen Dialogen getragenen Szenen, sodass nie auch nur ein Hauch von Langeweile aufkommt. Und auch wenn das Publikum dem Altersdurchschnitt nach zu schätzen wohl eher kaum Netflix-sozialisiert sein dürfte, erlebt es an diesem Abend trotzdem ein perfektes Serien-Feeling, mit Live-Erlebnis noch dazu. Für die diesjährige Theatertreffen-Eröffnung „Il Gattopardo“ mussten die von architektonischer Dekadenz umspielten sizilianischen Palazzi noch detailliert in Bühnenwerkstätten nachgebaut werden, während man im Südbahnhotel eine richtige Rundumerfahrung geboten bekommt, die weit mehr als nur Kulisse ist.

Die Festspiele Reichenau haben es auch dieses Jahr geschafft, viele großartige Schauspieler in den Semmering zu locken. 44 sind es insgesamt, die dem Ruf der Intendantin Maria Happel, selbst Schauspielerin und ein großer Publikumsliebling am Wiener Burgtheater, gefolgt sind. Darunter Stars, einige aus Wien vom Burgtheater oder dem Theater in der Josefstadt, wie Martin Schwab, Johanna Mahaffy, Nils Arztmann oder Stefan Jürgens.

Und auch Happels Programm kann sich sehen lassen. Im Festspielhaus Reichenau stehen Arthur Schnitzlers „Reigen“ (Regie: Dietmar König und Alexandra Henkel), Joseph Roths „Die Legende vom Heiligen Trinker“ (Regie: Alexandra Liedtke) und Stefan Zweigs „24 Stunden aus dem Leben einer Frau“ (Regie: Gordon Greenberg) auf dem Spielplan, für das junge Publikum gibt es „Der kleine Prinz“ (Regie: Johanna Arrouas). Schnitzler, Roth und Zweig waren zu ihrer Zeit wie viele Wiener Literaten von Alfred Polgar über Karl Kraus bis Heimito von Doderer selbst oft zu Gast im Semmering.

Mit der wohl berühmtesten aller Wiener Operetten, nämlich „Die Fledermaus“ des „Walzerkönigs“ Johann Strauss, begehen die Festspiele Reichenau außerdem ein Jubiläum. 1926 wurde das Theater Reichenau mit „Die Fledermaus“ eröffnet, 100 Jahre später tauchen die für ihre heiter-ironischen Klassikerinszenierungen bekannten Regisseure Nils Strunk und Lukas Schrenk noch einmal in die „Roaring Twenties“ ein.

Das Ensemble von „Krieg und Frieden“

Die Festspiele selbst sind allerdings noch keine 100 Jahre alt, sondern wurden erst 1988 gegründet, knüpften aber an die lange Tradition des Sommertheaters im Semmering seit dem 19. Jahrhundert an. Und klar, man hat in Reichenau weder das Renommee noch die finanziellen Möglichkeiten wie die in Österreich alles überstrahlenden Salzburger Festspiele, aber das kleine, feine Programm zeugt von wahrer Theaterbegeisterung, die sich eher in zugewandter Klassikerpflege als in wilden Formexperimenten äußert.

Bei „Krieg und Frieden“ ziehen Ensemble und Publikum nach dem ersten Teil im früheren Speisesaal ein Stockwerk höher, in den Waldhofsaal. Nun wird auch die Terrasse mitbespielt, von der aus man in die Landschaft schaut, während sich passend zur Romanhandlung die Dämmerung herabsenkt. Unerbittlich walzt die Geschichte über die Protagonisten hinweg, begräbt Väter und Söhne wie die Bolkonskis (großartig im Zusammenspiel: Martin Schwab und Tim Werths) und auch allerlei Hoffnungen. Sie schenkt aber wie im Fall von Natascha Rostowa (Johanna Mahaffy) und Pierre Besuchow (Noah Saavedra) sogar menschliches Glück, das von Krieg und Gewalt bedroht bleibt.

Tolstoi, zeitlebens ein entschiedener Gegner des Krieges, lenkt unseren Blick auf eine befremdliche Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, von Leben und Töten. Auch heute erlebt man wieder, wie die Welt in Zonen des Krieges und des fragilen Friedens zerfällt.

„Krieg und Frieden“ läuft bei den Festspielen Reichenau bis zum 2. August.

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