Wer ihr persönlich, also leibhaftig, jemals begegnen durfte, weiß, dass Dolly Parton alles andere war als eine Kunstfigur, bei allen künstlichen Details, aus denen sie nie ein Geheimnis machte. Vor zwölf Jahren saß ich in ihrer Garderobe in den Katakomben einer Liverpooler Mehrzweckhalle. „Schön, dass du gekommen bist, mein Junge. Wir müssen nämlich für meine Tour werben. Es läuft nicht so.“ Sie nahm mich in die Arme wie einen verlorenen Sohn. Ich wusste nicht mehr, was ich fragen wollte.
Dolly kicherte, sie strich mir durch die Haare und erzählte: „Eines meiner Alben trägt den Titel ‚Backwoods Barbie‘, das bin ich, die Hinterwäldlerin, die immer bloß die Schönste sein wollte. Schau mich an: So sieht der ganz große Glamour aus für ein Mädchen vom Land. Wir waren zwölf Kinder und bettelarm. Wir schliefen auf Stroh, wir hielten Strom für etwas, mit dem Herrenhäuser beleuchtet wurden, und fließend Wasser für einen unvorstellbaren Luxus. Ich wollte immer mehr haben und mehr sein, daraus ist mein Look entstanden. Die High Heels machen mich groß, die Perücken machen mich noch größer und mein Haar voll und blond. Mir ging es immer darum, alles von mir selbst an mir als nachteilig Empfundene in Vorzüge zu verwandeln. Daraus ist meine Persönlichkeit geworden, und jeder, der mich mag, weiß, dass ich echt bin. Mir selbst macht das Artifizielle auch mehr Spaß, als so zu sein, wie Gott mich angeblich erschaffen haben soll. Ich tue das für mich, und ich fühle mich pudelwohl in meiner straffen Haut. Ich höre immer wieder, die Welt würde mich als Künstlerin ernster nehmen, wenn ich ernsthafter aussähe. Ich bin mir da gar nicht so sicher.“
Ich fand meinen Faden wieder, wir sprachen zwei Stunden lang über ihr Leben, über Gott, die Welt und die Musik – sogar über den Tod. Am Dienstag nun ist Dolly Parton dort gestorben, wo sie herkam (Tennessee) und wo sie hingehörte (Nashville). Wenn man sterbe, sagte sie damals, gehe man nie als Star, sondern als Mensch. Das war sie auch im Leben.
Dieses Leben fand sich immer auch in ihren Liedern. Von den Smokey Mountains, wo sie 1946 auf die Welt gekommen war und bitterarm auf einer Farm aufwuchs, von ihren elf Geschwistern, ihren gütigen Eltern und den wahren Werten: „Though we didn't have no money, I was rich as I could be.“ Die Mutter hatte ihr aus bunten Flicken einen Mantel für die Winterzeit genäht; die kleine Dolly war so reich, wie man nur sein konnte, an Liebe. Als sie auch an Geld reich war, durch ihre Lieder, gründete sie Dollywood, den Freizeitpark in ihrer Heimat. Dort verkaufte sie ihre Kosmetik, ihre Konfektion und ihren Kram und war der größte Arbeitgeber in den Smokey Mountains und die reichste Sängerin der Welt.
Dolly Parton in den frühen AchtzigernKeine hat je so viele Songs geschrieben und gesungen, für sich selbst und andere. Mit 13 debütierte sie in Nashville an der Grand Ole Opry, der heiligen Halle der Countrymusik. Nach ihrem Schulabschluss ging sie dorthin, in die Hauptstadt des Country. Sie geriet an Porter Wagoner, der einen ihrer frühen Songs, „Dumb Blonde“, wortwörtlich nahm und sie auch so behandelte.
In Liedern wie „Before I Met You“ und „Two Sides To Every Story“ hörte jeder, der es hören wollte, wer die Arbeit damit hatte. Dolly Parton: „Ich war kreativ, er war was anderes. Doch er besaß die Eier, mich auf eine Million Dollar zu verklagen, nachdem er mir 30 Dollar in der Woche gezahlt hatte.“ Es waren die Sechziger des 20. Jahrhunderts.
