Broder habe ich schon immer bewundert. Oder besser: Ich hätte ihn bereits als Kind bewundert, wenn ich kein Kind gewesen wäre.
Denn als ich 7 war, schrieb er „Wer hat Angst vor Pornografie? Ein Porno-Report“. Es ging um Zensur, verlogene Sittenmoral und die Tabuisierung von Sexualität. Eigentlich ging es um Freiheit. Meine Themen also. Und zwar genau in der Konfiguration.
Henryk Broder (links) Ende der 60er-Jahre als Redakteur der „St. Pauli Nachrichten“. Rechts: Stefan AustAber: Ich war 1970 noch zu jung. Zum richtigen Fan wurde ich erst 1986 als „Der ewige Antisemit. Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls“ erschien. Was mir an Broder sofort gefiel, war und bleibt der Dampf. Die Provokation. Die Polemik.
Ich bin überzeugt, dass Demokratie Provokation und Polemik braucht. Und weil es so viel Leisetreterei, so viel Einerseits-andererseits gibt – unter anderem deshalb steht es gerade nicht besonders gut um die, nein jetzt heißt es ja: um „unsere“ Demokratie.
Nach der Lektüre vom „Ewigen Antisemiten“ folgte ungefähr ein Vierteljahrhundert stille Bewunderung. Broder schrieb leider für den „Spiegel“ – jede Biografie hat ihre dunklen Seiten...
Dann aber ging ich zum Angriff über und begann, ihn aktiv abzuwerben. Broder zierte sich und bediente sich eines perfiden Tricks. Er schob seine Frau vor. Er selbst wolle ja gern, aber seine Frau verbiete es ihm leider. Na ja. Irgendwann setzte er sich offenbar zu Hause durch. Oder, die wahrscheinlichere Version, folgte dem weisen Rat seiner klugen Frau, die ihm vermutlich schon länger geraten hatte, zur WELT zu gehen. Da ist er nun schon seit anderthalb Jahrzehnten – ziemlich glücklich.
Die Berliner Volksbühne plante, ihr temporäres Freibad für mehrere Stunden exklusiv für schwarze Communitys zu öffnen. Kolumnist Henryk M. Broder warnt: „Das ist umgekehrter Rassismus.“Man fragt mich gelegentlich, welche Zeitung bei Axel Springer meine liebste sei. Ich beantworte diese Frage grundsätzlich nicht, denn dabei macht man sich fast nur Feinde. Es ist wie bei der Frage nach dem Lieblingskind: Man kann nur schweigen.
Einen Lieblingsautor aber habe ich. Und an seinem 80. Geburtstag darf ich das bitte endlich sagen, ohne Ärger zu bekommen: Es ist Henryk M. Broder. Er schreibt eigentlich immer genau das, was ich denke. Nur formuliert er es besser. Zudem mit der seltenen Gabe, selbst die ernstesten, düstersten, deprimierendsten Themen so zu behandeln, dass der Leser am Ende trotzdem lächelt.
2017, Berlin, und wir haben alle gelacht: Broder hat einen Kanzlerkandidaten als Pappkameraden (49,90 Euro) dorthin mitgenommen, wo sich „die hart arbeitende Mitte“ jeden Tag trifftDas führt zu den Broder-Singers, oder Broderzinger (בראָדער זינגער). Dabei handelt es sich um wandernde jiddische Volkssänger und Unterhaltungskünstler, die vor allem im 19. Jahrhundert durch Europa tingelten. Sie gelten als die wichtigsten Wegbereiter des modernen jiddischen Theaters. Sie sangen Couplets und tanzten dazu.
Ihre Songtexte thematisierten mal ironisch, mal melancholisch das Alltagsleben, die Armut, religiöse und politische Scheinheiligkeit. Sie waren so erfolgreich, weil sie ihr Publikum ebenso respektlos wie geistreich zum Lachen brachten. Die Bewegung geht auf den Sänger Berl Broder (eigentlich Berl Margulies, 1815–1868) zurück. Er stammte aus der Stadt Brody (im heutigen Galizien in der Ukraine). Nach ihm und seiner Heimatstadt wurde die Gruppe benannt.
Henryk Broder behauptet zwar, in Kattowitz geboren zu sein, kann ja sein. Aber dass seine Wurzeln in Brody liegen und dass er eine moderne publizistische Version der Broderzinger ist, ist für mich unbestreitbar.
Kattowitz: der kleine Henryk mit SonnenbrilleDeshalb habe ich einen Wunsch. Mit ihm seine wahre Heimatstadt Brody zu besuchen, die er bis heute noch nie gesehen hat. Ich war da schon einmal, vor etwa zehn Jahren. Es ist die Stadt oder besser, das frühere Schtetl, in dem Joseph Roth zur Schule ging. An dem Gebäude hängt noch heute eine Gedenktafel.
Sonst erinnert nicht mehr viel an die jüdische Kultur dieser Stadt in der Nähe von Lemberg, die man auch das „galizische Jerusalem“ nannte. Im 19. Jahrhundert waren rund 90 Prozent der Bevölkerung jüdisch. Die Synagoge in Brody galt als eine der größten und prächtigsten Synagogen in ganz Osteuropa.
Als ich da war, sah man nur noch eine von den Nazis zerstörte Ruine. 2021 ist sie dann offenbar ganz eingestürzt.
Die Ruine der Synagoge (Aufnahme von 2007)Wollen wir, lieber Broder, zusammen hinfahren und anfangen, sie wieder aufzubauen? Auch wenn es nur ein paar Steine sind.
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