Es beginnt mit Kino. Der siebzehnjährige Privatschüler Bret sieht sich am 24. Mai 1980 im Westwood, Los Angeles, den Horrorfilm „The Shining“ an – und lässt „Die Blaue Lagune“ links liegen, die im Kino gegenüber gezeigt wird, wo er seinen Mercedes SL 450 solange parkt. „Keine Ahnung, warum ich mich daran erinnere, aber ich trug ein modisches neues Ralph-Lauren-Hemd. Braun mit einem Hauch von weiß-grauen Streifen, dazu Calvin-Klein-Jeans und Gucci-Loafer.“
In diesem nostalgischen Coming-of-Age-Thriller wissen wir, was genau passiert und was dieser reiche Teenager und angehende Schriftsteller denkt, weil wir es aus dem Off gesagt bekommen, in diesem leicht affektierten, dezent monotonen Ton, mit dem Hauptdarsteller Igby Rigney die echte Stimme des echten Bret Easton Ellis imitiert, Autor und Schöpfer der Romanvorlage von „The Shards“.
Diese junge, alte Stimme erzählt aus der Zukunft, sie weiß alle Details, aber auch, was sie noch nicht weiß, weil sie gleichzeitig 57 und 17 ist, weil es hier um eine Romanverfilmung geht, in der sich die Realitätsebenen vermengen. Das ist erzählhandwerklich ganz schön komplex, und deshalb hakt und ruckelt es auch in diesen ersten vier Folgen der Serie „The Shards“, entwickelt von Ryan Murphy und Bret Easton Ellis. Es hakt nicht in den Bildern, die sich alle Mühe geben. Es hakt am Skript und an den Charakteren.
Die sündigen Achtziger
Dabei hat der Stoff alle Zutaten, die man brauchen kann: sehr gut aussehende, noch nicht zu oft gesehene junge Schauspieler, die wiederum meist Kinder bereits sehr berühmt gewordener Schauspieler und Models sind, das verschwenderische Setting eines Los Angeles der frühen 1980er, einen New-Wave-Soundtrack vom Feinsten und ein Gespür für den verbotenen Charme der Reagan-Jahre, ohne sich eine Sekunde lang mit Politik oder Minderheiten zu befassen.
„Stranger Things“ ist das aber nicht: das „Shards“-Ensemble im Pool„The Shards“ (Die Scherben) ist ein Teenage-Drama unter Palmen, und beinahe ohne Reibung mit der älteren Generation. Die Eltern der Protagonisten sind monatelang in Europa oder gehen Geschäften nach, sie überlassen ihre Kinder ihren gefälschten Ausweisen und den Versuchungen des Erwachsenwerdens. Aber ist das schlecht? Darauf kam Bret Easton Ellis auch in seinem 2019 erschienenen Essay „White“ mehrmals zurück: wie anders und wild und charakterprägend es doch war, in den Achtzigern großzuwerden. Nun wird diese vergangene Dekade also mit allen Mitteln der zeitgenössischen Fernsehproduktion zum Leben erweckt, aber viel sündiger und dunkler als etwa in „Stranger Things“.
„Kaum zu glauben, dass ich zwanzig Minuten nur mit mir alleine war. Ich saß untätig da und dachte nach. Über meine Freunde Thom und Susan. Ich wartete, wollte aber nicht gestört werden. Kein Smartphone. Kein Social Media. Der Kinosaal verdunkelte sich langsam, dann sah ich den Jungen.“
Dieser garçon fatal ist Robert Mallory. Um ihn wird sich bald alles drehen, denn er trägt dunkle Geheimnisse in sich. Bret verdächtigt Robert, ein Serienmörder zu sein, genannt The Trawler. Gespielt wird der undurchsichtige Robert Mallory von Homer Gere, dem Sohn von Richard Gere. Seiner fatalen Anziehungskraft erliegt trotz festem Freund auch die weibliche Hauptfigur, Susan Reynolds, verkörpert wiederum von Kaia Gerber, einziger Tochter von Cindy Crawford und selbst ein erfolgreiches Model – Produzent Ryan Murphy hat die nepo babies der Romanvorlage konsequent mit echten Prominentenkindern besetzt.
Verbrechen und Flapsigkeit
Der 1965 geborene Amerikaner ist einer der erfolgreichsten Serienschöpfer der Gegenwart. Murphy war für „American Horror Story“, „American Crime Story“, „Glee“ verantwortlich. Bret Easton Ellis, Jahrgang 1964, schrieb wiederum mit „Unter Null“ einen stilprägenden Bestseller über gelangweilte, sexuell ambivalente Teenager in Los Angeles. Im Jahr 1991 legte er „American Psycho“ nach und wurde zu einem der bekanntesten, umstrittensten und manchmal auch besten amerikanischen Schriftsteller.
Ellis, der einen eigenen Podcast betreibt, ist in Hollywood gut vernetzt und ein Film- und Fernsehnerd der besten Sorte. Warum also geht das gemeinsame Projekt der beiden schwulen Männer Ellis und Murphy nicht richtig auf? Vielleicht weil zwei Dinge einfach nicht zusammengehen: der psychopathische Horror des genießerisch verstümmelnden Trawlers, der eigentlich eine an „Sieben“ gemahnende Crime-Mechanik in Gang setzen müsste, und die Flapsigkeit, mit der die verwöhnten Bonzenkinder auf das Verschwinden ihrer Klassenkameraden reagieren.
Hier gibt's den Soundtrack: Igby Rigney, Hayes Warner als Debbie Schaffer, Kaia Gerber als Susan Reynolds und Graham Campbell als Thom Wright (v.l.)Ja, man schwelgt gern in den Autofahrten und Interieurs, aber die Handlung dehnt sich schon in der dritten Folge und wird zunehmend unglaubwürdig. Da bricht ein düster dreinblickender Messerträger während einer Hausparty in ein Schlafzimmer, bedroht mit dem Fleischermesser ein junges Liebespaar und wird dann, zur Rede gestellt, einfach in die lauwarme Nacht entlassen. Keiner wird befragt, verhört, stattdessen wird von der Buckley High School Mineralwasser verkauft, auf dessen Etikett die verschwundene Rhonda zu sehen ist – um sie heimzubringen. Satirisch, ja, aber die Serie kann sich einfach nicht entscheiden, ob wir lachen, uns fürchten oder uns vielleicht doch für diese Menschen interessieren sollen.
Lebt Rhonda noch? Was ist mit dem lockigen Kiffer Matt passiert, der im Poolhaus seiner Eltern wohnt und mit dem Bret eine zunehmend schwieriger werdende Sexfreundschaft unterhält? Wir sehen, wie er am Strand von einem vermummten Mann gefoltert wird und dabei LSD injiziert bekommt, eine Wiederkehr der Manson-Morde, die damals so lange noch nicht zurückliegen. Warum geht der Erzähler nicht mal zur Polizei, sondern folgt dem Porsche des mysteriösen Robert, und zwar so nah, dass der ihn unweigerlich sehen müsste?
Die Auflösung muss man nicht verraten – sie steht im Buch. Aber nicht alles, was in Romanen funktioniert, ist dazu geeignet, eine Fernsehserie über potenziell mehrere Staffeln zu tragen. Immerhin kann man sich vom Bilderreigen mit New-Wave-Soundtrack angenehm berieseln lassen. Und vielleicht bekommt „The Shards“ ja doch nochmal die Kurve – fünf weitere von insgesamt neun Folgen laufen noch auf Disney+.
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