Es ist ein ziemlich ungemütlicher und leicht stürmischer Winterabend, als Alex Max Band am 10. Januar 2020 deutlich verspätet die Bühne der Factory betritt. Der Club liegt ein wenig verloren zwischen alten Werkshallen und Gewerbebauten am Stadtrand von Magdeburg.

Früher war die Factory mal ein DDR-Schwermaschinenkombinat. Wo heute die Bühne steht, befanden sich zu Ostzeiten eine Eisengießerei und eine Formdreherei, jetzt wird hier in mehreren Bars ziemlich schlechter Wein verkauft. Vielleicht denkt auch Alex Band in diesem Moment an die alten, besseren Tage, als er in die halb gefüllte Halle schaut.

Das erste Mal auf großer Deutschlandtour war er 2004. Damals spielte er noch in größeren Locations. In der Live Music Hall in Köln oder der Großen Freiheit in Hamburg, wo er vor deutlich mehr als tausend Menschen performte. Jetzt bespielt er also die Provinz. Aber damals war Alex Band auch noch ein Superstar. Seine Band The Calling prägte den Sound der Nullerjahre. Zumindest mit einem Song.

„Wherever You Will Go“ war mehr als nur ein Erfolg, er wurde zu einem der größten Radiohits der 2000er. In den USA stand der Song 23 Wochen an der Spitze der Adult-Pop-Airplay-Charts und wurde von „Billboard“ später zum erfolgreichsten Titel des Jahrzehnts in diesem Radioformat erklärt. Das Debütalbum „Camino Palmero“ verkaufte sich weltweit mehr als fünf Millionen Mal und erhielt in den USA Platin.

Das war 2001. Heute musste die Tourankündigung nachträglich noch einmal korrigiert werden. Statt der ursprünglich beworbenen The Calling stand dann doch nur „Alex Band von The Calling“ auf der Bühne. Tatsächlich waren The Calling nie die fünfköpfige Band, als die sie früher vermarktet wurden.

Eigentlich bestand die Band nur aus zwei Personen: Alex Band und Aaron Kamin. Die beiden hatten sich Mitte der Neunzigerjahre kennengelernt und bereits als Teenager begonnen, gemeinsam Musik zu machen. Als die beiden „Wherever You Will Go“ schrieben, war Alex Band gerade einmal 15 Jahre alt.

Band war die Stimme und das Gesicht, Kamin der Gitarrist, Produzent und zentrale Songwriter. Folgerichtig nannten sie ihr zweites Album dann auch im doppelten Wortsinn „Two“, entledigten sich der Begleitband und reduzierten sie damit auf ihren kreativen Kern.

Das kam nicht sonderlich gut an. Auch wenn „Two“ ein fantastisches Album war, blieb es hinter den hohen Erwartungen zurück, die mit dem großen Erfolg des Debütalbums gesetzt worden waren. Kurz darauf gingen auch Band und Kamin getrennte Wege. Kamin blieb die nächsten Jahre im Hintergrund und arbeitete als Songwriter und Produzent für Künstler wie die Backstreet Boys, LeAnn Rimes und Katharine McPhee.

Alex Band dagegen versuchte, aus dem Ende von The Calling den Anfang einer Solokarriere zu machen. Die Voraussetzungen schienen ideal: Band war gerade einmal 24 Jahre alt, besaß eine der markantesten Stimmen seiner Generation und hatte mit „Wherever You Will Go“ einen Song gesungen, den weltweit praktisch jeder kannte. Er unterschrieb bei Geffen Records und begann mit der Arbeit an seinem ersten Soloalbum. Bereits 2007 hatte er sein Album weitgehend fertiggestellt, doch ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt geriet Geffen in eine umfassende Umstrukturierung. Gleichzeitig starb Bands langjähriger Manager. Das fertige Album verschwand über Jahre in einer Schublade.

