Der Steckerlfisch, das muss man eigentlich nicht mehr erklären, seit es Oktoberfeste selbst in Dagebüll/Nordfriesland und Halifax/Nova Scotia gibt, ist als Schweinshaxenalternative des Pescetariers liebste Grundlage für ausgiebigen Schnaps- und Bierkonsum. Und eigentlich ein ganz einfaches Rezept.
Fisch – möglichst, naja, fettig, Makrele, Forelle oder Saibling bieten sich an – ausnehmen, üppig marinieren mit einer Gewürzölemulsion, auf ein Stockerl spießen und dann so lange übers Feuer hängen (und immer wieder bepinseln), bis die Haut Blasen wirft. Da man an Feuer und Fisch kaum was ändern kann, liegt das Geheimnis in der Kräutermischung. Rita Falk empfiehlt Salz, Pfeffer, Knoblauchpfeffer, Cayennepfeffer, Paprikapulver, Zwiebelsalz und Kräuter wie Salbei und Rosmarin.
Rita Falk muss man eigentlich auch nicht mehr erklären. Sie schreibt ganz einfache Kriminalromane, die sich seit gut anderthalb Jahrzehnten verkaufen wie halbverbrannte Fettfische auf der Theresienwiese. Sieben Millionen Exemplare, gehen Gerüchte, sind von den Fällen des niederbayerischen Dorfbullen Franz Eberhofer über die gesamtdeutschen Buchhandelstheken gegangen. Mehr als elf Millionen Menschen haben im Kino gesehen, was Regisseur Ed Herzog und Drehbuchautor Stefan Betz aus ihren Büchern gemacht haben. Dass am Ende weniger als anderthalb Millionen Eberhoferabhängige „Steckerlfischfiasko“, die zehnte Kinoleich aus Niederkaltenkirchen, die jetzt ins Kino kommt, gesehen haben werden, ist eher nicht zu erwarten.
Sie hat den prinzipiell steckerlfischähnlich einfach gestrickten (bajuwarischen) Regionalkrimi nicht erfunden. Die ausgebildete Bürokauffrau und dreifache Mutter, die nach einem Burn-out anfing, Mordsgeschichten zu schreiben. Aber ihre Marinade und die von Herzogs Filmen hat halt gestimmt. Und stimmt noch immer.
Wir alle sind Eberhofer
In Niederkaltenkirchen, dem Kaff, in dem der Eberhofer fast zu seiner Erleichterung (er ist ständig auf der Flucht vor seinen durchschnittlich komplizierten Familienverhältnissen) andauernd über Leichen stolpert, finden alle eine Heimat, die mühselig und beladen von der Moderne sind. Das Kaff – in Herzogs Filmen gespielt von Frontenhausen (rechts von Landshut und Richtung Tschechien auf der Karte) – ist Bayern und überall.
Jeder zwischen Kleinhennersdorf/Sachsen und Perl/Saarland kennt Niederkaltenkirchener, hat welche zum Nachbarn. Es wird zwar herrlich bayerisch geflucht, und manchmal wünscht man sich in Herzogs Filmen schon Untertitel, aber von jeglicher Tümelei, jeglicher bajuwarischer Lüftelmalerei halten sich gerade die Filme fern wie der Teufel von den Oberammergauer Passionsspielen. Transformationsprozesse finden statt – Geschlechterkampf, Kneipensterben –, sie vollziehen sich aber ungefähr in jenem Tempo, in dem die Bahn gerade umgebaut wird.
Dass es vor drei Jahren nach „Rehragout-Rendezvous“ zum Eklat kam, weil Rita Falk sich und ihr Buch auf der Leinwand nicht mehr angemessen gewürdigt fand, hing damit zusammen, dass Herzog und Betz schleichend mehr halluzinogene Substanzen in die Marinade gekippt hatten, mit denen sie Falks zugegebenermaßen eher bleichschmeckende Plots gewürzt hatten. Falk war empört. Falk machte im „Spiegel“ mobil. Und schien schon kurz vor der Scheidung mit der Münchner Constantin, deren Bilanzen der Eberhofer Franz in beinahe jedem Jahr verschönt hatte.
