Hamza Abu Howidy bekommt schon früh die harte Repression der Hamas zu spüren. 1997 wird er in Gaza geboren, mit Anfang zwanzig geht er gegen das islamistische Regime auf die Straße. Er flieht schließlich nach Deutschland, wo er Asyl beantragt – Ausgang: ungewiss. Seit zwei Jahren lebt er in einer Flüchtlingsunterkunft in einer westdeutschen Kleinstadt. Auch dort wird er von Islamisten bedroht.

Seine Geschichte hat er nun aufgeschrieben, erschienen ist sie unter dem Titel „Muscheln am Strand von Gaza“ (S. Fischer, 240 Seiten, 24 Euro). Bei einem Spaziergang in Berlin erzählt er in fehlerfreiem Englisch von der Herrschaft der Hamas, seiner Flucht nach Europa und seiner Hoffnung für Gaza. Und geht dabei mit Palästina-Aktivisten und Israel-Unterstützern hart ins Gericht.

WELT: Herr Howidy, Sie sind kurz vor dem Hamas-Angriff auf Israel vom 7. Oktober 2023 aus dem Gazastreifen geflohen, dort hatte die islamistische Terrororganisation Sie als Oppositionellen wiederholt festgenommen und gefoltert. Möchten Sie eines Tages dennoch zurückkehren?

Hamza Abu Howidy: Ja, gern. Aber nicht in der jetzigen Lage, denn es gibt nichts, wohin man zurückkehren könnte. Wenn der Gazastreifen wieder aufgebaut wird, mit einer Regierung, die die Meinung der Menschen respektiert, dann würde ich sehr gern zurückgehen.

WELT: Wie kann das gelingen?

Howidy: Im November sollen endlich Wahlen stattfinden, zum ersten Mal seit 2006. Ich hoffe, dass wir dann eine bessere Alternative wählen können.

WELT: Ein großes Hindernis für den Wiederaufbau von Gaza ist die noch ausstehende Entwaffnung der Hamas. Ohne diesen Schritt wird wohl niemand Geld investieren. Warum klappt das nicht?

Howidy: Niemand ist dabei ehrlich, beide Seiten spielen auf Zeit. Die Hamas übergibt Waffen an einzelne Familien und verzögert den Prozess immer wieder, um das Bild des Widerstands aufrechtzuerhalten. Netanjahu stellt sich vor, dass die Hamas entwaffnet wird, bevor die Armee auch nur einen Soldaten abzieht. Nötig wäre ein paralleler Prozess. Ich glaube, davon wird vor den Wahlen in Israel Ende Oktober nichts geschehen.

Hamas-Kämpfer im Gazastreifen bei der Übergabe der sterblichen Überreste von vier israelischen Geiseln, 20. Februar 2025

WELT: Es gibt weiterhin Unterstützung für die Hamas – nicht nur in Gaza, auch im Westjordanland. Wie sehr hat der 7. Oktober ihrer Glaubwürdigkeit geschadet?

Howidy: Das kommt darauf an, mit wem Sie sprechen. Aber die überwältigende Mehrheit in Gaza will die Hamas nicht. Selbst Leute, die als Anhänger bekannt waren, wenden sich ab – auch Regierungsmitarbeiter. Im Westjordanland liegt die Unterstützung jedoch bei rund 30 Prozent. Dort stößt die Idee des „bewaffneten Widerstands“ auf mehr Resonanz, auch wenn nur wenige sich den Aufrufen der Hamas, in den Kampf zu ziehen, tatsächlich angeschlossen haben.

WELT: Woher kommt das?

Howidy: Erstens mussten Palästinenser im Westjordanland nie mit der Hamas leben, sie haben keine Vorstellung davon, wie das wäre. Zweitens spüren sie das Versagen der Palästinensischen Autonomiebehörde, sie vor den Angriffen der Siedler oder der Ausbreitung der Siedlungen zu schützen. Aus ihrer Sicht hat der diplomatische Prozess es nicht geschafft, ihre Forderungen nach einem unabhängigen Staat zu realisieren.

WELT: Wie sieht das Leben unter der Hamas tatsächlich aus?