In den frühen Siebzigern schrieb und sang sie „Jolene“ über ein eifersüchtiges Mauerblümchen, das gegen die Dorfschönste um ihren Mann kämpft. 40 Jahre später freute sie sich, als sich ihre Patentochter Miley Cyrus noch einmal jene Jolene zur Brust nahm und sie angemessen unflätig beschimpfte.
Feministinnen hegten immer gewisse Vorbehalte gegen Dolly Parton, ihre Brüste und das Barbiehafte. Doch auch hier bewies sie: Glaubwürdiger konnte keine Feministin sein. Als erste Frau ihres Formats gründete sie einen Musikverlag und später ein eigenes Plattenlabel. Sie sang Hymnen auf berufstätige Frauen wie „9 To 5“ und „Just Because I’m Like A Woman“. Wenn sie Liebeslieder schrieb wie „I Will Always Love You“, hielt sie es vor Ausbeutern wie Porter Wagoner geheim. Als Elvis Presley „I Will Always Love You“ mit ihr im Duett aufnehmen und dafür die Hälfte der Tantiemen wollte, lachte sie ihn aus, hob das Lied auf – und gab es später Whitney Houston, die es 1992 zur erfolgreichsten von einer Frau verfassten Single aller Zeiten machte.
Das Gerede vom „Gesamtkunstwerk“ war in der Popmusik zwar lange für Madonna reserviert. Warum nicht Dolly Parton? Sie war jung und alt zugleich, konservativ und progressiv, für Fundamentalisten und für Liberale da, für Hipster und für Queere wie für Leute, denen alles Hipsterhafte oder Queere querlag. Ihre Puppenmasken und ihre Perücken konnten ihre Weisheit nie verbergen. Hinter ihren legendären Brüsten schlug ein riesiges Herz. Die besten Witze über sich machte sie selbst, wie in der Garderobe vor zwölf Jahren: „Gott gab uns den Spiegel. Ob er uns auch das Skalpell gab, weiß ich nicht. Ich weiß nur: Ich fühle mich besser mit den falschen Lippen und ohne die Runzeln. Ich bin 68, größtenteils. Und ich bin alt genug, um Ratschläge erteilen zu dürfen: Seid nicht dumm und spart, sucht euch den besten Arzt, den ihr euch leisten könnt. Ich sage immer: Es ist teuer, billig auszusehen.“
Sie entschuldigte sich sogar für ihr schlechtes Englisch als Amerikanerin vom Land, damit ich mich mit einem deutschen Englisch wohler fühlte. Ein schüchterner Bühnenarbeiter im Blaumann brachte weiße Rosen und stellte sie auf den Schminktisch. Ihn umarmte Dolly Parton auch. Da standen Speditionscontainer für ihre Frisuren und ihre Gitarre, die sie selbst mit ihrem Namenszug und einem Schmetterling verschönert hatte.
Wie alt sie sich fühle? Nicht einmal die dümmste aller Fragen nahm sie übel: „Weißt du was? Ich denke wirklich überhaupt nicht nach über das Alter. Nur einmal im Jahr, immer am 19. Januar, wenn mir mein reizender Mann zum Geburtstag gratuliert. Dann denke ich: Jetzt bist du auch schon 35. Das ist keine weibliche Koketterie, das denke ich tatsächlich, weil es der letzte Geburtstag war, an dem ich das Gefühl hatte, alt zu werden. 35 ist das beste Alter. Man hegt keine falschen Vorstellungen mehr vom Leben, und man lebt noch nicht in seinen eigenen Erinnerungen. Wie alt bin ich für dich?“ 35, sagte ich.
Jetzt ist sie nicht mehr da, jedenfalls nicht mehr leiblich. Dolly Parton wurde 80 Jahre alt.
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