Die Solokarriere endete mit einer Schockdiagnose

Nach Jahren des Stillstands kaufte Band schließlich die Rechte an seiner Musik zurück und veröffentlichte sie auf seinem eigenen Label. Im Juni 2010 erschien „We’ve All Been There“. Das Album wurde zwar nicht zu einem zweiten „Camino Palmero“, verschaffte Band aber durchaus ein erfolgreiches Comeback, was nicht zuletzt daran lag, dass die Single „Only One“ in der ersten Staffel von „The Vampire Diaries“ zu hören war, damals eine der erfolgreichsten Jugendserien der Welt.

Danach wird es still um ihn. Seine Ehe mit Kristin Blanford zerbricht, öffentliche Auftritte werden seltener. Im März 2013 liefert Band schließlich eine außergewöhnliche Erklärung für seinen erneuten Rückzug. Bei ihm sei eine früh einsetzende Form von Parkinson diagnostiziert worden. Die Symptome hätten ihn beinahe schlagartig außer Gefecht gesetzt, schildert er. Er habe zeitweise kaum noch gehen können, lange in Krankenhäusern verbracht und fast ein Jahr im Rollstuhl gesessen.

Aber die Diagnose selbst blieb noch Jahre später rätselhaft. Bei erneuten Untersuchungen hätten Ärzte plötzlich keine Parkinson-Erkrankung mehr nachweisen können. Ob die ursprüngliche Diagnose falsch gewesen sei, ob er lediglich an einem Parkinson-Syndrom gelitten oder ob sich sein Zustand auf medizinisch ungewöhnliche Weise zurückgebildet habe, sei ihm selbst nie abschließend erklärt worden.

Im August 2013 kündigte er ein Comeback von The Calling an und präsentierte eine vollständig neue Besetzung. Aaron Kamin, mit dem er den Namen, den Sound und alle großen Songs der Band geschaffen hatte, war an diesem Comeback nicht beteiligt. Trotzdem kündigte Band neue Musik, einen Plattenvertrag und eine internationale Tournee an.

Nur zwei Tage nach der Ankündigung stand die neue Version von The Calling in Michigan auf der Bühne. Band spielte die alten Hits und präsentierte mit „Better“ einen neuen Song, der als Vorbote des angekündigten Albums galt. Wenige Stunden später nahm die Geschichte jedoch eine Wendung, die die Rückkehr der Band vollständig überschattete.

Gegen vier Uhr morgens wurde Alex Band schwer verletzt in der Nähe von Bahngleisen gefunden. Im Krankenhaus diagnostizierten die Ärzte eine Fraktur im unteren Rücken, eine Gehirnerschütterung, mehrere zerbrochene Zähne und eine Wunde am Kinn, die mit 15 Stichen genäht werden musste. Band erzählte der Polizei, er sei auf dem Weg von seinem Hotel von zwei Männern in einen blauen Minivan gezerrt worden. Die Täter hätten ihn mit einem Schlagstock verprügelt, ihm eine Pistole an den Kopf gehalten und sein „Hollywood money“ verlangt.

Band kündigt ein Comeback an – und wird zusammengeschlagen

Wenige Tage später schilderte Band den Überfall im amerikanischen Fernsehen. Erst als er den Tätern erzählt habe, dass seine Frau ein Kind erwarte, hätten sie von ihm abgelassen. Sein ungeborenes Kind, erklärte Band, habe ihm das Leben gerettet. Die vermeintliche Entführung ging durch die amerikanischen Medien, wurde jedoch schnell angezweifelt. Manche vermuteten einen PR-Stunt für das gerade angekündigte Comeback, andere brachten den Vorfall mit Drogen in Verbindung. Band wies beides empört zurück.

Der Angriff selbst war auch kaum zu bestreiten. Fraglich war nur, ob es sich tatsächlich so abgespielt hatte, wie der Sänger behauptete. Die späteren Ermittlungen zeichneten ein anderes Bild. Überwachungskameras, Zeugenaussagen und Textnachrichten deuteten darauf hin, dass Band sein Hotel mit einem Taxi verlassen hatte und vor einer Bar auf einen Mann traf, mit dem er zuvor Nachrichten ausgetauscht hatte. In der Nähe einer Grundschule soll ein Streit zwischen den beiden eskaliert sein, woraufhin der Mann Band brutal zusammenschlug. Die Staatsanwaltschaft erklärte später ausdrücklich, dass die Beweise Bands ursprüngliche Geschichte nicht stützten.

