Als George Lucas 1972 begann, an der Idee zu „Star Wars“ zu arbeiten, kam er nicht gut voran. Nach einem Jahr hatte er 13 Seiten eines Entwurfs, der erste Satz lautete, es sei die „Story von Mace Windu, dem verehrten Jedi-Bendu von Opuci, der verwandt war mit Ushy C. J. Thape, dem padawaanischen Schüler der berühmten Jedi.“ Aha.
Wohl niemand hätte auch nur einen Cent darauf gewettet, dass diese Geschichte zu einem doch klaren, gut gebauten Weltraum-Abenteuer führen sollte, das für lange Zeit alle Weltraum-Abenteuer in den Schatten stellen würde. Es ist dann auch nichts davon im Film geblieben, und Mace Windu tauchte mit einem purpurfarbenen Lichtschwert erst 1999 in „Die dunkle Bedrohung“.
Bemerkenswert an dem ersten Satz ist die Fantasy-Genauigkeit, nämlich Ahnen-Reihen bis in vergangene Jahrhunderte herzubeten, und dann auch der Comic-Appeal. Lucas wusste wohl sehr genau, wie sein avisiertes junges Publikum tickte. Er wollte, hat er oft betont, einen Kinderfilm machen. Lucas’ Generation und die folgenden waren mit Comics aufgewachsen, bunten Welten aus einer Galaxie weit, weit entfernt. Die US-Comics des Goldenen Zeitalters ab 1938 hatten sich an Serials wie „Flash Gordon“ orientiert, George Lucas kopierte sie ebenso. Unter den vielen Vorwürfen der etablierten Kulturkritik gegen „Star Wars“ nach dem sensationellen Erfolg des Films 1977 war die naive Comichaftigkeit der Charaktere und der Handlung noch die harmloseste.
Seite aus Heft Nr. 5In einem üppig ausgestatteten Band liegen nun die ersten 23 „Star Wars“-Comics ab 1977 vor. Sie erzählen bekannte und apokryphe Geschichten zu einer Zeit, als „Star Wars“ sich erst anschickte, das Kult-Phänomen zu werden. Beinharte Kanoniker mögen mit den Ohren wackeln, aber die Comics gehören nun mal zu den Ursprüngen.
Es ist oft gesagt worden, dass der geniale, überaus folgenreiche Trick von George Lucas war, sich die Rechte an den Figuren, den Fortsetzungen und am Merchandise zu sichern. Aber er wusste früh, dass seine Geschichte der Rebellion im Universum die Querbefruchtung braucht, mehr Stoff, anderer Stoff, der das Interesse am Laufen hält, wenn es mitunter Jahre dauert, bis der nächste Film fertig ist. Man sieht beim Blättern in dem gewaltigen Buch dem Mythos beim Wachsen zu. Jede Erzählung stützt das Hauptprodukt.
Nebenbei lässt der Blick in die Comics von damals eine Welt auferstehen, in der der Fluss von Information ein anderer war. Content für Nerds wurde noch auf billigem Papier gedruckt und für 30 Cent je Ausgabe verkauft. Die Liste der bis heute erschienenen Comics in Dutzenden Reihen insgesamt ist schier unendlich wie das gesamte erweiterte Star-Wars-Universum. Die Original-Reihe wurde Mitte der 80er-Jahre eingestellt.
Die ersten sechs Hefte erzählen den Film nach, der in Deutschland 1978 als „Krieg der Sterne“ in die Kinos kam. Legendär ist das Urteil des Großkritikers von der „Zeit“: „Menschen werden nicht mehr gezeigt in ,Star Wars‘, nicht einmal mehr Comicstrip-Figuren (!), sondern nur noch bleiche Zombies, die aussehen wie amerikanische Pfadfinder …“, schrieb Hans-C. Blumenberg, der Satz ging noch eine Weile weiter. Er hat wohl die Comics nicht gesehen, sich dort aber bestätigt fühlen können. Luke Skywalker, Prinzessin Leia und Han Solo sehen erst recht gesichtslos aus, wenn auch nicht wie Zombies; es lässt sich keinerlei Ähnlichkeit mit den Schauspielern erkennen. Dafür ist Chewbacca viel gefährlicher gezeichnet mit ständigem Zähnefletschen, King Kong näher als einem gutmütigen Wookie.
