Seinerzeit galt er als Enfant terrible, heute wird er als Rebell und Avantgardist, als Pionier des Realismus, Vorreiter des Impressionismus und sogar der Moderne gefeiert: Gustave Courbet. Nach dem Wiener Leopold Museum zeigt jetzt das Museum Folkwang in Essen den französischen Ausnahmekünstler und Meister sozialkritischer Alltagsszenen. Courbet wird hier einmal mehr als der Maler des radikalen, auf das weibliche Geschlecht in Nahsicht konzentrierten Aktgemäldes „Der Ursprung der Welt“ (1866) gefeiert.
Ursprünglich für den türkischen Diplomaten Khalil Bey angefertigt, bald darauf verkauft und 1955 vom Psychoanalytiker Jacques Lacan erworben, gehört das jahrzehntelang vor der Öffentlichkeit verborgene Bild heute zur Sammlung des Musée d’Orsay in Paris, dem wichtigsten Leihgeber der Schau.
In Essen kommt aber noch ein weiterer, wesentlicher Aspekt hinzu: In den neun, nach Motiven geordneten Räumen erfahren wir immer wieder Details zu Courbet als Kunstmarktkünstler. Gustave Courbet war nämlich ein begnadeter Selbstvermarkter – einer, der die Mechanismen des Markts geschickt für sich zu nutzen wusste. Schon früh inszenierte er sich als unabhängiger, kompromissloser Künstler. 1819 in einem kleinen Ort im Osten Frankreichs geboren, ging er 1839 nach Paris. Aber statt eine Kunstakademie zu besuchen, bildete er sich in Studien in Museen und privaten Schulen selbst aus. Provokativ erklärte er seine Ablehnung der akademischen Malerei als Grund.
„Der Ursprung der Welt“ von Gustave Courbet, 1866Mit dem Niedergang des zweiten französischen Kaiserreichs 1870 engagierte sich Courbet politisch. Er war etwa Kunstbeauftragter der revolutionären Pariser Kommune. Im Juni 1871 wurde er zu einer sechsmonatigen Haftstrafe verurteilt und zwei Jahre später zu einem astronomischen Wiedergutmachungsbetrag. Man gab ihm die Verantwortung für die Zerstörung der Vendôme-Säule während seiner Zeit als Kunstbeauftragter. Der Staat fror seine Konten ein, beschlagnahmte Bilder. Courbet floh ins Exil in die Schweiz, wo er 1877 starb.
Wie aber konnte Gustave Courbet bei einem derartigen Lebensweg mit seinem heute gefeierten Werk früh erfolgreich werden? Die Antwort ist einfach: Courbet agierte wie ein Unternehmer. Er suchte den direkten Kontakt zu Sammlern, bestand auf einer eigenständigen Preisgestaltung beim Verkauf seiner Bilder, organisierte seine eigenen Ausstellungen und betrieb eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit. So beginnt die Schau im Museum Folkwang folgerichtig mit Courbets Selbstporträts der 1840er-Jahre, mit denen er sich auch als Persönlichkeit in den Salons vorstellte.
In jeder späteren Phase folgt Courbet seiner zentralen Strategie: der Infragestellung der Regeln. So wagte er es ab 1848, den ganz normalen, durchaus elenden Alltag zu malen. Es ging ihm um soziale Verantwortung und „Wahrhaftigkeit“, wie er damals erklärte, um eine neue Authentizität, wenn er Steinklopfer bei der Arbeit oder eine schlafende Spinnerin malte. Im Museum Folkwang sind diese Bilder mit Courbets Stillleben kombiniert, die überraschend banal anmuten. Doch die Hängung macht deutlich: Seine sozialistischen Ideen hinderten Courbet keineswegs daran, auch den kapitalistischen Kunstmarkt zu bedienen.
Das erforderte Erfindungsreichtum. Denn damals gab es noch keine Galerien in unserem heutigen Sinn und nur wenige Kunsthändler. Aufträge und Verkäufe liefen über den Staat und die strengen Salons der Kunstakademie. Diese Salons waren in einer Zeit, in der Museen noch keine Wechselausstellungen zeigten und Kunsthallen noch nicht existierten, die wichtigsten Präsentations- und auch Verkaufsorte – reguliert von mächtigen Akademieprofessoren, die als Jurymitglieder über den Stand der Kunst wachten. Ab 1841 reichte Courbet dort Werke ein. Bis 1847 waren es 24 Bilder, von denen die Jury nur drei annahm.
