„Guten Morgen, Herr Professor.“ – „Um Gottes Willen, nicht ‚Professor‘.“ – „Dann also: Guten Morgen, Herr Doktor.“ – „Auch nicht Doktor. Nennen Sie mich einfach ‚Gott‘ (Adonai).“ Solche Witze erzählte man sich in den Gründertagen des Staates Israel über die Immigranten aus Deutschland, die man scherzhaft „Jeckes“ nannte. Die Jeckes trugen eben selbst unter der Sonne der Levante ihre Jacketts. Und gefühlt jeder Zweite von ihnen hatte mindestens einen Doktorgrad. Hebräisch konnten sie mehr schlecht als recht. Deshalb ließ sich die Witzfigur mit „Gott“ (Adonai) anreden, statt mit „mein Herr“ (Adoni).

Es gab Zeiten, da rangierte der Professor gleich hinter dem lieben Gott. Im strengen Rangreglement des preußischen Hofprotokolls stand so mancher Ordinarius auf der Stufe eines Geheimen Regierungsrats dritter Klasse. In einer Sphäre, wo sonst der Adel unter sich blieb, und haushoch über den Krethi und Plethi des gehobenen Bürgertums. Die Gelehrsamkeit war eines der wenigen Systeme im Deutschland der Kaiserzeit, das auch Kinder einfacher Leute an die Spitze der sozialen Pyramide katapultieren konnte: den Bergmannssohn Robert Koch (1843–1910) etwa, der 1905 den Medizin-Nobelpreis erhielt, oder den bedeutenden Altphilologen Hermann Diels (1848–1922), dessen Vater ein kleiner Eisenbahnbeamter aus dem Nassauischen war.

Vor akademischen Meriten hatte selbst der adlige Offiziersnachwuchs einen Heidenrespekt. Die Anekdote will es, dass auf einem Empfang ein junger Leutnant den Physiker und Physiologen Hermann von Helmholtz (1821–1894) anrempelte. Als sein Vorgesetzter ihn auf den Fauxpas hinwies, schlug der Leutnant die Hacken zusammen, salutierte zackig vor dem Professor und bat stammelnd um Entschuldigung.

Als Professor wohnte man standesgemäß. Die opulenten Villenviertel deutscher Universitätsstädte wie die Göttinger Oststadt, Freiburg-Herdern oder der Heidelberger Stadtteil Neuenheim künden vom gediegenen Wohlstand der akademischen Staatsdiener. In Neuenheim besaß Max Weber (1864–1920) eine großbürgerliche Residenz direkt am Neckar. So berühmt wie extravagant ist die „Villa Medusa“ im italienischen Landhausstil, die sich der Zoologe Ernst Haeckel (1834–1919) am Magdelstieg über Jena erbauen ließ.

Der Professor und die Pfründe

Als das Sozialprestige der Professoren im deutschen Kaiserreich seinen Kulminationspunkt erreichte, hatte das Amt schon eine lange Karriere hinter sich. Der Begriff kommt – wie könnte es anders sein? – aus dem Lateinischen. Profiteri heißt so viel wie „laut bekennen“. Wer sich im alten Rom als professor verdingte, trat öffentlich auf, bot seine Kenntnisse im Recht, in der Medizin oder in der Kunst der Rede feil und lebte vom Entgelt seiner Schüler. Kein Staatsamt, kein Standesprivileg, sondern eher freies Gewerbe auf dem akademischen Marktplatz.

Im Mittelalter, als in Bologna und Paris die ersten universitates entstanden, war die Nomenklatur noch unscharf. Doctor, magister, professor: Wer die licentia docendi besaß, durfte aufs Katheder steigen. Erst als die Landesherren der Frühen Neuzeit die Hoheit über die Universitäten übernahmen, schärfte sich das Ranggefüge. Der Professor ordinarius bezog nun feste Pfründe, vertrat sein Fach ex cathedra und wandelte sich allmählich vom freischaffenden Gelehrten zum staatlich bestallten Würdenträger.

Das Humboldt’sche Paradigma der Einheit von Forschung und Lehre machte den professoralen Gelehrten vollends zum Staatsdiener – und zugleich finanziell weitgehend unabhängig. Im Kosmos der Universität nahm er eine seltsame Zwitterstellung zwischen Feudalherrn und Beamten ein. Wie in einem Lehen konnte er in seinem Institut frei von unmittelbarer staatlicher Aufsicht schalten und walten, Karrieren nach Gutsherrenart fördern oder abwürgen. Der akademische Feudalismus überdauerte sogar die erste deutsche Demokratie und den Nationalsozialismus. Erst als die 1968er-Revolte den Muff unter den Talaren aufwirbelte und die alte Alma Mater der Reformuniversität Platz machte, wankte auch der Mythos vom allwissenden und allmächtigen Professor.

Der beamtete Berufswissenschaftler musste seine Penthousewohnung im Elfenbeinturm räumen und ist heute in der Ebene angekommen, wo die Mühen und die Normalsterblichen zu Hause sind. Er wohnt schon lange nicht mehr in der Villa, sondern im Einfamilienhaus, und auch nur dann, wenn es gut gelaufen ist. Von der Emeritierung bei vollen Altersbezügen zur Pensionierung, von der C- zur W-Besoldung: Jede Reform bedeutete den Abschied von zopfigen Privilegien. Gut so!

Lebenslanges Evaluierungsregime

Doch wie weit sollte die Gesellschaft ihre Gelehrten zurechtstutzen? Geht der Professor heute auf die Pensionierung zu, dann kann er die vom Grundgesetz garantierte Wissenschaftsfreiheit noch in vollen Zügen genießen. Er kann kreativ, sogar widerspenstig sein, auch wenn die wenigsten Professoren von diesen Freiheiten Gebrauch machen. Rückgrat war, allen Privilegien zum Trotz, noch nie eine Stärke der akademischen Zunft. Neue Karrierewege in der Wissenschaft, vor allem die Juniorprofessur, machen den Professor zum Dauerkandidaten eines lebenslangen Evaluierungsregimes.

Die Freiheit der Wissenschaft wird unter diesen Auspizien zur Freiheit dessen, was der Universität nützt. Der Wissenschaftler muss durch jeden Ring springen und Drittmittelanträge im Akkord schreiben, um seine Forschung finanzieren und seinen akademischen Apparat am Laufen halten zu können. Vom Adonai zum Fließbandarbeiter der Wissenschaft: Vor dem W-Professor salutiert kein schneidiger Leutnant mehr.

Michael Sommer ist Professor für Alte Geschichte an der Universität Oldenburg. Gerade ist sein neues Buch „Dirty Rome. Die schmutzige Seite der Antike“ im Verlag C. H. Beck erschienen.

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