Zu dem Bild auf Instagram, das sie, die gemeinsame Tochter und Ori Rousso, ihren Partner im Leben und auf der Bühne, nach einem Konzert zeigt, schrieb Noga Erez im April: „Ein schnelles Foto, das alles sagt.“
Roussos Gesicht ist vom Betrachter ab- und der Tochter zugewandt. Die, Schnuller im Mund und für den kleinen Kopf gigantisch große Lärmschutz-Kopfhörer, scheint seinen Blick zu erwidern, könnte aber auch ganz woandershin blicken, mit ihren großen braunen Augen. Das Kind ist auf dem Arm der Mutter, die eine weiße Bluse trägt. Der Kragen ist aufgestellt. Alle Knöpfe, außer den obersten zwei, sind offen, was die Sicht auf ein schwarzes Bustier, ein bisschen Haut und eine weit über den Bauch hochgezogene, gestreifte Männer-Boxershorts freigibt, die Erez unter einer schwarzen Jeans trägt.
Man sieht den charakteristischen Pony, die braunen Haare sind wie immer hochgebunden. Ihr Gesichtsausdruck, der Blick zielt vielleicht auf Stadionränge, wirkt trotzig. Triumphal. Verstärkt wird das, weil Erez aus der Nase blutet, auch ihr Kinn ist blutverschmiert. Die Sängerin des ersten israelischen Pop-Acts, der beim Coachella-Musikfestival in Kalifornien auftritt, wo schon Paul McCarthy, Beyoncé, Guns ’n’ Roses und – als Hologramm – Tupac Shakur spielten, hatte sich, so wurde das im Netz klargestellt, die blutige Nase beim Zusammenstoß mit der Tochter geholt. Und sah doch aus wie Rocky Balboa.
„Sich eine blutige Nase holen“ heißt, an etwas, dem man vielleicht nicht gewachsen war, zu scheitern. „Mit einem blauen Auge davonkommen“ ist eine verwandte Redewendung, die einem hier einfallen könnte. Im Gegensatz zur blutig geschlagenen Nase impliziert das blaue Auge aber, dass man ohne weiteren Schaden aus einer brenzligen, riskanten Situation herausgekommen ist. Im Sommer 2026 ist es zu früh, um Letzteres über Noga Erez zu sagen. Abgesehen davon, dass es Eigenverantwortung impliziert und sich bei Noga Erez die Frage stellt: Wofür eigentlich?
Um herauszufinden, ob Erez‘ Coachella-Unfall Zufall oder Zeichen war, lohnt es sich, den Film „Noga“ anzuschauen, der gerade im Kino läuft. Regie bei der deutsch-israelischen Koproduktion haben die Brüder Jono Bergmann und Benji Bergmann geführt.
Persönliche Krise
Früh sieht man Erez, unterwegs zur Probe, die davon spricht, wie selten Frauen in ihrem Alter noch den großen Durchbruch schaffen. Da ist die im Dezember 1989 geborene Sängerin 32. Was folgt, ist ein sehr nahes, vielleicht etwas distanzloses, sich jedenfalls stark auf die Selbstdarstellung seiner Protagonisten verlassendes Porträt eines Pop-Duos und Liebespaars.
Noga Erez ist geboren im Norden Israels, mit der Familie in die Nähe Tel Avivs umgezogen, Studentin an der Jerusalem Academy of Music and Dance (für all das muss man Wikipedia konsultieren, die Bergmann-Brüder verzichten auf solche Eckdaten) – auch der Name eines Kunstprojekts. Dahinter stehen zu gleichen Teilen Erez selbst und Rousso, der Mann an ihrer Seite, auch hinter der Bühne. Ein Paar, das sich zu diesem Zeitpunkt in einer Krise befindet – mehr in einer privaten denn in einer kreativen.
Life imitates art
Rousso weiß nämlich erst nicht so recht, wie es backstage weitergehen soll. Kann sich lange nicht entscheiden. Dann kann er es irgendwann doch. Und die ganze Zeit hält die Kamera drauf. Das könnte viele, die schon einmal Angst hatten, den Menschen fürs Leben zu verlieren, befremden. Oder auch ein bisschen inszeniert wirken.
