„FBI-Chef entlarvt Amerikas Kommunisten!“ – „Die Filmindustrie weist den Vorwurf roter Unterwanderung zurück!“ – „Zehn kommunistische Hollywood-Autoren angeklagt!“ So dröhnte es in sechs Wochenschauen aus dem Zeitungs- und Filmimperium des William Randolph Hearst, zwischen einer und fünf Minuten lang, die 1947 und 1948 als Vorprogramm in amerikanischen Kinos liefen. Vom UCLA Film & Television Archive frisch abgetastet, waren sie jetzt beim Filmfestival Locarno zu sehen.
In einem dieser Filmchen wird das Publikum belehrt, woran man einen Kommunisten erkennt. Wer eine kommunistische Zeitung liest, könnte einer sein. Wer beim Abendessen gegen den Kapitalismus wettert, könnte einer sein. Wer mit Leuten verkehrt, die links denken, könnte einer sein. Wer alles drei ständig und regelmäßig tut, der ist einer.
Gelogen wird dabei nicht einmal besonders. Die Filme zeigen vor allem, wie schnell sich der Wind drehen kann. Vier Jahre zuvor hatte Hollywood im Auftrag von Präsident Roosevelt Filme gedreht, die den Kriegsverbündeten Stalin feierten. Inzwischen war Roosevelt tot – und der Kommunismus der Teufel, den man mit freundlicher Unterstützung von Hearst an die Wand malte.
Alles nur Fassade: Szene aus „A King in New York"Befürchtet wurde weniger Sabotage oder Spionage als die schleichende Übernahme von innen: durch Gewerkschaften, Schulen, das Außenministerium und vor allem durch das reichweitenstärkste Medium der Welt. Wer in Boxerdramen und Western ein paar tückische Sätze unterbrachte, so die Befürchtung, konnte damit ein ganzes Volk indoktrinieren.
Im März 1947 ließ Truman seine Beamten auf politische Zuverlässigkeit prüfen, die Truman-Doktrin erklärte die Eindämmung des Kommunismus zur Staatsräson. Im Oktober erreichte der Kalte Krieg Hollywood – in Form von neuntägigen Anhörungen vor dem Ausschuss für unamerikanische Umtriebe, einem ständigen Untersuchungsgremium des Repräsentantenhauses, das zwar keine Urteile sprechen konnte, aber vorladen.
Zuerst kamen die sogenannten freundlichen Zeugen, die bereitwillig aussagten und Verdächtige benannten: Ronald Reagan, damals Präsident der Schauspielergewerkschaft, dazu Adolphe Menjou, Walt Disney, Jack Warner. Dann die 19 „unfreundlichen“ Zeugen, von denen zehn die Aussage verweigerten. Sie beriefen sich auf ihre Verfassungsrechte und wurden daraufhin wegen Missachtung des Kongresses verurteilt. Die sogenannten Hollywood Ten gingen, zumeist für ein Jahr, ins Gefängnis, darunter der Autor Dalton Trumbo.
Sechs von ihnen waren Juden. Der Verdacht, unamerikanisch zu sein, und ein sehr viel älterer namens Antisemitismus blendeten dabei ineinander wie eine gelungene Filmmontage. Nachgewiesen wurde keinem der Zehn, je in einem Film Propaganda untergebracht zu haben. Zu jener Zeit reichte die üble Nachrede.
Am härtesten bestraft wurden sie von ihren Arbeitgebern, und die hatten selbst gerade Ärger genug. Die Wirtschaft boomte, die Einspielergebnisse der Kinos blieben jedoch hinter den Erwartungen zurück. Das Fernsehen stand als nächstes Massenmedium in den Startlöchern, und ein Kartellverfahren zwang die großen Studios, ihre Kinoketten abzustoßen und damit auf das schönste Geschäftsmodell der Branche zu verzichten: den Film erst zu produzieren, um ihn dann im eigenen Saal zu zeigen.
Entsprechend missgelaunt trafen sich am 24. und 25. November 1947 Dutzende Studiochefs, Produzenten und Anwälte im New Yorker Waldorf-Astoria – ohne Presse oder auch nur Protokoll. Zum Abschluss verlas Eric Johnston, Präsident des Branchenverbands, zwei Seiten: Die Zehn würden fristlos entlassen und nicht wieder beschäftigt, solange sie nicht unter Eid erklärten, keine Kommunisten zu sein. Vier Wochen zuvor hatte derselbe Johnston geschworen, er werde, solange er lebe, an nichts so Unamerikanischem wie einer schwarzen Liste mitwirken.
