Bei den Salzburger Festspielen sind die letzten beiden Premieren über die Bühne gegangen. Geboten wurden ein Klassiker und eine Uraufführung: Molières „Der Menschenfeind“ und „Unter Tieren“ von Elfriede Jelinek. Und es wurde wild: „Menschenfeind“-Regisseurin Jette Steckel überraschte das Premierenpublikum im Salzburger Landestheater zu Beginn mit einer über 20-minütigen Hip-Hop-Einlage. „Sie spielen wieder Molière und alle so Yeah!“, rappt der Schauspieler Ole Lagerpusch. „Fühlt ihr den Funk?“ Einige Zuschauer fühlen ihn tatsächlich und erheben sich von ihren Stühlen und wippen mit Abendgarderobe im Beat, andere wirken sichtlich irritiert. Was hat das denn bitte mit Molière zu tun? Dabei liegt die Antwort auf der Hand.

Molière und Hip-Hop, das ist in allererster Linie Krieg mit Worten. Ein verbaler Schlagabtausch für die Hooligans der gedrechselten Verse und brutalen Lines. Hip-Hop, so sagt es Steckel vor der Premiere, ist für sie die Reprise der Alexandriner aus dem französischen Barock. Da ist es nur folgerichtig, dass die Regisseurin ihr Ensemble in einen Boxring der Eitelkeiten schickt, bei dem das Publikum auf beiden Seiten sitzt. Bei Steckel ist es Célimène (Maja Schöne), die Alceste (André Szymanski) am Ende auf die Bretter schickt. Er, der alle Gesellschaftsspiele als Heuchelei verdammt und unbedingte Wahrhaftigkeit fordert, klammert sich pedantisch ans strenge Versmaß, während sich das verspielte It-Girl auch in der freien Betonung abseits der engen Ordnung wohlfühlt.

Garniert wird das Ganze nicht nur mit Hip-Hop der Hamburger Band UWE und des Musikers Matthias Jakisic, sondern auch mit einer kleinen Videomeditation zum Thema digitale Kommunikation, irgendwo zwischen Textbombing und Kotz-Emoji. Die Dreiteilung des Abends zwischen Konzert, Video und Stück wird etwas hochtrabend als „Triptychon“ bezeichnet. Doch obwohl die Bühne von Florian Lösche, ein offener Lichtkasten, und die Kostüme von Pauline Hüners, jede Figur ist von Kopf bis Fuß in eine der Farben des Regenbogens getaucht, auf die volle Ladung Buntheit setzen, bleiben Charaktere und Handlung erschreckend blass. Damit dürften weder Molière- noch Hip-Hop-Fans glücklich sein, in den Schlussapplaus mischen sich Buh- und Bravo-Rufe.

Am Sonntagabend folgte das große Finale auf der Pernerinsel in Hallein: Nachdem bereits eine großartige Handke-Uraufführung gezeigt worden war, ist nun die Reihe an Elfriede Jelinek. Die einzigen beiden österreichischen Literaturnobelpreisträger in einer Ausgabe zu präsentieren, das ist das Verdienst des geschassten Intendanten Markus Hinterhäuser, der das Schauspielprogramm interimistisch verantwortet hat. Nachdem Jelinek vor fast 20 Jahren bereits ein Stück mit dem Titel „Über Tiere“ geschrieben hat, heißt ihr neues Stück jetzt „Unter Tieren“. Wie der Titel schon sagt, geht es um Tiere, die sich allerlei Gedanken über die Welt der Menschen machen. Tierisches und Allzutierisches also.

Als Regisseur konnte ein alter Bekannter gewonnen werden. Nicolas Stemann hat schon über ein Dutzend Jelinek-Stücke auf die Bühne gebracht und auch in Salzburg inszeniert er seit vielen Jahren. Zuletzt zeigte er vor zwei Jahren eine „Orestie“ auf der Pernerinsel, die jedoch wenig Anlass für Jubelstürme bot. Ganz anders „Unter Tieren“: Am Ende der knapp vier Stunden ohne Pause spendet das begeisterte Publikum stehend Applaus für das fantastische Ensemble und einen Abend, der sich gekonnt zwischen Albernheit und Ernst einpendelt. Stemann wirft noch einmal den ganzen Apparat des postdramatischen Theaters an, seine „Textumsetzungsmaschine“, wie er es selbst eingangs als Moderator nennt. Und die Jelinek-Stemann-Maschine läuft so rund wie schon lange nicht mehr.