Inzwischen haben sich alle wieder lieb. Der Streit – Schriftstellern, so ging es schon Hesse, graust es halt immer bei der Vorstellung, was aus ihren Büchern werden könnte, und Falk hätte sich besser an das schöne Motto „Take your money and run“ halten sollen – war nicht das Papier wert, aus dem Steckerlfische in der Regel gegessen werden.
Das mit dem Liebhaben hat während der Anbahnung vom „Steckerlfischfiasko“ leider anscheinend schon dazu geführt, dass sich die Geschichte weniger wild um den Kreisverkehr am Ortseingang dreht, der einzigen Sehenswürdigkeit von Niederkaltenkirchen (Anschrift in Frontenhausen: Franz-Eberhofer-Kreisel). Es werden natürlich schon alle Gewürze zusammengerührt und über das diesmal besonders magere Schuppentier gekippt. Das Geschmackserlebnis ist aber vergleichsweise fad.
„I fotz dir eine“
Der Fall ist folgender: Sebastian Paulus, Senior und ungekrönter König einer Steckerlfischdynastie, liegt erschlagen und nackend im Nassbereich des Niederkaltenkirchener Golfklubs, dessen Präsident er war. Verdächtig machen sich vor allem die Dottingers, ein verboten aussehender Clan von Vokuhila-Frisuren-Trägern, deren Frontmann Paulus gleich zu Anfang androht, dass er ihm eine „fotzt, dasst denkst, der Doppeldecker hätt di gstreift“ (oder so ähnlich).
Das entsetzlich öde Volksfest, auf dem sich der Streit begibt, spielt im Folgenden keine Rolle mehr. Es diente, wie beinahe jede Biegung, die Herzogs Geschichte nimmt, nur dazu, unterwegs möglichst viele Oneliner und Lacher einzusammeln. Das funktioniert wie bisher immer hervorragend. Betz und Herzog werfen das dreckige Dutzend von Niederkaltenkirchener Haupt- und Nebenfiguren samt ihrer Nebenplots in die Luft und jonglieren gerade so lange mit ihnen herum, bis jeder Fan vom Oberstirnbandführer Flötzinger, vom kiffenden Eberhofer Papa (Eisi Gulp), von der krähenden Oma (Enzi Fuchs) und von der Hinkelotta, dem dreibeinigen Hund, befriedigt ist.
Ermittlungen bei den DottingersAlle sind sie wieder dabei – der Bezzel Sebastian als grantelnder Auslaufmacho Eberhofer, der Schwarz Simon als Birkenberger Rudi, Eberhofers diesmal ziemlich anrüchiger bester Kumpel, die Pothoff Lisa Maria als Eberhofers Dauerliebe Susi, die Bürgermeisterin werden will, das nie fertig werdende Reihenhaus, der Kreisverkehr, die leere Stadt. Und alle – bis in die letzte und schnell tote Nebenrolle ist „Steckerlfischfiasko“ mit bayerischen und nichtbayerischen Granatenschauspielern besetzt – geben ihr Bestes, haben ihren Spaß.
Sebastian Edschmids Kamera bringt Gesichter zwerchfellerschütternd schräg ins Bild und liefert alle paar Minuten herrlich skurrile Panoramen. Die Post-Biermöselblosn-Western-Musik schlurft drüber hinweg. Von der exquisit hässlichen Ausstattung bekommt man Augenkrebs und freut sich darüber. Das Wetter ist geht so. Das Tempo ist verhältnismäßig verhalten, als hätte Rita Falk in Betzens THC-lastige Marinade ein paar Beruhigungstropfen geben dürfen.
Man amüsiert sich trotzdem wie immer nur selten unter seinem Niveau. Spaß macht es. Und Lust. Nicht unbedingt auf Niederbayern. Nicht unbedingt auf fettigen Fisch. Aber auf eine Therapiehalbe nach dem Kino draußen im Biergarten. So kann es weitergehen. „Fleischpflanzerl-Misere“, der vierzehnte Eberhofer, erscheint im November.
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