In eigens angefertigten Kisten, streng bewacht und gehütet, lagern sie seit Jahrhunderten im schützenden Dunkel: Grotten und Felsenkämme, Blumengirlanden und Palmenwedel, sorgsam ausgeschnitten und mit der Feder bemalt. Alle diese Kulissenentwürfe sind aus bemaltem Papier und Pappe. Keiner von ihnen war je für ein Publikum gedacht. Die Zuschauer sollten nur die reale Illusion sehen, in Lebensgröße – die ja selbst oft keine war, denn auf den Bühnen der Opernhäuser zählt die Perspektive aus dem Publikum, nicht das reale Größenverhältnis. Es ist eine flüchtige Kunst: Aufführungen existieren nur im Moment, und die Kulissen selbst, so schön sie sind, werden im Opernbetrieb meist irgendwann entsorgt.

Nur ein Bruchteil der Entwürfe überlebt die Zeiten. Wer sie aus dem Dunkel hervorholen und inszenieren will, muss sich etwas einfallen lassen. Der in Berlin und Los Angeles arbeitende Künstler Thomas Demand hat mit einer speziellen Kamera um die zwanzig Modelle für Opern- und Theaterinszenierungen aus ihrem Dämmer gerissen. Seine Aufnahmen dürfen den Papiermodellen so nahe kommen, weil er ein Periskop verwendet.

Thomas Demand baut seit den 1990ern Modelle von Räumen und Gegenständen aus Papier und Pappe und fotografiert sie dann. So kann man die Welt besser verstehen, meint er: indem man die vielen Details auch einmal weglässt. Für die Schau „Räume, die von gestern träumen“ im Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) sind es nun ausgerechnet die Details, die am meisten interessieren. Unter der geschickt angebrachten Beleuchtung werden sie wieder zu jenen Bühnen, für die sie einst als Vorbilder dienen sollten.

Der Ausstellungsraum selbst wird von einer raumgreifenden Wandinstallation bestimmt, vor deren Hintergrund die gerahmten Fotografien wie Fenster in unerreichbare Traumwelten wirken – Archiv und Gegenwart fallen ineinander. Bei den gezeigten Bühnenentwürfen handelt es sich ausdrücklich um Arbeitsmodelle und nicht um Schaustücke, die je für die Öffentlichkeit gedacht waren. Demand nennt sie kleine Illusionsmaschinen – und zeigt sich erstaunt, wie gut sie heute noch funktionieren.

Nun ist Demand in Wien parallel auch als Kurator präsent: Im Kunstraum fjk3 zeigt er die Gruppenausstellung „Passants parmi les pierres“. Auch hier sind Entdeckungen zu machen. Die Arbeit „Kreuzung alte Hauptstraße, Yamaguchi“ des Fotokünstlers Thomas Struth etwa entstand bereits 1986, wurde aber bislang nie gezeigt – auch für den Künstler selbst nicht, denn abgezogen wurde sie erst 2026. Die Ausstellung rief sie gewissermaßen erst ins Leben, genauer: die Nachfrage seines Künstlerkollegen Demand, ob Struth nicht etwas zum Thema habe.

Die Straßenszene ist kompositorisch komplex und zeitlich schwer einzuordnen. Zwei Jungen auf Fahrrädern, von hinten gezeigt, nehmen an einer Straßengabelung unterschiedliche Abzweigungen und verständigen sich mit Gesten. Die Mischung aus traditioneller Architektur und einem Netz aus zeitgenössischen Antennen und Reklameschildern wird vom Signalrot einer Laterne, eines Funkturms im Hintergrund und der Hose des rechts fahrenden Jungen zusammengehalten. Im Vordergrund ragt ein aufgebocktes Boot über einen Kanal, der in den Bildhintergrund führt und die beiden Jungen trennt. Vor dem großformatigen Abzug kann man lange stehen, ohne dass sich das in Sekundenbruchteilen entstandene Bild erschöpfen würde.

„Burning Building“ in Nordirland, fotografiert von Akihiko Okamura.

Dieses Schwebende, Fragende, zugleich auch Dokumentarische der gezeigten Bilder ist eine besondere Qualität der Schau – unterstrichen von den knappen, wenige Sätze umfassenden Texten des Büchnerpreisträgers Clemens Setz. In Setz' Vignetten wird nicht erklärt, was man sieht oder welche Theorie der Schau zugrunde liegt; dazu sind die gezeigten Arbeiten historisch und geografisch zu weit voneinander entfernt. Aber der Titel passt erstaunlich gut: Inmitten der Steine, die sie selbst aufgerichtet haben, suchen die Menschen ihren Ort.

Und finden ihn – etwa auf einer zugefrorenen Wasserfläche, über die sie, den Blick zu Boden gerichtet, wie holländische Bauern flanieren, umgeben von den frisch aus der aufgeworfenen Erde gestampften Plattenbauten von Berlin-Fennpfuhl. Das Bild von Sibylle Bergemann stammt aus dem Jahr 1980 und korrespondiert mit einer weiteren Eisfläche, aufgenommen vom ukrainischen Fotografen Boris Mikhailov. So schreitet man durch die Passage des Ausstellungsraums, der zwei Eingänge hat und auf zwei Straßen hinausgeht – die Aufmerksamkeit schwebt, löst sich, flaniert.

Das „Burning Building“ des japanischen Bildjournalisten Akihiko Okamura entstand 1969 in Derry, Nordirland: Männer in Straßenanzügen betrachten ein lichterloh brennendes Reihenhaus. Die Alltäglichkeit des gewalttätigen Dauerkonflikts ist in der Aufnahme gebannt. Während die Einzelausstellung im MAK aus den Illusionsmaschinen der Vergangenheit neue bildnerische Funken schlägt, versammelt die von Demand kuratierte Gruppenschau Momente, die aus der Flut der Ereignisse herausragen. Bei aller Disparität haben sie einen gemeinsamen Ausgangspunkt.

Thomas Demand, Tell XXI, 2026

Vor den Holzbaracken des Konzentrationslagers Auschwitz hat sich eine Gruppe Häftlinge mit gelben Judensternen zum Gruppenfoto eingefunden. Alles wirkt, wie man es aus Dokumentationen kennt – doch dann fallen die lockeren Haltungen auf, die ins Bild eingeschriebenen Digitalziffern und vor allem die Farbigkeit, die man aus Bilddokumenten des Holocaust kaum kennt.

Die Aufnahme entstand 1993 bei den Dreharbeiten zu „Schindlers Liste“ und zeigt Statisten in der Arbeitspause. Es handelt sich, wie man erfährt, um ein Geschenk des israelischen Künstlers Omer Fast an Thomas Demand. Fast war 2003 an den Drehort gereist und hatte mit Einheimischen gesprochen, die als bezahlte Komparsen an der Produktion des Hollywoodfilms mitgewirkt hatten. Viele von ihnen vermischten in ihren Erzählungen die eigenen Erinnerungen mit den inszenierten Schrecken des Holocaust und den filmischen Rekonstruktionen, an denen sie selbst beteiligt gewesen waren. Die Fotografie ist keine Lüge und keine Fiktion, sondern zeigt genau das, was die Kamera einfing: das Entstehen eines fiktiven Films über historische Ereignisse an einem realen Drehort.

Was genau sehen wir, wenn wir Fotografien betrachten? Die beiden Wiener Ausstellungen von Thomas Demand fügen dieser uralten Frage zwei neue, kluge Facetten hinzu.

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