Jeden Tag träumen wir, ob wir uns daran erinnern oder nicht. Philosophen hat das seit jeher fasziniert. Aristoteles sah Träume als eine Art Nachhall der Sinne – anders als sein Lehrer Platon, der sie als Nachricht der Götter verstand. Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse und bis heute berühmteste Traumdeuter von allen, verstand Träume als „Königsweg zum Unbewussten“ – allerdings halten Traumforscher die Freudsche Traumdeutung heute für überholt und zu ihnen zählt auch Michael Schredl. Er forscht seit 1990 zu Träumen und ist wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim.

WELT: Lassen Sie uns mit einer einfachen Frage anfangen. Vielleicht ist es auch die schwerste: Was ist ein Traum überhaupt?

Michael Schredl: Das ist eine vergleichsweise einfache Frage. Träumen ist das subjektive Erleben während des Schlafes. Es ist eine Bewusstseinsebene, in der bestimmte Gehirnareale aktiv sind. Wenn Sie im Traum Dialoge führen, ist das Sprachareal aktiv. Wenn Sie sich bewegen, das motorische Zentrum. Das heißt auch: Wenn bestimmte Gehirnareale beschädigt sind, hat das Auswirkungen auf die Träume.

WELT: Erleben wir im Schlaf wirklich eine zusammenhängende Welt – oder setzt unser Gehirn sie erst beim Aufwachen zu einer Geschichte zusammen?

Schredl: Die Geschichte wird schon während des Schlafes zusammengesetzt. Aber nicht eins zu eins wie der Alltag im Wachzustand. Es gibt niemanden, der während eines Traums drei Stunden lang im ICE sitzt. Es sind eher kleine Episoden, die höchstens einige Minuten dauern.

WELT: Und warum träumen wir überhaupt?

Schredl: Das ist die vergleichsweise schwierige Frage. Welche Funktion hat der Traum? Darauf haben wir noch keine schlüssige Antwort. Es ist nahezu unmöglich, das wissenschaftlich zu untersuchen. Man müsste dafür beobachten, wie es wäre, wenn manche Menschen nicht träumten. Aber wir Menschen träumen alle.

WELT: Haben Sie dennoch eine Vermutung, warum wir träumen?

Schredl: Ich gehöre zu den Skeptikern unter den Traumforschern. Ich glaube also nicht, dass das Träumen einen bestimmten Sinn hat. Das heißt aber nicht, dass es uninteressant ist, sich mit den eigenen Träumen zu beschäftigen. In ihnen kann jeder etwas über sich selbst lernen. Träume spiegeln das wider, was uns im Alltag beschäftigt, nur auf eine sehr kreative und dramatische Weise.

WELT: Was haben Sie schon im Traum über sich gelernt?

Schredl: Ich hatte mal einen Traum, in dem ich ein wirklich schönes Erdgeschosszimmer hatte: riesengroß und toll eingerichtet. Aber in der Wand zum Vorgarten war ein großes Loch. Und ich dachte im Traum sofort: Oh nein, da können jetzt Tiere herein- und hinauslaufen. Die Gedanken, dass jemand meine persönlichen Grenzen überschreitet und mir zu nahekommt, habe ich im Alltag öfter. Man kann Träume also auch als Hinweis auf Themen im Leben sehen, die es zu bewältigen gilt.

Michael Schredl zählt zu den renommiertesten Traumforschern in Deutschland

WELT: Viele Menschen träumen von wiederkehrenden Motiven: Sie werden verfolgt oder sind plötzlich in der Öffentlichkeit nackt. Haben diese Träume auch etwas zu bedeuten?

Schredl: Auch bei diesen Träumen ist die Vermutung naheliegend, dass hier typische Wach-Situationen behandelt werden – wie gesagt: auf dramatische Weise. Wenn Sie in Träumen ständig verfolgt werden, zeigen Sie im Alltag vermutlich ein Vermeidungsverhalten. Man rennt bei einer Verfolgung weg, stellt sich nicht. Es hat dasselbe Grundmuster wie Vermeiden. Wenn man aber im Alltag Konflikten und unangenehmen Tätigkeiten nicht mehr aus dem Weg geht, hören in der Regel auch die Verfolgungsträume auf.

Im Traum, in aller Öffentlichkeit nackt zu sein, könnte hingegen ein Hinweis darauf sein, dass man sich Gedanken macht, was andere Menschen von einem denken könnten. Hier hat das Gehirn also mal wieder sehr dramatisiert und die ultimative Beschämung herausgesucht, denn wenn man nackt im Büro auftaucht, kann man sich sicher sein, dass das Umfeld denkt: Der ist nicht ganz normal.

WELT: Woran liegt es eigentlich, dass sich manche Menschen so gut wie nie an ihre Träume erinnern können?

Schredl: Fast alle Träume werden beim Aufwachen vergessen. Das macht auch Sinn, sonst gäbe es ein riesiges Chaos im Kopf: Habe ich das geträumt oder habe ich es wirklich gemacht? Beim Aufwachen muss das Gehirn vom Schlaf- auf den Wachmodus umschalten, und im Wachmodus ist der Zugriff auf die Erlebnisinhalte des Schlafes schwer.

