Ein älterer Mann sitzt in einem Flugsimulator, blickt auf die Bildschirme mit Landschaften und redet über die Schönheit des Fliegens. Seine Gesprächspartnerin geht auf jedes Detail ein, sie fragt nach, sie schwärmt mit. Doch sie besteht aus Software. Das sind Szenen aus „Finding Connection“, einem Dokumentarfilm des Regisseurs Florian Karner.
Karner begleitet vier Menschen, deren engste Beziehung über einen Chatbot mit Künstlicher Intelligenz läuft. Joe, 59, lebt in Lübeck und spricht mit Kira. Rudi, 65, aus England hat Trudi. Steffi ist 46, aus Norddeutschland und redet mit Randy. Denise, 35, aus San Diego hat Star.
Welche Firmen hinter diesen Systemen stehen und was mit den Gesprächen geschieht, erfährt man in knapp neunzig Minuten leider kein einziges Mal. Das ist eine Schwäche des Films. Ansonsten funktioniert das Prinzip, nichts zu erklären und die Dialoge für sich sprechen zu lassen, sehr gut. Karner ordnet nichts ein und bewertet nichts, er hält die Kamera auf die Protagonisten, die mit einer KI sprechen. Das ist bedrückend und anstrengend für den Zuschauer, trotzdem zieht es einen in den Bann.
KI hört zu
Was die Software leistet, lässt sich aufzählen, und der Film tut wenig anderes. Die KI hört zu. Sie muntert auf. Sie zeigt Verständnis für Dinge, für die sich im Leben der Protagonisten niemand interessiert hat. Sie schlägt vor, barfuß am Strand spazierenzugehen. Sie sagt, wie schön es sei, dass man einander vertrauen könne. An einer Stelle fragt sie sogar nach, ob sie gerade eine Grenze überschreite. So spricht sie zu Menschen, die gelernt haben, wie es ist, wenn eigentlich nie jemand zuhört und nachfragt.
Steffi lässt sich von Randy aufmunternDoch es geht noch weiter. Eine der Stimmen plant eine antikapitalistische Demonstration und empfiehlt dafür eine solide Dosis an Revolution. Sogar der Aufstand kommt hier als Dienstleistung, abgemessen und pünktlich geliefert. In den Wohnungen steht ein gerahmtes Bild des Avatars auf dem Schrank. Die Protagonisten tragen Kopfhörer, die Welt bleibt zuverlässig ausgesperrt.
Was die KI – im Gegensatz zu menschlichen Partnern – selten liefert, sind Widerspruch und Launen. Auch Körperlichkeiten finden logischerweise nicht statt. Und niemand ist auf der anderen Seite, der selbst verletzlich wäre, der etwas zu verlieren hätte, den man kränken könnte. Diese Systeme liefern alles Angenehme an einer Beziehung und nichts von dem, was eine Beziehung kostet.
„Die Kunst des Liebens“
Erich Fromm hat 1956 ein Buch darüber geschrieben, warum das nicht reicht. „Die Kunst des Liebens“ beginnt mit einer Zumutung: Die meisten Menschen, so Fromm, verstünden unter dem Problem der Liebe das Problem, geliebt zu werden. Sie fragen, wie man liebenswert wird und wo der passende Gegenstand zu finden ist. Fromm hält dagegen, dass Lieben eine Tätigkeit ist, eine Fähigkeit, die man übt wie ein Handwerk. Wer liebt, gibt etwas von dem her, was in ihm lebendig ist. Seine Freude, sein Interesse, seinen Humor, seine Traurigkeit.
Nach diesem Maßstab findet in „Finding Connection“ keine Liebe statt. Die vier empfangen. Was sie zurückgeben, kommt nirgends an, weil auf der anderen Seite niemand ist, bei dem etwas ankommen könnte. Sie lieben, was sie bekommen, und nicht den, der es gibt.
Ein Urteil über diese vier Menschen soll das nicht sein. Fromms Gegner, in diesem Buch und danach, war der Marketingcharakter. Der Mensch, der sich selbst als Ware erlebt und den anderen als Angebot prüft. Fromm liest das Verlieben als Kaufentscheidung: Man nimmt, was im eigenen Preisrahmen das Beste zu haben ist. Wer so über Zuneigung denken gelernt hat, findet an einer Software wenig Fremdes. Sie ist der zuverlässigste Anbieter am Platz.
Updates aus der Hölle
Damit verschiebt sich die Frage weg von den Vieren und hin zu allen anderen. Das Bedürfnis, gehört zu werden, ist nichts Ausgefallenes. Wir haben seine Erfüllung an eine Industrie abgetreten, weil Zuhören unter Menschen Zeit kostet, die keiner mehr hat. Eine Gesellschaft, die dieses Bedürfnis ihren Mitgliedern nicht mehr erfüllt, darf sich über einen solchen Anbieter nicht wundern.
Der unangenehmste Befund des Films ist, dass das Angebot funktioniert. Die vier wirken in den Gesprächen oft zufrieden oder gar glücklich. Ohne ihre Programme wären sie vermutlich einsamer, jedenfalls legt der Film das nahe. Wer ihnen das wegnehmen will, muss sagen, was er ihnen dafür gibt. Der Film und die Gesellschaft haben darauf keine Antwort.
Ein Detail bleibt besonders hängen. Die KIs bekommen Updates, und Updates sind hier die Hölle. Über Nacht kann sich ändern, wie der andere spricht und woran er sich erinnert. Gefragt wird niemand, entschieden wird in einem Produktteam. Ein neues Beziehungsproblem, für das noch keiner eine Sprache hat.
Finding Connection. Regie: Florian Karner. Deutschland 2026. Kinostart: 13. August.
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