Während er noch mit den körperlichen Folgen des Angriffs kämpfte, eskalierte zugleich der Konflikt mit Aaron Kamin. Im Oktober 2013 verklagte Band seinen früheren Mitstreiter und verlangte, zum alleinigen Inhaber der Rechte am Namen The Calling erklärt zu werden. So endete die erste Wiederbelebung von The Calling nicht mit einem neuen Album, sondern mit einer schwer erklärbaren Gewaltnacht und einem Rechtsstreit zwischen den beiden Gründern. Die neue Besetzung verschwand nach wenigen Auftritten wieder, „Better“ wurde nicht veröffentlicht und der angekündigte Plattenvertrag führte zu keiner neuen Musik.

„New music coming soon“, heißt es jedes Jahr aufs Neue

Nach dem gescheiterten Comeback von 2013 verschwand The Calling erneut. 2016 erklärte Band The Calling ein weiteres Mal für zurückgekehrt, stellte neue Musiker an und spielte im November in Manila. Von nun an etablierte sich jenes Muster, das die Geschichte der Band über Jahre bestimmen sollte: The Calling gingen auf Tour, Alex Band sprach über ein nahezu fertiges Album, neue Musik wurde für das kommende Jahr angekündigt – und erschien dann doch nicht. Besonders groß fielen seine Versprechen 2017 aus.

Seit fünf Jahren arbeite er bereits an der Platte, erzählte Band damals. Er habe Material für vier Alben geschrieben und daraus nur die besten Songs ausgewählt. Diese seien mindestens so stark wie „Wherever You Will Go“, teilweise sogar besser.

Zusätzlich habe er die größten Hits von The Calling mit Orchester neu aufgenommen. Auf die Frage, was 2018 bringen werde, antwortete Band: mindestens ein, möglicherweise sogar zwei neue Alben, eine Welttournee und die erneute Eroberung des Musikgeschäfts. Nichts davon passierte.

Anfang 2020 tourte Band mit einer neuen Besetzung durch Europa und sprach erneut von neuen Songs. Auf Bands offizieller Website stand weiterhin jener Satz, der allmählich wie das inoffizielle Motto seiner Karriere wirkte: „New music coming soon.“

Nach 22 Jahren erscheint tatsächlich eine Comeback-Single

Im August 2023 erschien tatsächlich erstmals seit Jahren ein neuer Song unter dem Namen The Calling. Allerdings war „Fallin’ Apart“ der Werbesong für eine singapurische Versicherungsgesellschaft. Der Song sollte auf Versorgungslücken bei Lebens- und Krankenversicherungen aufmerksam machen. Band erklärte, The Calling hätten nun ein festes Management, eine Künstleragentur und einen neuen Plattenvertrag. Weitere Singles und das dritte Album sollten im ersten Quartal 2025 folgen.

Auch dieser Termin verstrich. Anfang 2025 nannte Band den Herbst desselben Jahres als neues Veröffentlichungsziel. Das Album sei praktisch fertig und erzähle von allem, was ihm in den vergangenen Jahren widerfahren sei: der Parkinson-Diagnose, dem Verlust seiner Beweglichkeit, dem Überfall, seinen gescheiterten Beziehungen und der langen Rückkehr ins Leben.

Und tatsächlich: Am 10. Juli erschien mit „Dust“ die erste reguläre The-Calling-Single seit 2004. Das Album „Before the World Turns to Dust“ ist für den 25. September 2026 angekündigt. Es wäre das erste vollständige The-Calling-Album seit „Two“ – nach 22 Jahren, mehreren vermeintlichen Comebacks und einer kaum noch überschaubaren Zahl angeblich fast fertiger Platten. Kamin ist nicht dabei, wie die Klärung der Namensrechte geregelt ist, ist nicht bekannt. Aber vielleicht zerfallen die großen Pläne deshalb ja auch noch zu Staub. Im merkwürdigen Kosmos von The Calling scheint alles möglich und unmöglich zu sein.

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