Howidy: Die Hamas kontrolliert in Gaza alles. Man spürt ihren Einfluss in der Schule, an der Universität, am Arbeitsplatz. Es ist sehr schwer, Karriere zu machen, ohne eine direkte oder indirekte Verbindung zu ihr. Sie beschneidet die Meinungs- und Religionsfreiheit. Und sie unterscheidet sich dabei nicht sehr vom Islamischen Staat. Der Hauptunterschied ist, dass sie die israelische Besatzung und die Blockade von Gaza – die real sind und Palästinenser unterdrücken – benutzt, um ihre Verbrechen zu rechtfertigen und den Gazastreifen dauerhaft in Geiselhaft zu halten. Aber auch ohne die würde sie etwas anderes finden, um ihre Herrschaft aufrechtzuerhalten.

WELT: Als die Hamas Israel attackierte, befanden Sie sich in einem Flüchtlingslager in Griechenland, wo andere den Angriff feierten. Was ging Ihnen durch den Kopf?

Howidy: Es war Chaos. Ich habe buchstäblich gesehen, wie Menschen weinten und zusammenbrachen, während direkt daneben andere feierten. Manche hatten wohl Verwandte, die nach Israel eingedrungen und dann getötet worden waren.

WELT: Sie schreiben in Ihrem Buch, der 7. Oktober habe Sie auch an frühere Gewalt der Hamas erinnert – gegen Palästinenser.

Howidy: Darüber wird zu wenig gesprochen. Als sie 2007 die Macht in Gaza vollständig ergriff, war es nicht nur ein Putsch oder Machtkampf gegen die Fatah. Sie benutzte dafür ein viel schlimmeres Wort auf Arabisch: „Hasm“ – eine Art Hinrichtung. Das bringt zum Ausdruck, dass sie andere Palästinenser nicht einmal als legitime Partner in diesem Land sieht, sondern als Feinde, die es zu erledigen gilt.

WELT: Diese Gewalt haben auch Sie und Ihre Freunde in den Gefängnissen der Hamas zu spüren bekommen. Doch internationale Menschenrechtsorganisationen schwiegen dazu. Warum?

Howidy: Es gibt ein bestimmtes Narrativ, das immer aus Gaza kommen soll: Die Palästinenser leiden unter den Israelis, Ende der Geschichte. Sobald man ihnen sagt, dass es jenseits dieses Narrativs eine dritte Geschichte gibt, schafft sie es nicht in ihre Berichte. Human Rights Watch hat vor Kurzem einen Report über die Misshandlungen von Palästinensern durch die Hamas veröffentlicht – nachdem wir drei Jahre lang etliche Fälle von Hinrichtungen und Folter gemeldet hatten. Aber solche Organisationen berichten erst dann, wenn es weniger relevant ist.

WELT: Zu diesem Narrativ gehört wohl auch, dass die Hamas ein Ausdruck palästinensischer Wehrhaftigkeit sei, und keine islamistische Terrororganisation.

Howidy: In manchen Kreisen der westlichen Linken ist der Rückhalt für die Hamas größer als in den palästinensischen Gebieten selbst. Es war ein großes Versagen der Pro-Palästina-Bewegung, sich in den vergangenen drei Jahren nicht ernsthaft mit der Hamas auseinanderzusetzen – weder mit ihrer Gewalt gegen israelische noch gegen palästinensische Zivilisten. Stattdessen gibt es eine Obsession mit einem antikolonialen Narrativ, das besagt, Gewalt mit allen notwendigen Mitteln sei legitim, um gegen eine Besatzungsmacht zu kämpfen.

WELT: Diese Bewegung greift Sie als Verräter an. Wie geht es Ihnen damit?

Howidy: Es ist mir wirklich egal, was sie von mir halten. Wichtiger ist, ob sie sich tatsächlich für Palästinenser einsetzen – nicht für die Hamas, nicht für die PA. Wenn das zu viel verlangt ist, dann sollten wir uns vielleicht einen anderen Namen für sie ausdenken als „propalästinensische“ Bewegung.

WELT: Denken Sie manchmal, dass solche Aktivisten Israel mehr hassen, als sie sich um Palästinenser kümmern?

Howidy: Viele von ihnen, ja. Sie denken, dass es Priorität habe, sich auf die Verbrechen Israels zu fokussieren, und ignorieren dabei, was Gruppen wie Hamas und Palästinensischer Islamischer Dschihad der Gesellschaft anrichten.

WELT: Ihre Haltung hat Ihnen auch Fans unter Israel-Unterstützern eingebracht. Fürchten Sie, von ihnen instrumentalisiert zu werden?

