Der Schiffsbohrwurm, im Fachjargon Teredo navalis, misst zehn bis zwanzig Zentimeter. Dank kleiner Schalen am Kopf stellt er sich dem Blick des Laien als eine Art kieferorthopädisch auffälliger Regenwurm dar. Tatsächlich handelt es sich um eine Muschel, und zwar um eine, die man nicht unterschätzen sollte. Mithilfe ihrer biologischen Bohrmeißel, mit denen sie sich durch unter Wasser liegendes Holz fräst, legt sie gerade halb Bremerhaven in die flüssige Variante von Schutt und Asche.
Seit Juni sind die beiden Klappbrücken über den Kanal zwischen Altem und Neuem Hafen gesperrt. Ihre Pfähle sind durch das eifrige Getier so gründlich zernagt, dass, wie es heißt, „die Standsicherheit nicht mehr nachgewiesen werden kann“. Die maritimen Tage mussten zusammengestrichen werden, weil das Holz unter den Imbissbuden nur noch als kollektive Erinnerung existierte. Kurz darauf sackte der Fähranleger nach Nordenham ab – Tausende Passagiere täglich, gleichsam gestrandet vor morsch gebohrtem Gebälk. Am Grund des Hafenbeckens kullern bereits die ersten abgebissenen Baumstämme herum. Teredo navalis futtert sich durch die Exklave des Stadtstaats Bremen wie die kleine Raupe Nimmersatt durch drei Äpfel, vier Pflaumen und ein Stück Geburtstagstorte.
Vor hundert Jahren rammten die Bremerhavener 15 Meter lange Stämme in den Schlick. Sie überstanden die Weimarer Republik, Bombennächte und den Wiederaufbau. Bis eines Tages am Westrand des Elbe-Weser-Dreiecks der Schiffsbohrwurm auftauchte und das Fichtenholz zu seiner Leibspeise erkor. Dabei hat der unscheinbare Vielfraß das Zeug zum Politikum. Man kennt ihn nicht erst seit gestern.
Schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts kenterte Kolumbus seinetwegen vor Jamaika. Und vor hundert Jahren richtete das Mistvieh in der Bucht von San Francisco eine der teuersten Infrastrukturkatastrophen in der Geschichte der USA an, als es Brücken, Piers und Hafenbecken verdaute. Am 2. März 1920 stürzten rund 300 Meter einer Kaianlage der Union Oil Company in die Meerenge von Carquinez.
Die gesperrten Klappbrücken über den VerbindungskanalSeit den 1990ern ist der Schiffsbohrwurm in der Weser nachgewiesen. Bereits 2011 wurde der Befall der Nordmole festgestellt, seit Jahren galten die Pfähle des Verbindungskanals als marode. Die deutsche Bürokratie reagierte mit entschlossenem Abwarten. 2022 kippte der Molenturm weg, dann brachen zwei Drittel der Pfahlreihen an der Nordostkaje. Schließlich sackte der Anleger der Weserfähre ab. Über acht Kilometer Ufereinfassung sind zerfressen.
Unfreiwillig mutiert der falsche Wurm zum Wappentier des gegenwärtigen Deutschlands. Im Bundestag debattieren wir über Sondervermögen, neue Fregatten und einen möglichen Bündnisfall. Zugleich zeigt sich die Verwundbarkeit der Norddeutschen Tiefebene durch ein Weichtier, aus dem man südlich der Alpen Spaghetti Vongole kochen würde. Wenn die Nato die Nordflanke sichern will, bringt das beste Radarsystem nichts, solange die Bundeswehr auf Kaimauern steht, die von einem Wurm zerfräst wurden. Eine Nachlässigkeit namens unbehandelte Fichte reicht aus, um uns von der See abzuschneiden.
Gegen die Muschel – übrigens ein Klimawandelgewinnler, der vom höheren Salzwassergehalt durch niedrige Flusswasserstände profitiert – ist kein Kraut gewachsen. Jetzt sollen es aus dem Infrastruktursondervermögen finanzierte Stahlspundwände richten, alternativ Tropenhölzer wie Itaúba oder mit Essigsäure behandelte Baumstämme. Sanierungsleiter Heiner Behrens malt derweil eine düstere Zukunft an die morsche Molenwand. Der Schiffsbohrwurm werde seinen Siegeszug Richtung Bremen fortsetzen und sich bald an ganz Norddeutschland laben. Wer schon lange überzeugt ist, dass sich Deutschland im Untergang befindet, muss nur nach Bremerhaven schauen.
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