Was? Ich? Und nicht der Nádas?“ Das Erstaunen war keineswegs gespielt, mit dem der erste ungarische Literaturnobelpreisträger, der 1929 geborene Imre Kertész, 2002 kommentierte, dass die Wahl nun auf ihn gefallen war. Denn schon damals sahen viele Fans in dem 13 Jahre jüngeren Peter Nádas den geeigneten Kandidaten für die wichtigste literarische Auszeichnung überhaupt. Wie groß war aber erst ihre Enttäuschung, als 2025 der zweite ungarische Literaturpreis wiederum nicht an Nádas ging, sondern an Laszlo Krasznahorkai, Jahrgang 1954. Der 1942 in Budapest geborene und jetzt im Alter von 83 Jahren in seinem Haus in der südwestungarischen Gemeinde Gombosszeg gestorbene dritte große Schriftsteller seiner Nation seit dem Zweiten Weltkrieg hingegen, Peter Nádas also, er wurde von der Stockholmer Akademie übergangen.

Vielleicht weil er tatsächlich, nicht nur im Hinblick auf sein Geburtsjahr, das „Weltkind in der Mitten“ war, wie einst Goethe sich bezeichnet hat. Denn ein Weltkind war er, wiewohl keineswegs ein oberflächliches. Dabei hat Nádas, genau wie seine Landsmänner, als Jude sowie als Opfer zweier Diktaturen, der faschistischen wie der sozialistischen, die Drangsale seiner Epoche erlebt. Wie Kertész und Krasznahorkai erfuhr er die Willkür literarischer Zensur, musste jahrelang ein Publikationsverbot erdulden.

Wie für seine beiden Kollegen kam der Ruhm nach dem Zusammenbruch des „Ostblocks“ auf dem Umweg über Deutschland. Und wie sie hat er sich in Romanen, Erzählungen und Essays die Schrecken des 20. Jahrhunderts von der Seele geschrieben, in einem Werk, das es seinen Lesern nicht leicht macht. Und doch gibt es zu den kafkaesken Labyrinthen eines Kertész sowie zu den skurrilen Dystopien eines Krasznahorkai einen gravierenden Unterschied.

Das ist das schwelgerisch-spätbürgerliche an Nádas’ Prosa, der tief faszinierte Rückgriff auf die „Welt von gestern“, will sagen die Zeit vor den großen politischen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts. Es ist der Rückgriff auf Glanz und Gloria der Donaumonarchie oder des wilhelminischen Spree-Athen. Vor allem seine beiden Hauptwerke, das „Buch der Erinnerung“ von 1985 und die „Parallelgeschichten“ von 2005 bieten sich als seelenverwandte Übergipfelungen von Marcel Proust und Thomas Mann dar. Mit ihnen teilte Nádas den mann-männlichen Eros, auch wenn er, wie Thomas Mann, mit einer Frau zusammenlebte, allerdings kinderlos. Mit Mann und Proust teilte er auch die Feier des Morbiden, Pathologischen, Nervösen. Sowie die Hypersensitivität für die Verästelungen der Seele komplizierter Charaktere.

Der Seele, aber auch des Körpers. Jawohl, anders als seine Vorbilder hat Peter Nádas auch die Körper in seine differenzierte Zergliederungskunst einbezogen. Auf diese Weise enthalten zum Beispiel die „Parallelgeschichten“ einerseits den am ausführlichsten geschilderten, über fast 80 Seiten sich hinziehenden Koitus, den die Literaturgeschichte kennt (übrigens zwischen Mann und Frau), andererseits die ausschweifendste homosexuelle Massenorgie der Hochliteratur. Sie spielt sich bezeichnenderweise unterirdisch, genauer gesagt auf einer (fiktiven) öffentlichen Toilette ab, die sich auf der Budapester Margareteninsel befindet.

Mehr Sodom und Gomorrha als schöne blaue Donau

Denn auch hierin ist Peter Nádas ganz alteuropäischer Décadent einerseits sowie Schüler Sigmund Freuds und seiner Psychoanalyse andererseits: Er beschreibt das Auseinanderfallen des bürgerlichen Ichs in eine physisch-triebhafte Existenz und in das durch moralische Vorstellungen und kulturelle Erziehung geprägte zivilisierte Sein. Man kann auch sagen: Er beschreibt Doppelleben. Sein und Schein. Camouflage. Heimlichtuerei. Nicht nur aus Angst vor Repressalien und Stigmatisierung. Sondern auch zur Steigerung des Lebensgefühls. Und um zu demonstrieren, dass alles eben immer parallel nebeneinander herläuft im Dasein eines Menschen: das Schöne neben dem Schrecklichen; die Sinnlichkeit neben der Spiritualität. Das gelebte Alltägliche und das ungelebte rauschhaft Abenteuerliche.

Das ist vielleicht ein bisschen viel für harmlose Skandinavier. Man kann sich gut vorstellen, dass die Akademiker im sauberen Stockholm nicht wenig fremdelten mit dem konzilianten kleinen Herrn aus Budapest, der sich im persönlichen Umgang immer zurückhaltend zeigte, von einer morosen Melancholie umflort, und dann in seinen Texten ein schrilles Panoptikum der Lüste und Süchte aufführte. Mehr Sodom und Gomorrha als schöne blaue Donau. Um diese Doppelung zu verstehen, braucht es möglicherweise auch ein spezifisches Gran Ungarntum. Das besitzt aber nicht jeder. Doch für Peter Nádas hat die Vorliebe für die Darstellung bürgerlicher Fassadenhaftigkeit eben auch viel mit seinem Heimatland zu tun.

