Die frühste Erinnerung? „Schlafend aus dem Kissen gerissen, durch die Kälte des Treppenhauses zum Bunker geschleppt zu werden“. Das schrieb Helmut Lethen 2020 in seinen Erinnerungen„Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug“. Der Bunker, ein „Holzverschlag mit provisorisch hineingestellten Bänken“, befand sich in der Rubensstraße 39 in Mönchengladbach.
Hier wurde Lethen am 14. Januar 1939 geboren. In eine „Leichtathlethikfamilie“, so steht es schon in „Suche nach dem Handorakel“, einem halbautobiographischen Text von 2013. Vater Wilhelm war Deutscher Meister mit der 4 x 100 Meter-Staffel von Preußen Krefeld 1924, der Bruder Haswilli westdeutscher Jugendmeister über 200 Meter. Lethen selbst „brachte es als Mittelstreckler in der A-Jugend nur zu einem bescheidenen regionalen Titel“. Seine Kindheit sollte aber zunächst davon geprägt sein, vor Bomben wegzurennen. Zuerst von Mönchengladbach, wo britische Bomber ihre bei Angriffen auf Köln übriggebliebenen Sprengmittel entsorgten, nach Jünkerath in der Eifel. Das hatte aber einen „strategisch günstigen Knotenbahnhof, der seit 1942 immer wieder Ziel von britischen Tieffliegern war.“ Kurz vor Kriegsende zogen die Lethens nach Oberwesel an den Mittelrhein.
Der Krieg hat ihn nicht mehr losgelassen. In seinem letzten Buch „Stoische Gangarten“ von 2025 schreibt er über den „Kult der Wehrlosigkeit“, mit dem seine Generation aufwuchs und konfrontiert diesen wohlbegründeten „strukturellen Pazifismus“ mit der ebenso wohlbegründeten Forderung nach Wehrhaftigkeit angesichts der Weltlage heute. Die Kälte des Treppenhauses in jener Kindheits-Bombennacht aber – „postkartenleicht“ sei die Erinnerung an sie, das Gegenteil von traumatisch – könnte nicht nur Lethens „Wirklichkeitssinn“ förderlich gewesen sein, wie er später bei der Lektüre des Psychoanalytikers Sandor Ferenczi spekulierte. Sie könnte ihm auch sein Lebensthema vorbestimmt haben.
Denn seine „Verhaltenslehren der Kälte“ haben 1994 Epoche gemacht – wie in den Siebzigern Theweleits „Männerphantasien“ und in den Achtzigern Kittlers „Aufschreibesysteme“. Nicht nur in der Germanistik, in der er sich, Student Richard Alewyns, „nie heimisch gefühlt“ habe, wie er einmal der „Literarischen Welt“ sagte.
Das Buch von 1994 war ein Werk der Reife, Lethen, damals in Utrecht lehrend, schon 55. In den Niederlande hatte es ihn auch gehalten, weil sein Aktivismus der 1970er- Jahre befürchten ließ, mit einer Verbeamtung in Deutschland könne es schwer werden. Im Januar 1969 war er dabei, als die “Ad-hoc-Gruppe Germanistik“, beseelt vom „Furor des Gleichmachens“, wie Lethen später zugab, Peter Szondis Institut an der FU Berlin verwüstete. Szondi würde ihn später trotzdem für eine Professur in Bremen vorschlagen. Und aus der KPD-AO wurde Lethen 1975 ausgeschlossen – wegen „Versöhnlertums“.
Im selben Jahr erschien seine Dissertation „Neue Sachlichkeit 1924-1932.“ Sie wies – mehr noch als der kalte Gladbacher Hausflur – den Weg zu den „Verhaltenslehren“. Ein später Ruf an die Universität Rostock ließ ihn 1996 Utrecht den Rücken kehren. Nach seiner dortigen Emeritierung 2004 war Lethen von 2007 bis 2016 Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften in Wien.
Kult der Betroffenheit
Worum aber ging es in dem Buch, das Lethen zum Kultautor machte? Kurz: um „Überlebensversuche zwischen den Kriegen“, die sich, Literatur geworden, in den Jahren nach 1918 links wie rechts der Mitte rekonstruieren ließen, bei Bertolt Brecht, Ernst Jünger, Walter Serner oder Helmuth Plessner. Dessen anthropologische Einsicht, dass der Mensch „von Natur aus künstlich“ sei, könnte Lethens „neusachlicher Stoa“ (Ulrich Raulff) als Motto dienen.