Hübsch sind die kleinen Änderungen. Natürlich schießt Han Solo in der später notorischen Cantina-Szene zuerst, als der Kopfgeldjäger Greedo ihn bedroht. Im Film 1977 kommt der Schuss von unterm Tisch, im Comic reißt Han Solo die Waffe hoch wie im Western und trifft den armen Greedo, der dann wie ein Teddybär in sich zusammensinkt. Für „Star Wars“-Neulinge: 2019 wurde die Szene digital umgearbeitet, nun reagiert Han Solo auf Schüsse von Greedo, was unter Nerds zur „Han shoots first“-Bewegung führte. Außerdem tritt im Comic Jabba the Hut kurz auf, sieht aber anders aus als die unförmig-fette Kröte in „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“. Vielmehr erinnert das hagere Wesen an den unglücklichen Jar-Jar Binks aus „Die dunkle Bedrohung“ – es war wohl für „Star Wars“ geplant, Jabba zu zeigen, wurde aber schließlich verworfen.
Größere Auflage als bei „The Amazing Spider-Man“
Der Planet Alderaan explodiert in Heft 3 als bunter LSD-Fiebertraum mit Grün, Pink, Quietschgelb. Das Laserschwert von Obi-Wan Kenobi ist purpurfarben, so wie im Kino das von Mace Windu. Überhaupt schwelgen die Comics in Purpur, die Laserkanonen, Explosionen, die Rückwände im Millennium Falken, Treppen und Gänge im Todesstern sind lilafarben. Die Marvel-Farbgebung der Post-Hippie-Ära, maßgeblich geprägt vom Zeichner Jim Steranko, der sehr tief in die Farbtöpfe gegriffen hatte, ist deutlich sichtbar. Die Comics sehen aus, als müsste der Macht-Schlachtruf „Möge das Purpur mit dir sein!“ heißen. Die Lautmalerei für die Laserschwert-Kämpfe ist ziemlich Z-lastig. ZIK, ZURP, FZZT, TZIP, ZZRAP, ZZIKK, SZZRAK.
Marvels Herausgeber Stan Lee bekam schon 1975 das Angebot, eine Reihe mit „Star Wars“-Comics zu machen, blieb aber skeptisch, da Comics zu Filmen bisher nicht gut liefen. Ein Jahr später sagte Lee zu, nachdem George Lucas keine Lizenzrechte verlangte. Es sollte erst Geld fließen, wenn mehr als 100.000 Hefte pro Ausgabe verkauft würden. Der Regisseur wünschte sich den damals 26 Jahre alten Howard Chaykin als Zeichner, der sich auf dem Universal-Produktionsgelände auch umschauen durfte. Routinier Roy Thomas, damals 36, hatte vorher „Conan der Barbar“ geschrieben und sollte texten.
„Sieben Samurai“ im Weltraum. Na ja, eigentlich AchtDie ersten zwei Hefte erschienen noch vor dem Filmstart. Sie verbreiteten sich so schnell wie der Millennium Falke den Kossal-Flug schaffte, in weniger als zwölf Parsec war die 100.000er-Marke überschritten. Bald gingen eine Million Hefte je monatlicher Ausgabe über die Ladentische. Das waren viermal so viele wie Marvels erfolgreichster Titel, „The Amazing Spider-Man“. Der Comic-Verlag stand in den späten 70ern wie später mehrfach auf der Kippe, „Star Wars“ hielt ihn am Laufen. 1979 und 1980 war die Reihe die meistverkaufte in den USA, weit vor genuinen Comic-Heften.
