Die Ouvertüre entspricht beim Musikfest Bremen nicht etwa Hors d'oeuvres, sondern einem Hauptmenü mit bis zu drei Gängen, denn die Konzerte währen etwa eine Stunde und sind frei kombinierbar. Und das Auge isst mit. Denn am Eröffnungsabend „Eine große Nachtmusik“ erklingen nicht nur 18 Konzerte in neun Spielorten auf drei Zeitschienen in historischen Spielstätten rund um den Bremer Marktplatz – die ganze Altstadt ist festlich beleuchtet und lädt am 15. August zum Spaziergang übers Granitpflaster ein. Das verleiht der Eröffnung einen entspannten, zauberhaften Charakter. Auftritte von sieben Klassik-Ensembles werden um Jazzkonzerte und kubanische Rhythmen ergänzt.

Roberto Fonseca mit Mamba, Bolero und Rumba der Dreißigerjahre

Wobei die Nachtmusik des Jazztrios und der Kubaner Open Air zu erleben sind, bei hoffentlich sommerlichen Temperaturen. Wie alle anderen Veranstaltungen am Eröffnungsabend sind auch sie einzeln buchbar, zum Einheitspreis von 33 Euro. Im Innenhof des Forums am Domshof spielt das Trio des französischen Posaunisten und Sängers Robinson Khoury, der gemeinsam mit Anissa Nehari am Schlagzeug und Léo Jassef sein neues Album „MŸA“ live zu mehr überraschendem Leben erweckt, als ohnehin schon drinsteckt.

Mindestens ebenso virtuos, allerdings mit völlig anderen Klängen, dürfte der Abend „La Gran Diversión“ („Der große Spaß“) im Innenhof des Landgerichts werden. Dort zelebriert der kubanische Pianist und Komponist Roberto Fonseca, die Dreißigerjahre als goldene Ära von Mambo, Cha-Cha-Cha, Bolero und Rumba auf Kuba. Fonseca sprang als junger Mann zu Beginn seiner Karriere für den erkrankten Rubén Gonzáles beim Buena Vista Social Club ein und tourte anschließend mit dem legendären Ibrahim Ferrer (1927-2005), der seinen Fans auch im Hamburger Stadtpark 2003 einen unvergesslichen Abend bescherte.

Das kostenlose Abschlusskonzert entfällt

Wer darauf gehofft hat, es gäbe 2026 wie in den vergangenen Jahren zum Abschluss beim Musikfest Bremen ein kostenloses Open-Air-Konzert in der Altstadt, sollte eines der Auftaktkonzerte als Alternative in Betracht ziehen. Die Stadt Bremen stellt nach Auskunft des Festivals 2026 keine hinreichende Unterstützung für dieses bisher gemeinsam mit Sponsoren finanzierte Event zur Verfügung. Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD), zugleich Kultursenator, schwärmt in einem Grußwort daher vermutlich nicht von ungefähr von einem Fest, das „reichlich symbolisches Kapital“ spende, „darunter Orientierung, Haltung, Zuversicht“.

Die Qualität der Klassikkonzerte leidet nicht. Das zeigt schon der Eröffnungsabend mit seinen sieben Klassik-Ensembles. Intendant Thomas Albert nutzt die besondere Akustik der Aufführungsorte. So können sich die Werke von Antonio Vivaldi und Claudio Monteverdi im St. Petri Dom und Unser Lieben Frauen Kirche in aller Pracht entfalten. In letzterer tritt das Boston Early Music Festival Vocal & Chamber Ensembles auf, im St. Petri Dom das Ensemble Matheus mit dem von ihm 2023 gegründeten Chœur de l'Académie Haendel-Hendrix unter der Leitung von Jean-Christophe Spinosi.

„Funkelndes Konzentrat des folgenden Festivalprogramms“

Im Bremer Konzerthaus Die Glocke ist das Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks zu Gast und spielt gemeinsam mit dem Pianisten Fazil Say – im vergangenen Jahr Porträtkünstler beim Schleswig-Holstein Musikfestival – Werke von Debussy und von Say selbst, der auch als Komponist erfolgreich ist. Es erklingt die Bremer Erstaufführung seines Klavierkonzerts „Mother Earth“. Im kleinen Saal liest Katja Riemann den „Karneval des Glücks“ von Roger Willemsen. Während der Lesung greift die Schauspielerin auch mal zur Blockflöte oder zu einem Schlaginstrument.