Schließlich sprechen Rousso und Erez mitten in der Beziehungskrise davon, jetzt gemeinsam Songs über die Beziehungsprobleme zu schreiben. Es war Oscar Wilde, der die alte Maxime, dass Kunst das Leben imitiere, umdrehte und damit das, was Pop ausmacht, eigentlich vorwegnahm. Und so ganz sicher ist man auch im Film der Bergmanns, der streckenweise wie ein langer Videoclip wirkt, nicht, was die richtige Reihenfolge ist.
Gemeinsam einsam: Ori Rousso und Noga ErezKünstlerisch bleibt es lange krisenfrei für Erez und Rousso: Sie spielen in Paris und im Madison Square Garden. Schon vorher hat man erfahren, wie sehr Billie Eilish auf ihren mal jazzig-souligen, mal elektronisch peitschenden Sound abfährt. In Manhattan erreicht die beiden die Nachricht, Missy Eliot wünsche eine Zusammenarbeit. Gezeigt wird auch ein Auftritt mit Robbie Williams. Der Bad Boy von Take That kommt rüber wie Cliff Richards nach einem langen Wochenende im Tattoo-Studio.
Läuft also. Wäre da nicht die Politik. Erez hat dem britischen Magazin „Huck“ 2021 gesagt, die BDS-Bewegung habe viel dafür getan, die Situation der Palästinenser zu beleuchten. Was wie ein Bekenntnis zu einer Bewegung verstanden werden konnte, die den Boykott Israels zum Ziel hat, erregte Empörung, vor allem im Land selbst. In „Noga“ kann man die Videobotschaft eines Mannes sehen, der der Sängerin „Auto-Antisemitismus“ vorwirft. Dass Erez betonte, BDS nicht zu unterstützen und auf Dialog zu setzen, scheint vielen Kritikern nicht zu reichen. Auch Morddrohungen habe sie erhalten, erzählt sie im Film.
Dass das am 7. Oktober 2023 von der Hamas verübte Massaker das Leben keines Israelis (und keines Palästinensers) unverändert ließ, ist klar. Und so hat der Terroranschlag auch Karriere und Privatleben von Erez und Rousso tief verändert. Man sieht sie im Film auf einer Demonstration für die Heimkehr nach Gaza verschleppter israelischer Geiseln. Gleich nach dem 7. Oktober singen sie auch im Krankenhaus für Überlebende aus dem Kibbutz Kfar Aza. Weniger dieses Engagement, eher die schlichte Tatsache, dass es sich bei Noga Erez um ein israelisches Künstlerduo handelt, dass die Aufforderungen von Aktivisten ablehnt, den Krieg in Gaza Genozid zu nennen, konfrontiert sie nun international mit Boykottaufrufen. Das führt zunächst zum Rückzug ins Private: Erez und Rousso beschließen, ein Kind zu kriegen. Ihre Lyrics sind, seit den offensiven politischen Botschaften des ersten Albums, auf dem ein Track wie „Fire Kites“ (etwa: „brennende Drachen“) an die militanten Proteste an der Gaza-Grenze 2018–2019 anspielte, schon seit Längerem privater geworden.
Dafür, mit Musik Verbindungen auf der ganzen Welt zu knüpfen, sei das dienlicher als explizit politische Inhalte, sagt Erez im Film. Ihre Meinung sei „zu komplex für einen Soundbite“. Doch ist es so leicht, Pop und Politik zu trennen? Wie schwer die heutige Öffentlichkeit gerade Künstlern, deren Botschaften sich nicht auf ein simples Pro oder Anti reduzieren lassen, eine solche Trennung macht, davon erzählt der Film „Noga“ eindrücklich. Leider macht es sich die sehr an der Künstlerperspektive ausgerichtete Doku bei der Frage, wie Kultur vor politischer Vereinnahmung bewahrt werden kann, etwas zu einfach. Denn was wäre politischer, als darauf zu bestehen, mit Politik nichts am Hut zu haben?
„Noga“ läuft im Kino
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