Die Rheinromantik – das darf man angesichts des nicht gerade üppig bemessenen Kolumnenplatzes ausnahmsweise so zuspitzen – wurde am 26. März des Jahres 1824 geboren. Da erschien in der Berliner Zeitschrift „Der Gesellschafter“ das titellose Gedicht eines unbekannten 26-jährigen Studenten.

Von einem scheinbar grundlos traurigen Ich handelt das Gedicht, dem ein „Mährchen aus alten Zeiten“ nicht aus Kopf und Herz geht. Und vom deutschesten aller Ströme, der im Abendsonnenschein vermeintlich ruhig dahinfließt unter einem Felsenriff. Auf dem – das weiß eigentlich immer noch jeder Schüler selbst jenseits des Unesco-Weltkulturerbes Oberes Mittelrheintal – sitzt eine schöne Maid, eine germanische Sirene.

Sie kämmt ihr goldenes Haar und singt beim Bürsten. Ein Schiffer, den ihre wundersame, gewaltige Melodei mit wildem Weh erfüllt, vergisst darüber die gefährlichen Riffe im Strom, scheitert an ihnen und wird verzückt samt Schiff und Maus vom Fluss verschlungen.

Ein halbes Jahr später würde der unbekannte Student namens Heinrich Heine von Göttingen aus zu einer Wanderung aufbrechen, die ihn berühmt machen sollte. Im Gegensatz zum Harz allerdings, dessen Wald damals in einem ähnlich prekären Zustand war wie gegenwärtig (allerdings aus anderen Gründen), war bei St. Goarshausen unterm Lurlaberch 1824 alles anders als heute.

Wie in der Ballade, die sich im Übrigen einer durchaus nicht uralten Kunstsage und Clemens von Brentanos „Lore Lay“-Gedicht von 1801 mit seinen 25 (!) Strophen verdankt, war der Strom „ein wildes Gefähr“. Die potenziellen Opfer des Sirenengesangs der Loreley, die auf ihren Kähnen an den feindlichen Brüdern – den Burgen Katz und Maus – vorbeisegelten oder sich von den Treidelpfaden auf dem rechten und linken Ufer aus von Pferden ziehen ließen, mussten wirklich höllisch auf die Felsen aufpassen.

Der Rheintourismus startete später

Diese Riffe im Strom begann man erst von 1830 an zu sprengen, um den Rhein in jene Wasserautobahn zu verwandeln, die er heute bei normalem Pegelstand ist. Erst für die explodierende Industrialisierung. Dann für die Briten, die sich schockverliebten – in die Wildheit der Landschaft und in die sagenhafte Romantik der Ruinen an den Hängen – und die den Rheintourismus recht eigentlich erst erfanden.

Das Elend, das sie heute vorfänden zwischen Koblenz und Bingen, der traurige Canyon, auf den die Sirene gegenwärtig schaut, hätte sie kaum von der Themse an den Rhein gelockt. Der verzückte Schiffer jedenfalls müsste heute gar nicht mehr ertrinken, selbst wenn er – weil Schwimmenlernen erst Ende des 19. Jahrhunderts in der breiteren Bevölkerung halbwegs üblich wurde – sich unter Garantie nicht mal gut und lange genug über Wasser halten konnte, um sich ein Seepferdchen-Abzeichen ans Wams zu heften.

Den ehemals reißenden, gegenwärtig aufgrund des klimawandelgeschuldeten mangelnden Zuflusses fast stehenden Strom kann man ein paar Kilometer rheinaufwärts bei Kaub trockenen Fußes durchqueren (demnächst wird dort der Pegel einstellig). Und bei St. Goarshausen würde dem Bootsmann das Rheinwasser im Fall des sirenengesanggeschuldeten Scheiterns laut Pegel St. Goar (95 Zentimeter statt der durchschnittlichen 3,11 Meter) in dieser Woche in seinem zerborstenen Kahne kaum bis zur Brust reichen.

Die Rheinromantik ist zweihundert Jahre nach ihrer Geburt eines staubtrockenen Todes gestorben.

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