Guter Humor braucht wenig Worte, manchmal sogar gar keine. Man denke nur an den unvergesslichen Charlie Chaplin, der nur eine Augenbraue zu heben brauchte, um die Lachmuskeln des Kinopublikums in Bewegung zu versetzen. Es musste, in der Zeit des Stummfilms, halt auch ohne Sprache gehen. Nicht zuletzt diese eiserne Notwendigkeit führte zu einer bis heute unerreichten Meisterschaft der Körperkomik.

Selbst in seinem ersten Tonfilm „Der große Diktator“ flüchtet Chaplin ins Sprachferne, indem er ein Fantasiedeutsch erfindet, um Hitler-Reden zu parodieren. Schreiend komisch ist dieses Gebrabbel vor allem, weil es vor jeden Inhalt den Triumph-des-Brüllens-Gestus stellt. Das entblößt die Nazi-Propaganda trefflicher als die eifrigsten Faktenchecker. Kann man aber auch 100 Jahre, nachdem der Tonfilm in die Kinos kam, noch wortlose Komödien machen? Man kann, wie die ZDF-Miniserie „Das Manko“ jetzt eindrucksvoll beweist.

Am Anfang von „Das Manko“ ist das Büro. Und das Büro ist still und leblos, außer es ist Schnitzeltag in der Kantine. Ab und zu klingelt in der anonymen Behörde zum großen Erschrecken der gesamten Abteilung ein Telefon, bevor wieder alle in ihre sinnlosen Routinen zurücksinken. In die Abgründe von Arbeitswelten einzutauchen, gehört zu den Spezialitäten des Regisseurs Arne Feldhusen. Mit „Stromberg“, seiner Adaption der britischen Serie „The Office“, erreicht der 1971 geborene Filmemacher, was man wohl Kultstatus nennen kann.

Den Ruf, kluge Komödie zu können, festigt Feldhusen mit „Der Tatortreiniger“ – mit einem brillanten Bjarne Mädel, der dem proletarischen Common Sense hanseatischer Färbung zu unverhofften Ehren verhalf. So sympathisch, lustig und lebensklug hat man die zudem weiße, männliche Arbeiterklasse im Fernsehen wirklich selten gesehen. Und auch in „Das Manko“ hat Mädel, schon bei „Stromberg“ als kauziges Mobbingopfer „Ernie“ ein Publikumsliebling, einen kleinen Gastauftritt.

Chaplins Erben

Im Zentrum der vier knapp 20-minütigen Folgen steht jedoch kein einzelner Schauspieler, sondern eine Gruppe. Oder eine Herde, wie Sophie Rois als Off-Stimme im distanziert-interessierten Ton zoologischer Expertise erklärt. Schöner hat man das seit Werner Herzogs Pinguinkommentaren nicht mehr gehört. Eigentlich ist es bei „Das Manko“ wie bei „Die Minions“, nur halt mit echten Schauspielern statt Animationen. Ein Pulk vor sich hin trappelnder und brabbelnder Wesen, jeder mit einer kleinen Besonderheit, aber der großen Gemeinsamkeit, unvorstellbares Chaos auslösen, wo auch immer sie auftauchen.

In der ersten Folge mit dem Titel „Eskalation in Beige“ beginnt es damit, dass eine Unternehmensberatung das skurrile Büro überfällt, um die Low-Performer von den High-Potentials zu separieren. Die einen zur Weiterbildung, die anderen zum Jobcenter, klare Sache. Doch natürlich werden die Umschläge mit den jeweiligen Listen vertauscht und das fröhliche Durcheinander nimmt seinen Lauf.

Der Clou ist, dass in der Miniserie nicht gesprochen wird. Oder nur als sinnfälliges Kauderwelsch, wie es Chaplin in „Der große Diktator“ vormachte. Als sich die Truppe beispielsweise in der dritten Folge „Knistern Knutschen Knassenkampf“ ins Regallabyrinth eines Logistikzentrums verirrt, wird sie von Andreas Döhler mit einer Art ostdeutschem Vorarbeitergebell empfangen. Doch statt wie befohlen mit dem Gabelstapler die Pakete hin- und herzufahren, vergnügt sich die Chaosmannschaft mit dem lustvollen Zerquetschen von Luftpolsterfolie.

In der vorigen Folge „Schönen Tag noch, ihr Lachse!“ liefert man sich in einem Krankenhaus einen Wettlauf mit dem Tod, in der letzten Folge „Geil! Ewig nicht gegessen. Mega Bock!“ soll man zu Schutzengeln ausgebildet werden. Jedes Mal gibt es eine volle Ladung Slapstick und Körperkomik. Und auch bei Schnitt, Musik und Sound passt wirklich alles. Es wird herumgestolpert und -gealbert, dass es Chaplin aus dem Sessel gerissen hätte. Dass Fernsehen so fantasievoll und absurd wie in „Das Manko“ sein kann, mag man kaum glauben.

In der Ästhetik erinnert „Das Manko“ an das gefeierte Kinodebüt „The Ordinaries“ von Sophie Linnenbaum. Und an die dadaistischen Theaterstücke von Herbert Fritsch, der vor ein paar Jahren mit „Murmel Murmel“ einen Hit an der Berliner Volksbühne landete. Der Text des Stücks besteht aus nichts als dem Wort im Titel, für nächstes Jahr ist eine Neuinszenierung am Theater Basel geplant. Auch Fritschs „Der Die Mann“ mit Texten des Dadaisten Konrad Bayer war eine Feier der Körperkomik. So verschluckte Annika Meier unter dem hysterischen Lachen des Publikums mehrfach das Mikrofon.

Aufstand der Angestellten: „Das Manko“ im ZDF

Meier, aber auch Bastian Reiber – beides prägende Spieler bei Fritsch – fallen einem auch bei „Das Manko“ sofort ins Auge, außerdem spielen noch Sarah Bauerett, Julia Schubert, Florian Anderer, Sebastian Grünewald, Jonas Hien, David Simon, Jan Krauter, Carol Schuler und Christoph Jöde. Ihnen beim ernsten Quatsch zuzuschauen, ist pure Freude.

Was ein Pointenfeuerwerk für die Freunde des absurden Humors ist, hat auch einen zeitkritischen Kern. Denn in einer Welt, die evaluationsgesteuerte Prozessoptimierung zur letzten Utopie erhoben hat, ist „Das Manko“ eine Ode an die Fehlleistungen, das Missgeschick und den Klamauk. Oder anders gesagt: eine Hymne an das Chaos, das eine humanere Ordnung gebären könnte oder auch einfach nur Spaß macht. Es ist eine heitere Selbstzweckhaftigkeit, die entschiedenen Einspruch gegen die öde Verzweckung und völlige Zerstörung der Welt erhebt.

So wie in „Das Manko“ sehen Chaplins Erben heute aus. Man muss dem ZDF gratulieren, sich mit Feldhusens irrwitziger Miniserie aus dem üblichen Fernseheinheitsbrei herausgetraut zu haben. Und mag man sich den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit seiner Bürokratie auch oft so vorstellen wie das triste Behördenbüro in „Das Manko“, ist hier eine echte Überraschung gelungen.

„Das Manko“ von Arne Feldhusen läuft am 17. August im ZDF und steht in der Mediathek zum Stream bereit: Das Manko: Eine absurde Odyssee durch die moderne Arbeitswelt

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