WELT: Dennoch sind Traumtagebücher sehr populär. Nach dem Aufwachen schreibt man sofort die Erinnerungen an den Traum auf.

Schredl: Aus meiner Sicht lohnt es sich – trotz der Mühe, Erinnerungen morgens aufzuschreiben. Denn Träume sind immer kreative Darstellungen von Themen, die einen im Wachzustand beschäftigen. Für den surrealistischen Maler Salvador Dalí waren Träume eine Quelle für seine Kunst. Er setzte sich in einen Sessel und nahm einen Schlüssel in die Hand. Sobald Dalí wegdöste, fiel der Schlüssel auf einen Teller am Boden. Er wollte sichergehen, dass er sofort aufwachte. Dann malte er die Motive, die er im Dämmerschlaf gesehen hatte.

WELT: Birgt ein Traumtagebuch auch Risiken? Hat der Mensch nicht auch ein Recht auf unbewusste Prozesse, die sich dem Verstand entziehen?

Schredl: Das „Unbewusste“ ist in Bezug auf Träume völliger Quatsch. Träume sind bewusstes Erleben. Einen Traum erleben Sie genauso realistisch wie einen Wachzustand. Das einzige Problem ist, dass das Träumen nicht direkt zugänglich ist, weil wir schlafen.

WELT: Das ist Ihre Chance, mit Sigmund Freud abzurechnen!

Schredl: Freud sah den Traum als „Hüter des Schlafs“, der infantile Wünsche, die gesellschaftlich meist nicht akzeptiert sind, zur Erfüllung bringt – aber in entstellter Form, damit man nicht durch die verstörenden Inhalte aufwacht. Diese Theorie stimmt auf mehreren Ebenen nicht. Denn erstens passt das nicht zur Tatsache, dass wir immer träumen, auch wenn wir schlecht schlafen. Zweitens machen wir in Träumen häufig frustrierende Erfahrungen – eine wirkliche Wunscherfüllung kommt also selten vor. Außerdem spiegeln Träume die Themen, die uns im Wachleben ganz bewusst beschäftigen.

WELT: Also ist auch das „luzide Träumen“ völlig unbedenklich, vielleicht sogar psychotherapeutisch hilfreich? Bei dieser Methode ist man sich während des Traums bewusst, dass man träumt. So kann man den Traum steuern und auch einen inneren Konflikt befrieden.

Schredl: Aktuell gibt es keine Belege dafür, dass luzides Träumen schadet. In einer unserer Studien zeigte sich, dass die Erholsamkeit des Schlafes dadurch nicht beeinträchtigt wird. Bei der therapeutischen Anwendung gibt es aber ein Problem: Luzides Träumen ist selten und schwer zu lernen. Jede andere therapeutische Maßnahme ist schneller wirksam. Eine Möglichkeit, luzides Träumen zu üben, ist der sogenannte Realitätscheck. Hier fragt man sich fünf bis zehnmal am Tag: Träume ich oder bin ich wach? Das erhöht die Chance, dass man sich diese Frage dann auch im Traum stellt und so anhand ungewöhnlicher Elemente realisiert, dass man träumt. Aber selbst dann müssen Sie erst einmal von dem Konflikt träumen, den Sie bearbeiten wollen.

WELT: In einem luziden Traum könnte man ja auch Dinge ausprobieren, die im Alltag sanktioniert werden. Die Ehefrau des Nachbarn vor seinen Augen anflirten zum Beispiel. Ein Freund hat mir mal erzählt, dass er das während eines luziden Traums gemacht hat.

Schredl: Wie hat der Nachbar im Traum reagiert?

WELT: Er hat meinem Freund eine reingehauen.

Schredl: Das ist interessant, denn dieses Beispiel zeigt, welch große Rolle die Erwartungshaltung in luziden Träumen spielt. Es war ein Traum, der sich nur im Kopf Ihres Freundes abspielte. Da kann er machen, was er will – zum Beispiel den Nachbarn einfach wegschicken. Aber die Erwartung war da, dass sein Verhalten Konsequenzen hat. Wir sind also auch beim Träumen vom Wertesystem des Alltags beeinflusst.

WELT: Eine vielleicht unwissenschaftliche, eher persönliche Frage: Glauben Sie, ein Traum kann ein Leben verändern?

Schredl: Ja. Es gibt Träume, die einen so starken Nacheffekt haben. Ich erinnere mich an einen amerikanischen Schlafforscher, der geträumt hat, dass er an Lungenkrebs erkrankt ist. Im Traum hat er dann gesehen, wie seine Kinder ohne ihn aufwachsen. Diese Erfahrung im Traum war für ihn so schrecklich, dass er nach dem Aufwachen mit dem Rauchen aufgehört hat. Das subjektive Erleben kann im Traum sehr stark sein und so zum Ausgangspunkt dafür werden, etwas zu verändern.

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