„Unter dem sogenannten Gulaschkommunismus“: Peter Nádas 1977 in Budapest

Dieser Mann, der in Budapest aufwuchs und später die meiste Zeit des Jahres in dem unscheinbaren südwestungarischen Dorf Gombosszeg verbrachte, dessen Wahlheimat eine Weile Berlin war, wo er der Akademie der Künste schon vor vielen Jahren seinen Nachlass anvertraute, er war und bleibt der große Mythomane Ungarns. „Mein Ansatz ist, die Unterseite des Zwanzigsten Jahrhunderts zu zeigen“, hat er einmal dem Verfasser dieser Zeilen erklärt.

Und gleich darauf hinzugefügt: „Dieses Unterfangen gedeiht besonders gut in meinem Heimatland. Denn hier hielt und hält man sich wie nirgends sonst an der Fassade fest. Hier hat man durch eine neobarocke Prunkarchitektur versucht, die eigene politische Einflusslosigkeit zu überspielen und sich als das pompösere Wien zu zelebrieren. Hier haben später die faschistischen Pfeilkreuzer, die gleichfalls nur begrenzten Spielraum hatten, sich als die geistigen Väter der Nazis aufgespielt und sich in Fantasien ergangen, denen zufolge die Deutschen dermaleinst am ungarischen Wesen genesen werden. Und hier ist unter dem sogenannten Gulaschkommunismus eine vermeintlich gemütliche Variante des Sozialismus zur Macht gelangt, die doch genauso grausam Biografien zerstörte wie jede andere Diktatur auch.“

Das Grauen in seiner Stimme

Peter Nádas wusste, wovon er sprach. Er hat sich in die ungarische Fassadenhaftigkeit vor allem in seinem Alterswerk „Aufleuchtende Details. Memoiren eines Erzählers“ hineingekniet, mit dem die Geschichte seiner eigenen Familie eng verwoben war. Darum hat er den Verfasser dieser Zeilen, als er ihm vor vielen Jahren die Schauplätze seiner „Parallelgeschichten“ in Budapest zeigte, zuletzt zu jenem unscheinbaren, im späten, geometrischen Jugendstil gehaltenen Haus geführt, Pozsonyi Straße Nr. 12, in dem er 1942 zur Welt gekommen ist.

Kurze Zeit später, als die Deutschen einmarschierten, musste der Vater untertauchen. Über dem Kellerloch, in dem er sich versteckte, ist jetzt ein vergittertes Bodenfenster angebracht. Hier befand sich auch eine Druckerei, in der unter der Besatzung Flugblätter hergestellt wurden. „Und das“, sagte Peter Nádas und zeigte auf einen unscheinbaren Glasziegel, der vor dem Fenster in den Asphalt eingelassen ist, „funktionierte als Durchreiche. Als mein Vater nach der Befreiung der Stadt aus seinem Versteck herauskam, hatte er kein einziges Haar mehr am Leib und alle Zähne waren ihm ausgefallen.“ Das Grauen, das er als Kind bei seinem Anblick empfand, hallte bei dieser Erzählung noch in seiner Stimme nach.

Und die Leidensgeschichte seiner Familie war noch nicht zu Ende. Wenige Jahre später starb die Mutter an Krebs. Und bald nach dem gescheiterten Aufstand von 1956 nahm sich der Vater das Leben. Der Vollwaise hielt sich an seine Großeltern. Und träumte sich in die Dreißigerjahre zurück, als Funktionalismus und eine originelle Art-Déco-Architektur das Viertel um den nahegelegenen Szent-István-Park in der Neu-Leopoldstadt prägten. Orte wie das Restaurant „Dunapark“ mit seinen asymmetrisch geschwungenen Linien oder einige Kinos in der Gegend haben den ganz besonderen Charme jener Zeit bis heute bewahrt, in der auch in ästhetischer Hinsicht ein kurzes Atemholen zwischen den Katastrophen möglich war.

Als wir im eleganten „Dunapark“ tafelten, schien die Heimsuchung durch beängstigende Erinnerungen ganz von Peter Nádas abzufallen. Dies war sein Budapest, eine sich zur Moderne des 20. Jahrhunderts bekennende Metropole. Hier fühlte er sich wohl, ja heimisch. Wer immer Ungarns Hauptstadt jetzt aufsucht, sollte in dieser Gegend seiner gedenken. Hier unter anderem spielen die – in der deutschen Ausgabe – 1724 Seiten der „Parallelgeschichten“. Sie stellen eines jener literarischen Paralleluniversen dar, die man nie vergessen wird, wenn man einmal in sie eingetaucht ist. Jetzt kann der Mann, der diesen Teil von Budapest zum Gegenstand seiner Ungarnmythomanie gemacht hat, selbst ein Mythos werden. Und das wird auch geschehen, auch wenn er den Literaturnobelpreis nie erhalten hat.

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