„Der Mann mit der Pfeife“ von Gustave Courbet, 1849Erst 1848 gelang ihm der Durchbruch: „Nach dem Abendessen in Ornans“ wurde mit einer Medaille prämiert und für ein Museum angekauft. Acht Jahre später ließ eine Jury 14 seiner zur Weltausstellung eingereichten Werke zu, lehnte jedoch drei ab – darunter sein monumentales Bild „Das Atelier des Künstlers“, das heute als eines seiner bedeutendsten Bilder gilt. Das dreieinhalb mal sechs Meter messende Riesenformat wählte Courbet bewusst, um maximale Aufmerksamkeit zu erreichen. Die Jury befand, es sei zu groß, ein solches Format sei Historiengemälden vorbehalten und widerspreche in dem realistischen Stil dem – damals gültigen – akademischen Idealismus.
Anstatt diese Entscheidung zu akzeptieren, mietete Courbet auf eigene Kosten direkt neben dem Ausstellungsgelände ein eigenes Gebäude. Über dem Eingang prangte groß sein Name, er nannte es den „Pavillon du Réalisme“. 40 Werke zeigte er dort, veröffentlichte dazu einen Ausstellungskatalog mit seinem „Manifest des Realismus“, wie es häufig genannt wird. Kunst solle die eigene Zeit darstellen, ohne idealisierte oder historische Motive, postulierte er darin – nur, was sich beobachten oder erfahren lasse, solle gemalt werden. „Ich kann keinen Engel malen, weil ich nie einen gesehen habe“, erklärte er drastisch im Vorwort des Katalogs. Dafür entwickelte er einen eigenen Malstil, legte mehrere Farbschichten übereinander und kratzte mit dem Palettenmesser einzelne Passagen wieder ab. Später bezogen sich die französischen Impressionisten auf diese Haltung. Zu seiner Zeit allerdings war das – wieder – eine klare Rebellion.
Das Manifest war nicht nur eine kunsttheoretische Erklärung. Es war auch ein Statement gegen das offizielle Ausstellungssystem und ein Mittel der PR. 1867 trat er erneut in Konkurrenz zur offiziellen Kunstschau der Weltausstellung und zeigte 115 Werke in seiner „Exposition Courbet“. Sechs Monate lang geöffnet, brachte die Schau ihm zwar kaum finanziellen Erfolg. Aber er baute sich sein Netzwerk aus Sammlern, Kunsthändlern und Mäzenen auf, wodurch er weder auf die Salons noch auf staatliche Ankäufe angewiesen war.
„Asternstrauß“ von Gustave Courbet, 1859Das allerdings erforderte Kompromisse in der Motivwahl. Die Kundschaft liebte eben Stillleben mit bunten Blumen. Wenig überraschend ist sein „Asternstrauß“ aus dem Jahr 1859 konventionell. Aber 1862 platzierte er ein überbordendes Blumen-Arrangement unter einem in der freien Landschaft stehenden Baum. Statt der üblichen Tischkante fügte er kurzerhand die nur angedeutete Sitzfläche einer Bank ein. „Ich drucke Geld mit den Blumen“, sagte er einmal.
Ähnlich seine Jagdszenen, die sich als Verkaufsschlager erwiesen – was er aktiv herbeiführte. Seine jagdfreudige Kundschaft lud er auf das elterliche Gut ein. Nach der Jagd bot er seine Bilder in einer Verkaufsschau an. Auch hier entwickelte er vorsichtige Konventionsbrüche, mit denen er klar eine Kennerschaft adressiert, wenn ein fliehender, sterbender Hirsch im Großformat das Bild beherrscht, die Hunde im Hintergrund nur mehr kleine weiße Punkte sind. Mit seinen „Seelandschaften“ zielte er auf den beginnenden Tourismus: Er erzählte keine Geschichten, sondern vermittelte eine Stimmung, das Gefühl beim Anblick des Meeres.
Courbet werden gut 800 Bilder zugeschrieben. Sein Erfolg, das zeigt die Essener Ausstellung, beruht nicht nur auf der hohen Qualität, sondern auf seiner damals noch alles andere als üblichen Etablierung des Künstlers als vom Staat unabhängiger Unternehmer. Courbet schuf ein Künstlerbild, das bis heute das Verhältnis von Kunst und Markt prägt. Und er praktizierte eine Querfinanzierung, wie sie im Kunsthandel noch heute gängig ist.
„Ich, Gustave Courbet. Maler und Rebell“, bis 8. November, Museum Folkwang, Essen.
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