Hier ist es also, mitten im Museum of Modern Art in Manhattan: das Urinal, das Marcel Duchamp 1917 unter dem Titel „Fountain“ (Quelle) in einer New Yorker Ausstellung präsentieren ließ; er signierte es – schwarz auf Porzellanweiß – mit dem falschen Namen „R. Mutt“.

Dieses Pissbecken ist quasi das Alpha und Omega der zeitgenössischen Kunst. Wäre es nicht gewesen, hätte Joseph Beuys im Hauptgebäude der Düsseldorfer Akademie keine fünf Kilo Butter unter der Decke installiert, die dann irrtümlicherweise von einer Reinigungskraft entfernt wurden. Ohne das Pissbecken des Monsieur Duchamp hätte es wohl auch der Zürcher Sprayer Harald Naegeli nicht in die heiligen Hallen der Museen, sondern nur wegen Sachbeschädigung ins Gefängnis geschafft. Auch jedes Werk der sogenannten Videokunst ist letztlich auf dieses Urinal zurückzuführen: Wenn dieses Ding andächtiger Betrachtung wert war, dann auch – nur so zum Beispiel – Valie Exports berühmter Film von einer österreichischen Familie, die sich selber beim Fernsehen im Fernseher sieht.

Die Scherzfrage „Ist das Kunst oder kann das weg?“, die von einem deutschen Komiker erfunden wurde – ohne Marcel Duchamp und seine 1001 Nachfolger wäre sie nie gestellt worden. Und ganz im Ernst: Was soll an diesem Ding bitte schön sein? Kann das nicht jedes Kind? Wieso bekommt ein Mensch dafür, dass er ein nutzloses Pissbecken signiert und an eine Wand montieren lässt, Geld? Wieso wird er weltberühmt?

„Die Malerei ist am Ende“

Duchamp (1887–1968) kam aus einer Familie von Künstlern. Drei seiner Brüder waren Maler oder Bildhauer, seine Schwester, der er sehr nahestand, malte ebenfalls. Also besuchte auch Duchamp eine berühmte Kunstakademie, allerdings spielte er lieber Billard, als die Klassen zu besuchen. Dass er trotzdem ein vorzüglicher Maler wurde, beweist eine Ausstellung im Museum of Modern Art (die erste seit 1973, die sich in Amerika dem Lebenswerk von Marcel Duchamp widmet). Duchamp hatte ein gutes Auge, und er hatte Stil. Das Porträt seines von ihm geliebten Vaters ist so schön und ergreifend, dass man das Bild gern klauen würde.

Eine Besucherin der MOMA-Schau vor „Nude Descending a Staircase (No. 2)“

Aber dann kam der „Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2“. Ein Gemälde, das sogar von den Kubisten in Paris abgelehnt wurde, weil es zu radikal war: Die Frau, die da in warmen Ockertönen abgebildet wird, sieht man überhaupt nicht mehr, nur noch ihre Bewegungen – und die sind zu ineinander geschachtelten geometrischen Figuren erstarrt. Das Ensemble entspricht einem jener Fotos, auf denen eine zeitliche Abfolge von Einzelaufnahmen zu sehen ist, die übereinander geblendet wurden. Als das Bild auf der Armory Show in New York gezeigt wurde, war Spott noch die mildeste Reaktion. Der damalige Präsident, Theodore Roosevelt, fühlte sich von dem Gemälde an den Navajo-Teppich in seinem Klo erinnert; den Navajo-Teppich fand er gelungener. Ein Witzbold der „Evening Sun“, einer Boulevardzeitung, zeichnete eine wirklich lustige Karikatur im Duchamp-Stil, die eine drängelnde Menschenmenge auf einer Rolltreppe zur Rush Hour darstellt.

Nach all der Ablehnung und dem Hohn hatte Marcel Duchamp genug von dem, was er „retinale Kunst“ nannte. Im Jahr davor hatte er mit Freunden eine Luftfahrtschau besucht: „Die Malerei ist am Ende“, sagte er dort zu einem Freund. „Wer kann etwas Besseres machen als diese Propeller? Du etwa?“ In seinem Atelier hatte Duchamp sich zur Nervenberuhigung einen Küchenhocker gestellt, in den er das Speichenrad eines Fahrrades geschraubt hatte. Manchmal drehte er daran; das beruhigte seine Nerven. Das „Fahrrad-Rad“ war das erste jener Kunstobjekte, die Duchamp als Readymades bezeichnete. In der traditionellen asiatischen Kunst werden manchmal Gegenstände aus der Natur integriert, Steine oder Wurzeln. Bei den Readymades dagegen handelt es sich um industriell gefertigte Massenobjekte, um Gegenstände des Alltags. Einen Flaschenöffner, Schneeschaufeln. Oder eben ein Pissbecken.

Die Sache mit der „Aura“

Natürlich war all das höchst ironisch. Marcel Duchamp drehte der Kunstgeschichte eine lange Nase. Er nahm eine Postkarte der Mona Lisa, malte ihr einen geschwungenen Schnurrbart und ein Bärtchen ans Kinn und schrieb drunter: „L.H.O.O.Q“. Das kann man auf Englisch als „Look“ lesen: Schau hin. Oder man spricht die Buchstaben französisch aus, dann klingt das wie „Ella a chaud au cules“, auf Deutsch ungefähr: Sie hat einen geilen Arsch. Pennälerhumor, gewiss. Aber ein Kichern kann der Betrachter doch nicht ganz unterdrücken.

