Sie trinken, als gäbe es kein Morgen. Ob Riesling oder Baileys, Rosé oder Wodka, Hefeweizen oder Likörchen, ganz egal. Hauptsache, es knallt. Drei Frauen, drei Generationen und eine Leidenschaft, die Leiden schafft, aber Erlösung verspricht: der Alkohol. In ihrem Theaterstück „Under the Influence“ schreibt die junge Autorin und Dramaturgin Natalie Baudy über Frauen, die saufen. Und dann taucht mitten im Gelage noch der Gott Dionysos auf, der eigentlich eine Frau ist.
Die Uraufführung bei den Bregenzer Festspielen zeigt die Verzweiflung des Suffs und sucht nach dem wahren Rausch in ernüchternden Zeiten. Das Stück hat zwar eine überraschende Wendung, aber keine überzeugende Lösung parat.
Es beginnt mit einem kleinen Schluck zur Lockerung. Einem Gläschen, bevor es losgeht, oder auch zwei. Schon sieht die Welt viel schöner aus, fühlt man sich selbst besser. Johanna Hainz, Claudia Carus und Roswitha Soukup stehen als Ems, Anja und Lieselott auf der Bühne. Sie sind Nachbarinnen in einem Mietshaus und erzählen vom alltäglichen Alkoholismus.
Während die eine noch mit Frauengold aufwuchs („Frauengold schafft Wohlbehagen, wohlgemerkt an allen Tagen“, lautete der berühmte Werbespruch für den als Kreislaufmedizin beworbenen Dauerschwips), waren es bei der anderen wohl eher die Alcopops. Es bleibt das Gleiche in Grün, Rosa oder Blau, wie auch die Kostüme von Nicole Wehinger zeigen, die das gleiche Muster aus Jogginghose und Trenchcoat farblich variieren. Was die drei Schauspielerinnen machen, wirkt wie ein Botenbericht in der antiken Tragödie. Informieren statt interagieren.
Den Blick nach vorn, sprechen sie zum Publikum. Zwischendurch nehmen sie große Schlucke aus Plastikkanistern. Man erfährt von problematischen Trinkkulturen im Arbeitsumfeld, wo After-Work-Drink und Weekend-Welcome-Drink sich abwechseln. Vom Kampftrinken, mit dem sich Frauen in Männerrunden beweisen. Oder von Social-Media-Trends, wie sich als Amy Winehouse oder anderer Promi zu verkleiden und sich deren Signature Drinks vor laufender Live-Kamera reinzuschütten, angeheizt vom übergriffigen Follower-Mob. Und auch davon, dass Flirts und erste sexuelle Erfahrungen selten ohne Halb- oder Vollrausch zustande kommen. Das darf man, wie auf der Bühne eindrücklich demonstriert wird, durchaus zum Kotzen finden.
„Under the Influence“ läuft aus dem RuderUnd während draußen die Welt von apokalyptischen Plagen heimgesucht wird, die Dominika Kalcher in bunten Videocollagen illustriert, und unterzugehen droht, macht das Mehrgenerationenprojekt der Pegel- und Komatrinkerinnen einfach weiter, bis der Fusel alle ist. Wie heißt es bei der legendären Punktruppe Die Kassierer: „Der letzte Wal wird gekillt und dann lecker gegrillt, die Sonne dehnt sich aus, bald stirbt die Menschheit aus, doch das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist.“ Einmal auf dem Trockenen, sieht die Lage düster aus. Und wer hat Schuld? Schnell sind die Nachbarinnen sich einig: Dionysos, der Gott des Weines und des Rauschs! Die Lösung? Der gefährliche Verführer soll getötet werden.
Dionysos ist allerdings eine Frau. Dass er immer wieder als Sohn des Zeus beschrieben wurde? „Ein Übersetzungsfehler“, wie Lisa Schrammel im schwarzen Minirock mit Sonnenbrille und Zigarette sagt. Ihr Aufgabenbereich? „Ich ficke die Ordnung.“ In Theben, siehe „Die Bakchen“, hat das ja ganz wunderbar geklappt. Doch heute habe sie schrecklich wenig zu tun, sie sei eine „Göttin außer Dienst“. Wie das? Das muss man nicht nur den drei Gewohnheitstrinkerinnen genauer erklären.
Alles kaputtmachen, was kaputtmacht
Es ist nämlich so, dass der Suff gar kein wahrer Rausch ist, erklärt die Göttin. Sondern nur etwas wie eine Ersatzdroge in einer fiesen Welt, sprich: Männerwelt, die keine Ekstase mehr kennt. Wie die Rache am nicht gelebten Leben. Nun aber richtig! Alles kaputtmachen, was einen kaputtmacht! Feuerzeuge werden gezückt, dazu durchdringende Schreie. Dann wird kurz wild getanzt, während die Vorhänge flattern. Und schon ist das Trio mit der Göttin entschwunden.
Am Ende bietet „Under the Influence“ eine abenteuerliche Mischung. Man will den Tabuthemenbonus – Frauen und Alkohol – abstauben, über die soziale Akzeptanz von Alkohol und Alkoholismus aufklären, auch gefährliche Social-Media-Trends kritisch erwähnen, und zuletzt kommt mit der Überschreibung der antiken Mythologie sogar noch für die an Kulturtheorie Interessierten eine Metaebene hinzu, die idealtypisch den unheilvollen Verblendungszusammenhang von Verzweiflung und scheinbarem Ausweg vor Augen führt. Glas für Glas ins Paradies? So nicht.
Doch will sich das alles nicht recht zueinanderfügen. Wie so oft bei zeitgenössischer Dramatik sieht man deutlicher das Gerüst einer gelehrigen Abhandlung als den durchsichtigen Widerschein menschlichen Handelns. Man fragt sich zudem, wo eigentlich die kraftvolle Sprache gewesen ist, für die das Stück ausgezeichnet wurde? „Under the Influence“ gewann vergangenes Jahr einen Wettbewerb der österreichischen Theaterallianz, einem Zusammenschluss der freien Szene im Nachbarland.
Obwohl „Under the Influence“ wie das Gegenstück zu Thomas Vinterbergs Kinoerfolg „Der Rausch“ wirkt, wo eine Gruppe von Männern in einer strengen Versuchsanordnung dem Alkohol erliegt, wirkt es weniger lebendig und anregend. Es bleibt vor allem als wenig berauschendes Thesenstück über feministische Exzesse für und gegen das patriarchale System in Erinnerung, wie auch das betont nüchterne Setting von Regisseur und Bühnenbildner Josef Maria Krasanovsky.
Nach 80 Minuten Spieldauer ist das Premierenpublikum zwar nicht aller Sinne beraubt, spendet jedoch wohlwollenden und freundlichen Applaus für die Uraufführung der 1990 geborenen Baudy, die als Dramaturgin am Schauspiel Erlangen arbeitet. Hochprozentig ist der Abend nicht, verursacht dafür aber auch keinen schlimmen Kater.
„Under the Influence“ läuft bei den Bregenzer Festspielen.
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