Beim neusachlichen Kältekult ging es auch um die Umkehrung eingespielter Hierarchien: um Distanz statt Nähe, Physiologie statt Psychologie, Gesellschaft, nicht Gemeinschaft, Kälte und nicht Wärme. Im Nachwort der Neuauflage von 2022 bekannte Lethen: „‚Schein zivilisiert!‘– ich hatte mir eine Devise der Hofkultur aus Protest gegen den Authentizitätskult der achtziger und neunziger Jahre zu eigen gemacht“. Damit war auch auf Balthasar Graciáns „Handorakel der Weltklugheit“ von 1647 und dessen Ideal der „kalten persona“ angespielt, das in Schopenhauers Übersetzung unter neusachlichen Autoren ein Geheimtipp war. Walter Benjamin schenkte sie Brecht, Jünger las sie im Feld.
In „Stoische Gangarten“, bekräftigte Lethen noch einmal den polemischen Charakter der „Verhaltenslehren“, nannte sie einen „Angriff auf den Kult der Betroffenheit“. Das aber war keine Feier des Amoralismus tout court, wie es Gegner einer heute vermeintlich grassierenden Hypermoral gerne glauben wollen.
Der Romanist Werner Krauss, schrieb Lethen nämlich schon 1994, habe Graciáns Lehren mit moralisch begründetem Widerstand verknüpft. Dass Lethen mit seinem Buch an einer Rehabilitierung rechten Denkens arbeitete, diesen Verdacht hatten aber in den 1990ern die, die nicht nachvollziehen wollten, wie sich Jünger auf Brecht oder Benjamin auf Schmitt reimt. Was nicht sein durfte, konnte nicht sein, obwohl man es bei Lethen schon immer mit einem zu tun hatte, der Horizontverengung ablehnte. „Ich lese die ‚Süddeutsche‘, die ‚FAZ‘, den ‚Freitag‘, ‚die tageszeitung‘ und die WELT, andererseits werfe ich einen Blick in ‚Tumult‘ und ‚Sezession‘, und überall finde ich Anregungspotenzial. Diese Freiheit des Denkens will ich mir nicht nehmen lassen“ sagte er, über 80, im schon erwähnten Interview mit der „Literarischen Welt“.
Solche Freiheit macht sein gesamtes publizistisches Werk aus: Die mit dem Kontrafaktischen flirtenden „Staatsräte“, die 2018 der „Elite im Dritten Reich“ nachspürten. Die Benn-Biografie „Der Sound der Väter“ von 2006. Seine Erkundungen über die „Faszination des Bösen“, 2022 als „Der Sommer des Großinquisitors“ erschienen. Oder das mit dem Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnete „ Der Schatten des Fotografen“ von 2014.
Scham- und Schuldkultur
Anhänger eines politischen Verdachts gegen Lethen fühlten sich allerdings bestätigt, als die „New York Times“ 2018 die „sehr deutsche Liebesgeschichte“ zwischen dem Kulturwissenschaftler und seiner zweiten Ehefrau, der Philosophin und Publizistin Caroline Sommerfeld-Lethen erzählte. Unter einem Bild, dass Lethen und seine gut 35 Jahre jüngere Gattin Rücken an Rücken in der heimischen Bibliothek zeigte, wurde berichtet, dass der Ex-Maoist Tisch und Bett mit einer Rechten teilt. Sommerfeld-Lethen schrieb damals schon regelmäßig in rechten Publikationen (auch über ihre Ehe mit einem „Linken“).
Eine Liebe mit Folgen: Der Wochenzeitung „Freitag“ sagte Lethen: „Von linker Seite bröckeln die Kontakte ab. Die Rechten zerren hingegen an mir.“ Bei denen aber wolle er nicht mitmischen: „Ich bewege mich zunehmend im Niemandsland.“
Als er im selben Interview eine Lanze für die „Schamkultur“ brach und die in seiner Generation gepflegte „Schuldkultur“ kritisierte, klang das manchem nach dem „Schuldkult“ der geschichtsvergessenen Rechten. Dass Lethen lediglich zwei aus der US-Anthropologie der letzten Jahrhundertmitte stammende Konzepte in Anschlag brachte, die ihm schon 1994 wichtig waren, übersah man fahrlässig. Sein Denken davor zu bewahren, in politischen Schubladen zu verschwinden, wird in Zukunft noch mehr zur Aufgabe derer werden, die ihn richtig zu lesen wissen. Denn der bedeutende Literatur- und Kulturwissenschaftler ist am 13, August in Wien verstorben, wie sein Verlag auf Nachfrage der WELT bestätigte.
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