Das schönste Kino der Welt: auf der Piazza Grande von LocarnoEin amtliches Dokument, in dem man hätte nachschlagen können, wer genau verfemt war, gab es nie. Die branchenweite Exkommunikation vollzog sich hinter vorgehaltener Hand und vorzugsweise am Telefon. Man wurde nicht offiziell angeklagt, sondern stillschweigend nicht mehr engagiert. Um wieder Arbeit zu bekommen, musste man öffentlich Reue bezeigen, aus den falschen Vereinen austreten und im besten Fall ein paar Namen nennen. Wer das nicht wollte, arbeitete unter Pseudonym oder lieh sich den Namen eines Kollegen.
Joseph McCarthy, republikanischer Senator aus Wisconsin, kam bei alldem erst 1950 dazu und kümmerte sich um Hollywood kaum. Die Filmleute erledigte der Ausschuss des Repräsentantenhauses, McCarthy nahm sich im Senat das Außenministerium und später die Armee vor. Als Namenspate der Epoche musste trotzdem er herhalten.
„Red & Black – Hollywood Left and the Blacklist“ heißt die Reihe, die Ehsan Khoshbakht für das 79. Locarno Film Festival kuratiert hat, das an diesem Samstag endet. Rund 50 Titel werden gezeigt, 26 davon auf 35 Millimeter. Khoshbakht ist im Iran geboren, lebt in London, hat Architektur studiert und leitet in Bologna Il Cinema Ritrovato mit, das wichtigste Festival für Filmgeschichte und Restaurierung. Es ist seine dritte Locarno-Retrospektive. Der Titel spielt auf Stendhal an und meint zweierlei: Rot ist die Hollywood-Linke, die es lange vor 1947 gab, Schwarz die Liste, die sie fertigmachte.
Ein prominentes Gesicht ist John Garfield, geboren als Jacob Julius Garfinkle in New Yorks Lower East Side, Sohn russisch-jüdischer Einwanderer. Er begann im Group Theatre, jenem linken Ensemble, aus dem das Method Acting hervorging, und wurde zum Warner-Star. Im April 1951 saß er vor dem Ausschuss, bestritt jede Parteimitgliedschaft und weigerte sich, Namen zu nennen – auch den der eigenen Frau, die in die Kommunistische Partei eingetreten war. Das FBI hielt ihm entgegen, die Papiere ohnehin zu besitzen. Er müsse nur bestätigen, dann sei die Sache erledigt. Garfield lehnte ab, war danach unbeschäftigbar, und die Ermittlungen liefen weiter, nun wegen Meineids. Am 21. Mai 1952 fand man ihn tot in der Wohnung einer Bekannten. Herzinfarkt, 39 Jahre alt.
Locarno zeigt seinen letzten Film, „He Ran All the Way“ von 1951. In seiner Einführung im schönen GranRex in einer Seitengasse der Piazza Grande nennt ihn Khoshbakht den „letzten Noir überhaupt“ – weil Garfield das Genre so geprägt habe. Er spielt darin einen Kleinkriminellen, der nach einem missglückten Raub bei einer Arbeiterfamilie unterkriecht und deren Mitglieder als Geiseln nimmt. Regie führte John Berry, der ein Jahr später selbst auf der Liste stand und nach Frankreich ging. Das Drehbuch konnte Dalton Trumbo nicht vollenden, weil er inzwischen im Gefängnis saß. Hugo Butler sprang ein, Guy Endore lieh seinen Namen als Strohmann und wurde prompt selber geächtet. Die Paranoia des Protagonisten wurde zum Spiegel der echten Verhältnisse.
Khoshbakhts kuratorische Pointe ist mutiger, als der Anlass vermuten lässt. Frühere Blacklist-Reihen, sagt er, hätten die Filme derer ausgespart, die Namen nannten, und damit ein Märtyrertum gestiftet, das er nicht teilt. Deshalb läuft auch „On the Waterfront“, auf Deutsch „Die Faust im Nacken“. Regisseur Elia Kazan, Autor Budd Schulberg und Schauspieler Lee J. Cobb hatten vor dem Ausschuss ausgesagt und Namen genannt. Ebenso ist Michael Gordons „Woman in Hiding“ dabei, mit Ida Lupino, der einzigen Frau, die im Hollywood jener Jahre Regie führte – und dem FBI zuarbeitete. Und Clifford Odets’ „None But the Lonely Heart“: Odets, der Garfield am Group Theatre großgemacht und ihm „Golden Boy“ auf den Leib geschrieben hatte, sagte im Mai 1952 vor dem Ausschuss aus, wenige Tage vor Garfields Tod.