Thomas Albert, Intendant Musikfest Bremen

Ein Mozart- und Schubertkonzert in der oberen Halle des Rathauses mit Alena Baeva an der Geige, Kyril Zlotnikov am Cello und Vadym Kholodenko am Klavier sowie ein Klavierkonzert mit Werken von Rachmaninov, Schubert und Strawinsky im Haus Schütting, gespielt von Vsevolod Zavidov, runden die „Große Nachtmusik“ ab. Thomas Albert, Intendant Musikfest Bremen: „Die ‚Große Nachtmusik‘ ist seit 25 Jahren ein funkelndes Konzentrat des folgenden Festivalprogramms und ein strahlender Botschafter für unsere ‚gute Stube‘ mit dem UNESCO Welterbe Rathaus und Roland.“

Beethoven-Zyklus mit sämtlichen Streichquartetten

In den drei Wochen nach dem Auftakt setzt sich das Musikfest mit 45 Konzerten in Bremen und im Nordwesten Deutschlands bis zum 4. September fort. Darunter gibt es wie in den Vorjahren eine ganze Reihe von Preziosen. So gibt es als Prolog zum Beethoven-Jahr 2027 aus Anlass des 200. Todestages des Komponisten einen ersten Beethoven-Zyklus in Bremen – bevor zum Beispiel der Pianist Lang Lang gemeinsam mit dem Gewandhausorchester und dem Boston Symphony Orchestra in der Elbphilharmonie unter Leitung des Dirigenten Andris Nelsons an fünf Abenden von März bis Juni 2027 die Klavierkonzerte in der Elbphilharmonie in Hamburg spielt. In Bremen besteigt beim Musikfest das französische Streichquartett Quatuor Ebène den sogenannten „Mount Everest der Kammermusik“ und interpretiert vom Sonntag, dem 16. August, bis zum Sonntag, dem 23. August, alle 16 Streichquartette von Beethovens im kleinen Saal der Glocke.

Der Tenor Rolando Villazón steuert einen Abend Orpheus gewidmeten Abend bei, den er gemeinsam mit Christina Pluhar entwickelt hat und schlägt gemeinsam mit Sopranistin Céline Scheen, begleitet vom Instrumentalensemble L‘Arpeggiata einen Bogen vom 16. ins 20. Jahrhundert. Er singt in „Orfeo son io“ (mit diesen Worten stellt sich der Sänger in Monteverdis „L’Orpheo“ dem Fährmann Charon vor) Werke von Monteverdi bis Carlos Gardel. Ebenso herausragend ist die Aufführung „Ein deutsches Requiem“ am Ort seiner Uraufführung im St. Petri Dom durch das Utopia Orchestra und den Utopia Choir unter Leitung des Dirigenten Teodor Currentzis. Im St. Petri Dom sind die Sopranistin Iveta Simonyan und Bariton Matthias Winckhler mit von der Gesangspartie.

„Die letzten Tage der Menschlichkeit?“

Dirigent Sir John Eliot Gardner kehrt am 28. August mit dem „Schicksalslied“ von Johannes Brahms und der zweiten Sinfonie von Felix Mendelssohn Bartholdy in „Die Glocke“ zurück, gespielt von The Constellation Choir & Orchester sowie Gesangssolisten. Frei nach Karl Kraus‘ „Die letzten Tage der Menschheit“ stellen sich Bariton Georg Nigl und Burg-Schauspieler Nicholas Ofczarek am 23. August in der historischen Oberen Rathaushalle die Frage, wann „Die letzten Tage der Menschlichkeit?“ angebrochen sind. Am Klavier begleitet werden sie dabei von Vladimir Jurowski, Generalmusikdirektor der Münchner Staatsoper.

Aber nicht nur in Bremen, sondern auch an vielen anderen Orten erklingen beim Musikfest und beim Arp-Schnitger-Festival als Fest im Fest Konzerte wichtiger Künstler und Orchester. So ist die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen mit einem Tschaikowsky-Programm in der Stadthalle Papenburg zu Gast (20. August). Und Anastasia Kobekina tritt mit einem Soloabend in der St. Bartholomäus Kirche in Golzwarden auf (18. August), wo sie unter anderem drei Cellosuiten von Johann Sebastian Bachs spielen wird. Ein weiterer Bach-Höhekontrapunkt steht für den 22. August in der Findorffkirche in Grasberg auf dem Spielplan. Dort interpretieren Masaaki Suzuki und sein Sohn Masato an der Orgel die „Kunst der Fuge“.

Das komplette Programm unter: musikfest-bremen.de

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