Howidy: Nein, denn ich werde auch von proisraelischer Seite angegriffen. Man nennt mich Hamas-Sympathisant, manche sogar einen Terroristen. Für Teile der Pro-Israel-Bewegung ist das ein Etikett, das man jedem anheftet, der die Politik der Besatzung, die Gewalt der Siedler oder die Kriegsverbrechen der Armee in Gaza kritisiert.

Gaza City nach einem israelischen Angriff, 24. August 2026

WELT: Welche unbequeme Wahrheit müssen Unterstützer Israels hören?

Howidy: Dass die israelische Armee Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hat, darunter das Aushungern der Bevölkerung. Es gibt immer noch Leute, die es so darstellen wollen, als sei das nicht geschehen.

WELT: Zu diesen juristischen Vorwürfen ermitteln noch internationale Gerichte.

Howidy: Viele haben keine Vorstellung davon, wie das Trauma dieser Menschen jemals aufgearbeitet werden soll. Fast jede Familie in Gaza hat in diesem Krieg jemanden verloren. Mehr als 2000 Familien wurden von israelischen Luftangriffen ausgelöscht.

WELT: Sie konnten Gaza vor dem Krieg über den Grenzübergang Rafah nach Ägypten verlassen, das war im August 2023. Wie haben Sie das geschafft?

Howidy: Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich durchgelassen würde. 70 Prozent der Menschen in Gaza waren noch nie außerhalb des Streifens. Aber die Hamas hält mich wohl für einen Kriminellen. Vielleicht war sie also froh, dass ich ging – ein Problem weniger. Ich musste den ägyptischen Grenzbeamten mit 500 Dollar bestechen. Nach dem 7. Oktober wollten viele Freunde fliehen, aber nur wenige haben es geschafft, da es nach Kriegsbeginn plötzlich 5000 Dollar kostete – so viel Geld hat so gut wie niemand in Gaza.

Am Grenzübergang Rafah, November 2023

WELT: Ihre Flucht nach Europa war eine Odyssee: über Ägypten, die Türkei, Griechenland und Belgien schließlich nach Deutschland. Sie fanden einen Schleuser auf TikTok und überquerten das Mittelmeer in einem überfüllten Boot – eine lebensgefährliche Reise. Was fehlt in der aufgeladenen Migrationsdebatte aus Sicht von jemandem, der das durchgemacht hat?

Howidy: Sie sollten mein nächstes Buch lesen, darum geht’s! Man kann nicht alle Flüchtlinge über einen Kamm scheren. Darunter sind viele Menschen – ich will ihr Leid nicht kleinreden – die aus wirtschaftlichen Gründen kommen. Es gibt hier bessere Jobs, ein besseres Leben in Deutschland. Damit habe ich ein Problem. So sehr ich sie verstehe: Eine schlechte wirtschaftliche Lage ist kein legitimer Grund für einen Asylantrag. Aber es kommen eben auch viele Menschen aus Syrien, aus Gaza, die vor dem Tod fliehen und die keinen Ort mehr haben, an den sie zurückkehren könnten. Das muss die Regierung verstehen.

WELT: Sie leben inzwischen seit zwei Jahren in Deutschland. Wie sieht Ihr Aufenthaltsstatus aus?

Howidy: Es geht kaum voran, ich warte immer noch und könnte jederzeit abgeschoben werden. Das ist ein Problem des Systems. Viele Flüchtlinge wie ich müssen jahrelang in einer Unterkunft leben, haben keine Möglichkeit, zu arbeiten, die Sprache zu lernen oder außerhalb der Unterkunft zu wohnen. Das ist schlecht für den Flüchtling selbst und schlecht für den Staat, der das alles finanzieren muss. Es ist eine Situation, in der alle verlieren.

WELT: Unter den Geflüchteten aus Gaza sind auch Hamas-Anhänger. Werden Sie von ihnen weiterhin bedroht?

Howidy: Deshalb bin ich nicht mehr so aktiv wie früher, nicht auf X, nicht auf Instagram – ich bekam all diese wahnsinnigen Drohungen, während ich in der Unterkunft lebte, ohne jeden Schutz. Das habe ich auch angezeigt – aber die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen ein, weil es nicht „im öffentlichen Interesse“ liege.

WELT: Fühlt sich Deutschland trotz aller Herausforderungen langsam wie ein Zuhause an?

Howidy: Ich liebe es hier und kann mir nicht vorstellen, in ein drittes Land zu ziehen. Ich will bleiben – und ich werde alles tun, um das legal zu tun.

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