Heft Nr. 7 betritt mit dem Titel „Neue Planeten, neue Gefahren“ Neuland. Weil der Film stark von den Filmen des Japaners Akira Kurosawa beeinflusst war – die Roboter C3PO und R2-D2 etwa sind stark an zwei Bauern in „Die verborgene Festung“ angelehnt –, erzählten vier Comics nun eine Art „Sieben Samurai“ auf dem Planeten Aduba 3; Han Solo und Chewbacca suchen sich Mitstreiter, darunter das sprechende Kaninchen Jaxxon, und beschützen arme Farmer vor Weltraum-Piraten. George Lucas hatte für die Comics Regeln aufgestellt. Darth Vader durfte nicht mehr auftauchen, auch die romantische Beziehung von Luke und Prinzessin Leia sollte nicht fortgeführt werden. Lucas begründete das gegenüber den Comic-Leuten aber nicht weiter.
So besuchen die Helden immer neue Planeten, mal voller Blumen, mal mit Wasser bedeckt, in dem Monster schwimmen. Einige Abenteuer mit Luke und Obi-Wan spielen auch vor den Ereignissen des Films. „Das Imperium schlägt zurück“ würde erst im Mai 1980 in den Kinos anlaufen, neben Star-Wars-Romanen lieferten die Comics Stoff aus den fremden Welten. Nüchtern betrachtet ist der kulturelle Wert der „Star Wars“-Comics durchaus irdisch statt überirdisch, die Erzählung, die Layouts der Seiten und die Zeichnungen sind im Rahmen des Üblichen.
Die späten 70er-Jahre waren für Comicleser eine schwierige Zeit der Stagnation. Bei Marvel begann die (erneute) Revolution erst 1979, als der junge Frank Miller in „Daredevil“ einen neuen Szenenaufbau erfand, Manga-Techniken übernahm, seine Helden zugleich erdete durch rohen Realismus und neue Coolness plakatierte. Das führte schließlich vom „Bronze Age“ zum „Dark Age of Comics“.
Der Band besticht allerdings auch, weil in den Plakaten, den großspurigen Editorials, den Werbeanzeigen eine seltsame Vergangenheit aufersteht. In Nr. 5 etwa wird mit dem Satz „Der Sport, mit dem ein Junge aufwächst“ für ein Gewehr geworben, das der Vater fürsorglich dem Kind hinhält. In Nr. 7 wird die „Patty Prayer“-Puppe für Mädchen annonciert, Patty im pinken Hausanzug kniet nieder und sagt Gute-Nacht-Gebete auf: „God bless Mommy … and Daddy, and make me a good girl. Amen.“
Originalseite von Howard Chaykin für die Rückseite der „Marvel Special Edition“ 2Am Anfang gibt es noch jede Menge Werbung für Marvel-Charaktere. Das geht bald zu Star-Wars-Merchandise über. Gleich im zweiten Heft wird eine kleine Anzeige gedruckt, da liest der „Dynamische Diktator“ Doctor Doom aus Latveria ein Comicheft namens „Crazy“. Es ist der Dr. Doom, Super-Schurke und Erzfeind der Fantastischen Vier, der sich jetzt ab Dezember in „Avengers: Doomsday“ anschickt, das Marvel-Multiverse zu erschüttern, jedenfalls ein bisschen.
Die Star-Wars-Comics zeigen auf raffinierte Weise eine Verwandtschaft an. Darth Vaders Maske wird nämlich gelegentlich mit dem gleichen Grün gezeichnet wie Dr. Dooms Umhang. Das Bösen-Grün geht um. Disney, mittlerweile Mutter-Company von „Star Wars“ und von Marvel, erfindet ja gerne Crossover-Abenteuer. Ist also Dr. Doom demnächst als Kinostar etabliert – und Robert Downey Jr. als Darsteller wird ja wohl nicht nur eine einmalige Nebenrolle spielen –, steht einem Auftritt bei „Star Wars“ eigentlich nichts im Wege, egal ob im Kampf mit Darth Vader oder Seit’ an Seit’.
Star Wars Comics Library. Vol. 1. 1977–1979. Taschen, 680 S., 175 Euro.
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