Stemann erfindet sich an diesem Abend nicht neu, aber er zeigt noch einmal, dass er seit seinen größten Erfolgen nichts verlernt hat. Die Bühne von Katrin Nottrodt sieht aus, als wäre man noch mitten in den Proben. Der Regisseur erklärt zwischendrin immer wieder, worum es geht, oder spielt Blockflöte und E-Gitarre. Die Schauspieler tragen Masken von René Benko, Sebastian Kurz oder Peter Thiel und stehen mit Textbuch auf der Bühne, eine Seite nach der anderen landet auf dem Boden. Auf einem Flipchart sieht man den Fortschritt: Wie bei einem Countdown geht es von Seite 110 der Spielfassung runter. Es gibt unzählige Tieroutfits und -masken (Kostüme: Marysol del Castillo), viel Klamauk, ein bisschen Video und auch ein paar Peinlichkeiten aus dem Bereich des Mitmachtheaters.

Es mag zwar wie improvisiert aussehen, ist jedoch virtuos hergestellt. Immer wieder wird etwas ausprobiert und wieder verworfen, es entsteht die Atmosphäre einer allgemeinen Überforderung. Und das passt an diesem Abend zum Gegenstand. Denn die Tiere, die Jelinek zurate ruft – Tauben, Affen, Hasen, Bären, Schweine, Füchse, Dachs, Kühe, Stockenten, Hunde, Känguru, Wombat, Rabe, Esel, Ratte, Delfin, Schaf und weitere – philosophieren über Geldtheorien, Kreditwesen und Arbeitswertlehre. Also Dinge, die das Leben aller beeinflussen, die trotzdem kaum jemand versteht. Und daran, wie das Geld entsteht, wie es funktioniert und wie es verteilt ist, haben sich schon eine Reihe kluger Leute die Zähne ausgebissen. Liegt das etwa am Widersinn des Geldes selbst?

Wo Textflächen und postdramatische Mittel sonst oft angestaubt wirken, schwingen sie sich mit den Paradoxien des heutigen Wirtschaftslebens noch einmal zu alter Größe auf. Anknüpfend an Jelineks Stück „Die Kontrakte des Kaufmanns“ über die Finanzkrise, die Uraufführung besorgte 2009 niemand anders als Stemann, zeichnet „Unter Tieren“ den Weg von den Kreditblasen zu einer Ökonomie der Zerstörung nach. Von den Tieren borgt sich Jelinek dabei den naiven Blick (der Vorwurf der „tierpsychologischen Aneignung“ wird auch direkt verwurstet). Es ist das Staunen darüber, was aus der Welt geworden ist. Und die bittere Pointe ist, dass wohl kein Tier so leben möchte wie der Mensch heute, aber umgekehrt schon gar nicht, wie die Szenen mit Schlacht- und Nutzvieh zeigen.

„Unter Tieren“ von Elfriede Jelinek bei den Salzburger Festspielen

Immer wieder brandet Szenenapplaus auf für das spielfreudige Ensemble mit Mavie Hörbiger, Caroline Peters, Sebastian Rudolph, Thiemo Strutzenberger, Azaria Dowuona-Hammond und die Altstars Branko Samarovski und Inge Maux. Bis die Schauspieler plötzlich in Falltüren auf der Bühne verschwinden. Am Schluss übernimmt nämlich die KI, die nicht nur das Cover der Buchausgabe von Jelinek gestaltet (Rowohlt, 224 Seiten, 24 Euro) und für einen Einspieler mit Peter-Thiel-Avatar gesorgt hat, sondern nun auch Für und Wider menschlicher Schauspieler für das Theater diskutiert und das Stück zu Ende inszeniert. Ist das postdramatische Theater nicht sowieso eines ohne Menschen?

Muss das denn sein, mit der KI? Ja, hier muss es sein, weil es tatsächlich konsequent ist. Die verrückte Selbstbezüglichkeit des Geldes, der selbstverwertende Wert, mündet in die Selbstbezüglichkeit von Maschinen, die mit Maschinen sprechen, und das alles in einer selbstbezüglichen Theatermaschine, bei der selbst die Schauspieler am Ende zu Zuschauern werden. Das ist auch wie eine Selbsthistorisierung des postdramatischen Theaters, als Zwischenspiel vor dem Zeitalter der Maschinenherrschaft. Doch für das letzte Wort treten am Ende alle Beteiligten bis hin zur Technik auf die Bühne. Das ist das Gegenbild: der Chor, das älteste Element des Theaters. Alle Hoffnung kommt von ihm. Und vielleicht reihen sich eines Tages sogar die Tiere ein. Großer Jubel. Großes Theater.

Der Menschenfeind“ läuft bei den Salzburger Festspielen und ab 18. September 2026 am Thalia-Theater Hamburg. „Unter Tieren“ läuft ebenfalls bei den Salzburger Festspielen und ab 4. September 2026 am Burgtheater Wien.

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