In den Dreißigerjahren schrieb der Kulturtheoretiker Walter Benjamin einen Essay über „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“. Er stellte sich dort die Frage, was aus der Kunst wird, wenn jeder Spießbürger sich eine Grafik von Dürers betenden Händen übers Ehebett hängen kann. Benjamins Antwort: Das Kunstwerk verliere seine „Aura“, es werde zum Alltagsgegenstand. Duchamps hatte dieselbe Frage Jahrzehnte früher schon viel radikaler gestellt. Was ist denn mit der Aura der Kunst, wenn jedes Pissbecken quasi einen Heiligenschein bekommen kann, nur weil es im Museum hängt? Was nun die Reproduzierbarkeit betrifft: Das originale Pissbecken ist längst im Müll gelandet. Als ein Galerist Marcel Duchamps Werk in den Fünfzigerjahren ausstellen wollte, sagte der Künstler ihm: Kauf einfach ein Urinal in Brooklyn, das ist genauso gut.

NEW YORK, NEW YORK - NOVEMBER 13: Marcel Duchamp's 'Bicycle Wheel' is on display during a press preview of MoMA’s first ever Fall Reveal at Museum of Modern Art on November 13, 2020 in New York City. (Photo by Cindy Ord/Getty Images)

Man kann die Frage stellen, ob es mit den ironischen Readymades von Marcel Duchamp nicht hätte genug sein können. Ob es danach wirklich noch der Fettecken des Josef Beuys bedurfte. Ob die Kunst durch Duchamp nicht auf einen öden Abweg geriet; ob man seine weniger begabten Nachfolger nicht als Gerümpelkünstler bezeichnen sollte. Allerdings erhebt sich dann die Frage, wo eigentlich der falsche Abzweig lag. Bei Duchamp selber? Bei den Kubisten? Bei den Leuten, die fanden, dass griechische Statuen, denen die Arme, Beine und Köpfe abgebrochen waren, auch als Torsi noch schön aussahen – und dann genau solche Trümmerfiguren in Stein meißelten? War etwa schon die Renaissance ein Irrweg?

Klar ist: Ein Readymade, hinter dem kein berühmter Name steht, kann kein Readymade sein. Auf meinem Tisch steht ein altmodischer Wecker, hergestellt von der japanischen Firma Seiko, der mir helfen soll, mich beim Schreiben dieses Artikels an die Deadline zu halten. Dieser Wecker wird es, nebbich, nie in die Vitrine eines Museums schaffen oder bei Sotheby’s versteigert werden, weil niemand auf die verwegene Idee käme, mich für einen Künstler zu halten.

Echt oder unecht oder was?

Aber wann hat das eigentlich angefangen, dass Künstler berühmt wurden? Wir kennen die Namen einiger Bildhauer des alten Griechenlands: Phidias, Praxiteles, Myron. Aber auch eine vorzügliche Kennerin der Antike könnte keine Statue einem dieser Künstler zuordnen. Im alten Griechenland ging es nicht darum, dass die unverwechselbare Persönlichkeit eines Künstlers sich in seinen Kunstwerken ausdrückte – es ging einzig und allein darum, Zeus, Apollon und Pallas Athene in den korrekten Posen und Proportionen darzustellen.

Dasselbe gilt für die Kunst des Mittelalters. Es war nicht wichtig, wer diese Marienstatue oder jenes Heiligenbild geschaffen hatte; wichtig war, Gott auf die rechte Art zu verehren. Für die Ikonen der orthodoxen Kirchen gilt das bis heute: Es gibt keinen russischen Raphael, keinen byzantinischen Michelangelo. Stattdessen gibt es Regeln, die für anonyme Künstler verbindlich sind: Christus, die Engel und Heiligen haben Heiligenscheine – immer! Erzengel tragen einen dünnen Stock, manchmal einen Spiegel. Die Farbe des Himmels ist gold. Die Farbe der irdischen Lebewesen ist blau.

Die große Ausreißerin war die katholische Kirche im Westen: Sie schuf den geistigen Freiraum, in dem sich Genies wie Giotto oder Leonardo entwickeln konnten. Diese Entwicklung begann tatsächlich in der Renaissance. Erst seit damals können Experten sich dem beliebten Sport widmen, Bilder und Statuen für „echt“ oder „unecht“ zu erklären.

Mit seinen Readymades machte Duchamp sich über die europäische Kunstgeschichte lustig; aber sie waren die logische Konsequenz aus dieser Geschichte. Ohne die Idee, dass Künstler mehr sind als Handwerker, dass sie ihren eigenen, ihren ganz persönlichen Stil pflegen, würden diese ironischen Artefakte gar keinen Sinn ergeben. Wer Ja sagt zum David des Michelangelo, der muss auch Ja sagen zum Pissbecken des Marcel Duchamp.

Die Ausstellung ist bis zum 22. August im New Yorker Museum of Modern Art zu sehen. Der Katalog kostet 75 US-Dollar.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.