Die Träume, die wir hatten“ ist ein Buch der Trauer. Trauer um die verstorbene Freundin der Autorin. Trauer um die Ukraine. Trauer um das, was vergangen ist und sich nicht mehr einholen lässt. Aber es ist auch ein Buch voller Lebenskraft, Hoffnung und Humor. Christiane Hoffmann erzählt wie aus einem Guss, ohne Kapitel, ohne Inhaltsverzeichnis, auf 300 Seiten eine Geschichte, in der persönliche Reflexion mit politischer Analyse eng verwoben ist. Es ist ein Buch über Russland, über die Ukraine und über eine Biografie, die sich gegen den Tod aufbäumt.
In intensiver Sprache entfaltet die Autorin ein gelebtes Leben, mit all seinen Fragen, Brüchen und Verrücktheiten, in verdichteter Parallelität – so wie wir nie nur unseren Beruf ausüben und davon getrennt ein Privatmensch sind. Es findet alles gleichzeitig in einem Leben, in einem Menschen statt. Den wenigsten aber gelingt die Kunst, daraus eine erzählbare Geschichte zu machen. Hoffmann hat diese Fähigkeit selbst da, wo der Text ins Sentimentale zu kippen droht, weil er sogleich eingefangen wird von ihrem analytischen Talent und einer ungewöhnlich transparenten Selbstreflexion, mitunter auch Selbstanklage – sei es wegen einer politischen Fehleinschätzung, sei es wegen des Schuldgefühls, der toten Freundin (deren Name im Buch nie fällt) zu Lebzeiten nicht genug gegeben zu haben.
Erst nach vielen Seiten beginnt man richtig zu verstehen, dass die langjährige Freundin aus Deutschland, die Hoffmann seit Studienzeiten kannte, psychisch krank war, was wohl auch der Grund für ihren Tod gewesen ist. Sie stirbt am 22. Februar 2022. Zwei Tage später bricht der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine aus – eine Koinzidenz, die sich im Erleben der Autorin nicht mehr aufbrechen lässt. Sie waren eng verbunden und hatten gemeinsame Träume, Visionen eines demokratischen Russlands, ein geteiltes Leben, das nunmehr ein abruptes Ende fand.
Hoffmann, 1967 in Hamburg geboren, ist eine ausgewiesene Kennerin Russlands, wo sie als Korrespondentin selbst einige Jahre gelebt hat. Schon als Studentin der Slawistik zog es sie in die frühere Sowjetunion nach Leningrad, bevor die Mauer in Deutschland fiel und die Welt sich radikal veränderte. Das Buch profitiert von dieser Erfahrung ungemein. Während die Debatte über den Ukraine-Krieg und den richtigen oder falschen Umgang mit Russland gegenwärtig allzu schnell in oftmals kenntnislosen Meinungsstreit ausartet, behält Hoffmann einen ausgewogenen, differenzierten Blick. Obgleich äußerst klar im Urteilsvermögen, ist ihr Ton nie scharf.
Anstatt absolute Wahrheiten zu verkünden, die der Realität nicht standhalten, stellt sie Fragen – an sich selbst, an den Westen, an Russland. Nichts könne Putins Aggression rechtfertigen, das steht für Hoffmann außer Frage. Zugleich wirft sie dem Westen eklatante Versäumnisse vor: Wir hätten das Unheil nicht kommen sehen, weil wir es nicht wollten – „im Osten nicht und nicht im Westen“. Man könnte auch sagen: Wir haben die Lage zu spät erkannt. Und jetzt finden wir keinen Ausweg.
Die Osterweiterung der Nato sieht Hoffmann im Rückblick kritisch. Sie äußert Zweifel, ob es damals klug gewesen sei, „Russlands Einwände zu ignorieren“ – obwohl auch sie nicht zu sagen vermag, inwieweit der Westen die weitere Entwicklung überhaupt hätte beeinflussen können. Die Autorin ist dennoch davon überzeugt, Russland habe die Nato-Erweiterung kaum anders verstehen können „denn als ein Manifest des Misstrauens“.
Sie erinnert daran, dass Moskau sich schon 1991 schwer damit tat, die Grenzen der Ukraine anzuerkennen. Im Zentrum standen der Donbas und die Krim – „Sehnsuchtsort der russischen Kultur“. Als die Sowjetunion zerfiel, trauerte zunächst niemand darum. 1991 erklärte die Ukraine ihre Unabhängigkeit. Es schien, als habe Russland seinen Schrecken verloren. Doch schon bald kehrten „die Zweifel am euphorischen Zeitgeist“, der sich nach Ende des Kalten Krieges kurzzeitig ausgebreitet hatte, wieder zurück.
Schon in den 90er-Jahren, analysiert Hoffmann, sei vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise, des Tschetschenien-Krieges, der explodierenden Inflation und gewaltsamer Auseinandersetzungen in Russland „die Saat für Revanchismus und Putinismus“ gelegt worden. Für sie ist unabweisbar, dass die Probleme nicht erst mit der Machtübernahme Putins auftraten: „Er ist das Resultat unserer gescheiterten Träume.“
Ihre rückblickenden Fragen und Einordnungen, die sie mit der politischen Gegenwart kontrastiert, führen eindrücklich vor, warum sich die jetzige Lage nur aus der Geschichte heraus verstehen lässt. Das Buch ruft uns in Erinnerung, dass wir die Trauer um die Ukraine, die Verwüstungen durch den Krieg, das unendliche Leid der Menschen zu vergessen drohen. Christiane Hoffmann schreibt mit unbändiger seelischer Kraft. Was sie erzählt, ist tief empfunden – und man spürt ihren Schmerz. Das Buch bringt uns ihre Welt nahe, als wären wir ein Teil von ihr.
Christiane Hoffmann: „Die Träume, die wir hatten. Meine Freundin, Russland, die Ukraine und ich“. C.H. Beck, 304 S., 26 Euro.
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