Der eigentliche Grund für die Liste
Die zweite These Khoshbakhts entzaubert die Epoche gründlicher als jede automatische Empörung über die Verräter. Die eigentliche Ursache für die Liste sei nicht die Kommunistenfresserei gewesen, sondern der Arbeitskampf: Die Studios wollten die Gewerkschaften zurückdrängen, vor allem die Screen Writers Guild. Der Antikommunismus sei das Werkzeug gewesen, das sich dafür anbot. Wer das für zu ökonomisch gedacht hält, kann nachlesen, was „The Hollywood Reporter“ damals trieb. Khoshbakht wirft dem Blatt vor – pikanterweise im Interview mit ebendiesem –, FBI und Ausschuss zugearbeitet zu haben, und verweist auf eine historische Titelseite, auf der die geheime Parteimitgliedsnummer des Drehbuchautors Lester Cole abgedruckt wurde – eines der Hollywood Ten. Cole selbst kannte die Nummer nicht; der „Hollywood Reporter“ hatte sie von internen Spitzeln erfahren.
Der schönste Film der Reihe ist einer, der von alldem am weitesten entfernt scheint: Luis Buñuels „The Young One“ von 1960, gedreht in Mexiko, das als Insel vor der Küste der Carolinas herhalten muss. In den USA wurde er unter dem Titel „White Trash“ verramscht. Ein schwarzer Jazzmusiker flieht vor einem Lynchmob, der ihn fälschlich der Vergewaltigung bezichtigt, und landet bei einem Wildhüter, der es auf ein dreizehnjähriges Waisenmädchen abgesehen hat. Das Drehbuch schrieb Buñuel mit Hugo Butler, der im mexikanischen Exil lebte und sich H. B. Addis nannte, nach der Marke seines Bleistifts.
Ein Anklagefilm ist daraus nicht geworden. Alle wollen etwas, niemand bleibt sauber; Rassismus, Pädophilie und Hochanständigkeit leben in denselben Figuren, und Buñuel weigert sich, Schuld und Unschuld sauber zu trennen. Der amerikanische Kritiker Jonathan Rosenbaum nennt den Film zu Recht ein unterschätztes Meisterwerk.
Die Party ist gleich vorbei: „All Night Long“In seinen Interviews über die Reihe – sie wird von einem sechsteiligen Podcast begleitet – liefert Khoshbakht den naheliegenden Trump-Bezug mit. Zugleich beschwichtigt er: Der heutige Wortschatz – „Radical Left Lunatics“ hier, „un-American“ dort – mag ähnlich sein, die Konsequenzen seien nicht vergleichbar. Der irrationalen Weise, in der Künstlern von 1947 bis 1959 die Arbeit verweigert wurde, entspreche heute nichts. Doch angesichts der Rückkehr einer Sprache der Einschüchterung und des orchestrierten Rufmords müsse man aufmerken.
Eine Leerstelle bleibt dennoch: Wovon die Hollywood-Linke selbst überzeugt war, wird kaum verhandelt. Etliche der Verfolgten waren kommunistische Parteimitglieder, die den Hitler-Stalin-Pakt mitgetragen und die Moskauer Schauprozesse, in denen Stalin die eigene Parteiführung liquidieren ließ, für legitime Rechtsprechung gehalten hatten. Der von Roosevelt angeregte Propagandafilm „Mission to Moscow“ des „Casablanca“-Regisseurs Michael Curtiz rechtfertigt diese Prozesse auf der Leinwand. In Locarno läuft er zwar auch, aber vor allem als Beweisstück gegen den Ausschuss, kaum als Zumutung für die eigene Seite. Wer nur die Repressionen kritisiert und nicht die Loyalitäten der Geprüften, betreibt eine rabattierte Erinnerungspolitik.
Weltpremiere hat in der Retrospektive auch ein berührender Film, der die Überlebenden selbst sprechen lässt: „La Liste Noire d’Hollywood: Par ceux qui l’ont vécue“. Im Kern besteht er aus Aufnahmen einer Party, die 1983 in Los Angeles stattfand und zu der eingeladen wurde, wer noch am Leben war: Lionel Stander, den das deutsche Fernsehen später als Chauffeur Max in „Hart aber herzlich“ bekannt machte, die Schauspielerin Karen Morley, Jules Dassin, der im Pariser Exil „Rififi“ gedreht hatte, Lester Cole und etliche andere.
Über 40 Jahre schimmelten 60 Stunden Material in einem Keller in Los Angeles vor sich hin. Marie-Dominique Montel und Christopher Jones haben daraus nun einen knapp einstündigen Film gemacht, das berührende Dokument einer unverhofften Zusammenkunft. 36 Jahre nach dem Scherbengericht des Waldorf-Astoria sitzen die Verfemten einträchtig beieinander. Es ist ein Abend unter alten Leuten, die nach all der Zeit noch immer eine Balance suchen zwischen Wehmut und Zorn. Von Reue über die eigene Aufrichtigkeit und Standhaftigkeit, die immerhin mit den gravierendsten Folgen für den eigenen Lebensweg einherging, ist allerdings keine Spur.
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