Die Welt ist aus den Fugen. Alles ist in Aufruhr. Nirgends ist man sicher. Und niemand da, der einem notfalls hilft. So einen zwei Meter großen Kerl in der Nähe zu haben, würde gut tun. Mit Händen groß wie Maispoularden und Schultern wie ein Pfingstochse.
Man müsste ihn wie einen Dschinn in der Flasche dabei haben statt seines Wegbiers. Eine menschgewordene Brandmauer gegen alles Übel. Ein Mann mit einer von keinem Trauma getrübten Seele, konservativ bis in die starken Knochen, mit eisern intaktem, moralischem Kompass, ein Hulk mit Helfersyndrom. Ein Mann wie Reacher.
Viel mehr muss man eigentlich nicht wissen, um zu verstehen, warum der ehemalige US-Militärpolizist und Army-Held Jack Reacher, vom britischen Filmproduzenten und Drehbuchautor Lee Child 1997 erfunden, nach gut dreißig Jahren, gut dreißig Romanen, zwei Kinofilmen (mit Tom Cruise als völlig fehlbesetztem Reacher) und drei Serienstaffeln (mit dem Hünen Alan Ritchson) immer noch derart funktioniert, dass Reacher-Fans sich die Fingernägel bis zu den Ellenbogen abbeißen in banger Erwartung dessen, was aus ihrem Superhelden auf Amazon Prime nun wieder werden wird.
Die gute Nachricht zur vierten Staffel (eine fünfte hat Prime geordert, bevor die erste Folge der vierten überhaupt ausgeliefert war): Es wird komplexer – was in den Grundzügen „Gone Tomorrow“ geschuldet ist, Childs 13. Reacher, auf dem die vierte Staffel ein bisschen vage basiert. Aber an der Erzählmechanik, am Kompass ändert sich nichts.
Reacher – der anspruchslose, jeglichem technischen Fortschritt gegenüber kritische Hobo, der Odysseus durch die amerikanische Gegenwart – sitzt gestärkt von einem Philly-Cheese-Steak-Sandwich (800 Kalorien) eines Nachts in Philadelphia in der Metro (in den Reacher-Serien wechseln sich Stadt- und Landgeschichten sehr ordentlich ab). Vier Menschen stehen vereinsamt irgendwie herum im Waggon. Und eine Frau, die weint, ihre Hände in einer Tasche hat, vor sich hin brabbelt.
Reacher – Hulk mit Helfersyndrom – wendet sich ihr zu, versucht, sie von allem abzuhalten, was sie möglicherweise vorhat. Dass ihr keiner helfen kann, sagt sie noch. Dann schießt sie sich mit der Pistole, die sie in der Tasche hatte, in den Kopf. Und Reacher, der Mann mit der Pfadfinderneigung, sich Dinge zu eigen zu machen, die ihn nichts angehen, hat eine Mission.
Auf der Plotachterbahn nachts um halb drei
Warum hat sich Anna erschossen? Mit der Frage geht es los. Und damit, dass Reacher nicht als Zeuge stundenlang im Polizeirevier hockt, sondern als potenzieller Mörder (dass es keine Videoaufzeichnungen aus der Metro gibt, ist eine von einem guten Dutzend völlig irrer Unlogeleien).
Ein Datenstick ist verschwunden (was darauf hindeutet, dass „Reacher“ eigentlich noch tief in den Neunzigern steckt). Ein klassischer McGuffin – ein Ding also, um das sich in der klassischen Kriminalromandramaturgie alles dreht. In einer klassisch angelegten Plotachterbahn. Reacher tut, was er immer tut, schart zur Verstärkung eine Mannschaft um sich wie der Esel bei den Bremer Stadtmusikanten – den Bruder der Toten, eine Polizistin, einen Journalisten. Die hat er auch nötig, weil die Spur des Sticks in eine wilde Welt führt. Nach Indonesien, in die Tiefen des Nachrichtendienstraumes, in den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf.
Reachers Stadtmusikanten der vierten StaffelEine weiße Katze kommt vor (was zu ganz lustigen Schrödinger-Scherzen und Blofeld-Blödeleien führt). Der Journalismus wird für wichtig erklärt. Geballert wird heftig. Im Viertelstundenabstand darf Reacher tun, was die Fans von ihm eigentlich am meisten erwarten – austeilen. Bösewichte sterben zwischen Bibliotheksregalen, Reacher lässt ihre Schädel hüpfen und spalten. Die Menschen sind gut, die Systeme und ihre Institutionen sind es nicht.
Für Feingeister und serielle Feinschmecker ist „Reacher“ nun wirklich gar nichts. Das hat auch keiner erwartet. Für die gibt es genug. Reacher ist Morpheus. Ein Götterbote, der Menschen beim Bingen den Schlaf bringt. Man schläft nicht schlecht dabei. Und wacht auf mit der vagen Idee, dass alles gut werden könnte. Mit einem Hünen in der Nähe. Aber das hatten wir ja schon.
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