Die Provinz hat nichts zu bieten? In Sachen Kultur herrscht auf dem Land nur tote Hose? Von wegen! Man muss dieser Tage bloß in die österreichische Stadt Haag fahren, um ein kleines Theaterwunder zu erleben. Inmitten der Altstadt zwischen Rathaus, Kirche und Kaffeehaus ist die beeindruckende Holztribüne mit dem imposanten, wie schwebenden Oberrang aufgebaut, die man getrost als kleines architektonisches Meisterwerk bezeichnen kann. Die über 500 Zuschauer haben nicht nur beste Aussicht auf die Bühne, sondern auch auf die Hügel des Mostviertels und das Wetterleuchten in der Ferne. Gespielt wird an diesem Abend ein Klassiker: „Der Geizige“ von Molière. Der Regisseur? Niemand Geringeres als Alt-Star Leander Haußmann („Sonnenallee“, „Herr Lehmann“).

Der 67-jährige Haußmann war schon vor zwei Jahren mit einem Molière in Haag zu sehen, damals war es „Der eingebildete Kranke“ mit Ursula Strauss in der Hauptrolle. Und vor sechs Jahren brachte er in Hamburg „Der Geizige“ als ebenso heiteres wie melancholisches Spektakel zwischen Schein und Sein auf die Bühne, mit einem grandiosen Jens Harzer in der Titelrolle.

Nun also wieder Molière, wieder „Die Schule der Lügner“ (so der Nachsatz im Titel). Wie einst Molière mit seiner Truppe zieht das siebenköpfige Ensemble als Wandertheatertruppe mit einem Wagen ein, der sich bei genauerem Hinsehen als Tresor erweist. Denn klar, es geht ums Geld. Ob man es hat oder nicht, ob man es liebt oder nicht und was man schlussendlich damit macht.

Molière wusste aus eigener schmerzhafter Erfahrung, dass mit Theater kaum Geld zu machen ist, umgekehrt ohne Geld aber wiederum kein Theater. Sein erstes Theater war schon nach kürzester Zeit bankrott, danach zog er jahrelang mit seinen Schauspielern durchs Land und spielte auf Marktplätzen und in Wirtshäusern. Erst spät wurde er vom „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. protegiert und gefördert.

Was die heutige Kulturpolitik gar nicht gerne hören mag, war dem damaligen Herrscher völlig klar: Kunst kostet. Während Molière seinerzeit durch eine feste Förderung aus dem Wandertheaterdasein errettet wurde, wecken die aktuellen Kulturkürzungen eher den Verdacht, das Ensemble- und Repertoiretheater solle zugunsten einer neuen Bettelkunst rückabgewickelt werden.

Haußmann und sein Team zeigen, dass es auch ohne große Mittel geht. Üppige Budgets für opulente Bühnenbilder wie bei den Salzburger Festspielen? Das ist nicht die Realität beim Theatersommer Haag, und das ist auch gut so. Die Bühne von Max Lindner und Laura Weiss wirkt wie eine Bretterkiste mit Tapete, daneben baumelt eine bunte Lichterkette. Die Kostüme von Cédric Mpaka verbinden Trash und Glamour. Die Fantasie wird durch kleine Gaben gereizt, zur vollen Pracht entfalten darf sie sich im Zuschauer selbst. Das ist Sommer- und Volkstheater im besten Sinne. So erlebt man auch ein buntgemischtes, gutgelauntes Publikum ohne steife Etikette, das kluger Unterhaltung so wohlgesonnen ist wie dem Spitzwein davor, danach und in der Pause zwischendrin.

Und man erlebt ein Ensemble, das weder Kameras noch sonstige Technikspielereien braucht, um groß aufzuspielen. Allen voran Gerti Drassl als verhutzelter und grantelnder Harpagon, dem Misstrauen und Besitzgier bis in die Spitzen seiner grauen Perücke gefahren sind. Für seinen Geiz berühmt und berüchtigt, haben darunter zu leiden vor allem sein Diener (Tobias Artner), seine Kinder (Laura Laufenberg und Julian Tzschentke) und deren Geliebte (Raphaela Möst und Robin Krakowski). Nur müssen alle schlechte Miene zum bösen Spiel machen und Komödie spielen, denn Harpagon hat nun einmal das Geld, das den anderen fehlt. Mit Christian Dolezal ist auch der Intendant des Haager Theatersommers mit dabei, in der Rolle eines windigen Heirats- und Kreditvermittlers.

Die finanziellen und libidinösen Fallstricke des Stückes werden mit viel Liebe zum komischen Metier ausgespielt, wobei der Text wie bei Haußmann üblich die eine oder andere Variation erfahren hat, die sich bei den Proben ergeben hat. Dass er dem Happy End des Originals misstraut, stellte er bereits in seiner Hamburger Inszenierung klar. Auch in Haag rückt er davon nicht ab.

Reichtum für alle? Ist in der heutigen Welt schlicht unmöglich. Aber warum denn eigentlich? Mit dieser großen Menschheitsfrage lässt Haußmann seinen Abend enden. Etwas weniger konkret als bei Thomas Ostermeier, der kürzlich „Der Geizige“ als Parabel auf den Gefühlsgeiz im Autofahrer- und Sparerland Deutschland inszenierte, mit Lars Eidinger als altem Boomer im Kampf gegen die Gen-Z.

Wer unter den vielen Theaterfestivals in der heißen Jahreszeit einen echten Geheimtipp sucht, muss ins hübsche Haag mit seinen nicht einmal 6000 Einwohnern fahren, wo neben dem Theatersommer noch der Tierpark und das Erlebnisbad als Attraktionen locken. Seit dem Jahr 2000 wird dort auf dem Hauptplatz gespielt, und zwar einfach Theater ohne unnötiges Drumherum. Was braucht man mehr? Das Publikum jedenfalls ist begeistert.

Und dass Haußmann nun bereits zum zweiten Mal in Haag inszeniert hat, darf man zumindest als Indiz dafür nehmen, dass sich auch der im Theater und im Film viel herumgekommene Regisseur in der österreichischen Provinz sehr gut angekommen und aufgehoben fühlt. Man sollte die Kultur auf dem Lande eben nicht unterschätzen.

„Der Geizige“ beim Theatersommer Haag läuft noch bis zum 8. August.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.