Nicht für einen Preis nominiert zu werden, kann eine Kränkung sein. In Siegen hat sich gerade eine literaturwissenschaftliche Konferenz mit Caroline Wahls Empörung über ihre fehlende Nominierung beim Deutschen Buchpreis beschäftigt. Aber auch in der falschen Kategorie nominiert zu werden, kann verstören. Sonst gäbe es die lange Tradition der Preisablehnungen nicht.
Der aktuellste Fall einer neu eingeführten Kategorie, die vielen in der Musikindustrie sauer aufstößt, betrifft die neue Grammy-Kategorie „Best Asian Pop Music Performance“. Im Juni gab der wichtigste Musikpreis der USA bekannt, dass mit dieser Kategorie Darbietungen aus dem asiatischen Raum gewürdigt werden sollten. Die südkoreanische Boyband BTS verkündete jetzt auf Instagram, ihre Lieder nicht bei den Grammys einzureichen. Aus Protest. „Wir hoffen, dass Musik für das gehört und geliebt wird, was sie ist und nicht anhand von Regionen oder Sprachen definiert wird“, erklärten sie ihre Entscheidung.
Was hat es nun mit der Kategorie „beste asiatische Pop-Musik-Darbietung“ auf sich – ebenso wie mit anderen regionalen Kategorien wie „Best Regional Mexican Music Album“ oder „Best Tropical Latin Album“? Wurde damit ein Trostpreis eingeführt, damit auch asiatische Musik endlich Sichtbarkeit erfährt? Nötig hätte BTS das nicht gehabt. Im Gegenteil: 2020 gelang es der Gruppe, als erste südkoreanische Band die Spitze der US-Charts zu erklimmen. Ihr Album „Arirang“ gehört zu den erfolgreichsten Alben des Jahres 2026. Nominiert wurde BTS bei den Grammys schon öfter, auch wenn ein Preis bislang ausblieb.
Peinliche Verlegenheitsgeste?
Die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout liest die neue Kategorie in einem Instagram-Post als Versuch, „die westliche bzw. US-amerikanische Pop-Hegemonie oder zumindest Norm institutionell aufrechtzuerhalten“. Indem asiatische Musik als „das Andere“ markiert wird, positionieren sich die USA als Zentrum der Musikwelt. Vergleichbare Fälle sind die Kategorie „bester internationaler Film“ bei den Oscars oder nach Geschlecht getrennte Schauspielpreise, wie sie ebenfalls bei den Oscars (im Unterschied etwa zur Berlinale) vergeben werden.
Will man wirklich nur die beste weibliche Schauspielerin sein und nicht für die beste Darstellleistung insgesamt, unabhängig vom Geschlecht, gewürdigt werden? Was die fremdsprachigen Filme angeht, war in den vergangenen Jahren eine Aufweichung der Kategorien zu beobachten – so haben es immer mehr fremdsprachige Filme auch zu Nominierungen in den Hauptkategorien „Bester Film“ oder „Beste Regie“ gebracht, was vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre.
„Arirang“ gehört zu den erfolgreichsten Alben des JahresDie Widerstands-Geste der südkoreanischen Boyband erinnert an den von Tocotronic 1996 abgelehnten Viva-Comet-Preis in der Kategorie „Jung, deutsch und auf dem Weg nach oben“. Die Band wollte weder für ihr Jungsein noch für ihr Deutsch-Sein geehrt werden.
Doch auch ein anderer Verdacht liegt nahe: Handelt es sich bei der neuen Kategorie um einen Verlegenheitspreis, der auf das Unbehagen des Populären reagiert? Wenn Jurys nicht wissen, wie sie mit Produkten umgehen sollen, die von der Masse geliebt werden, aber die sie eigentlich nicht für preiswürdig erachten, erfinden sie eine neue Kategorie, die eben dieses Populäre zum Kriterium erhebt. So zeichnen die Golden Globes seit 2024 das beste „Cinematic and Box Office Achievement“ aus, also das, was beim Deutschen Filmpreis schon seit 2014 unter „besucherstärkster Film“ firmiert. 2024 wurde bei den Globes „Barbie“ damit abgespeist, dieses Jahr beim Deutschen Filmpreis „Das Kanu des Manitu“.
BTS jedenfalls hätte ohnehin nicht alle erfolgreichen Lieder in der neu eingeführten Kategorie nominieren können, sondern nur nicht-englischsprachige, womit Hits wie „Dynamite“ ausgeschlossen wären. Die Frage, ob wir immer neue Spezial-Kategorien mit immer kleinteiligeren Differenzierungen einführen sollten, oder ob nicht im Gegenteil eine Reduzierung auf weniger Kategorien der Vielfalt viel stärker Rechnung tragen würde, repräsentiert im Kleinen das Problem der Identitätspolitik im Großen.
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