Die „Revetlla de Sant Joan“ oder Johannisnacht markiert in Katalonien den Sommeranfang. Der wird ausgiebig gefeiert, mit Tanz und Mitternachtsfeuer. Und mit „Castells“, Türmen oder Pyramiden aus Menschen. Hinter diesen Burgen stecken Gruppen, die „Colles“. Dass verschiedene Colles untereinander wetteifern, wer die höhere und komplexer gebaute Menschenburg präsentiert, macht es notwendig, dass ganzjährig geprobt und trainiert wird. Castells sind keine Flashmobs. Was auch heißt, dass die Mitglieder der Colles große Teile ihrer Freizeit im Verein verbringen. Im besten Fall bleibt die Verbindung ein Leben lang bestehen.

In der spanischen Serie „Familiengeheimnisse“, die jetzt auf Arte läuft, heißt es einmal, dass man im Menschenturm im Laufe seines Lebens immer weiter nach unten wandert. Das hat nichts mit Altersdiskriminierung zu tun – im Gegenteil: Verständlicherweise sind es die ganz Jungen, die, leicht wie Kinder nun mal sind, die luftige Spitze eines Castells bilden. Je älter und schwerer ein Mitglied, desto mehr taugt es für die unteren Stockwerke. Irgendwann trägt es zum Fundament der Menschenpyramide bei.

So ein Verein, in dem man im Laufe seines Lebens unterschiedliche Positionen einnimmt, kann sich wie eine erweiterte Familie anfühlen. Eine Familie, die auch zur eigenen, echten Familie in Konkurrenz tritt. Friktionen zwischen Vater, Mutter, Kindern und der größeren Vereinsfamilie sind wohl kaum seltener als Reibereien unter Blutsverwandten. Oder, quasi ein Stockwerk höher: unter Vereinsmeiern.

Gerade, weil sich beim Aufbau der Pyramide jeder auf den anderen verlassen muss – sonst bricht das Ganze in sich zusammen –, können Geheimnisse, die die temporären Burgbewohner voreinander haben, kontraproduktiv wirken. Eine Wagenburgmentalität in Familie oder Verein kann aber genauso dazu führen, dass Probleme niemals thematisiert werden. Die spanische Serie nutzt die metaphorische Kraft, die im Castell steckt, äußerst klug und gibt über sechs Folgen, von denen keine zu viel ist, einen guten Einblick in eine komplex verästelte Sozialstruktur, deren Stabilität auf die Probe gestellt wird.

Eine alleinerziehende Mutter mit Geldsorgen besucht mit ihrem pubertierenden Sohn ihren Heimatort. Der Vater, ein Patriarch, der Brieftauben züchtet und eine erfolgreiche Lackiererei leitet, ist gerade von seinem Posten als erster Mann im örtlichen Castell-Verein zurückgetreten. Die Firma will er dem Sohn noch nicht überlassen – aber den Verein. Zu diesem Konfliktherd gesellen sich unterschiedliche Weltbilder zwischen den Zuhausegebliebenen und der Heimkehrerin: Die ist nämlich nicht nur als alleinerziehende Weggezogene ein Gegenpol zu ihrem Bruder, der die Familientradition weiterführt und in einer konventionellen Ehe lebt. Seine konservativen Ansichten werden auch dadurch herausgefordert, dass seine Schwester Autorin feministischer Sachbücher ist.

Die Älteren bilden das Fundament

Pol, ihr dreizehnjähriger Neffe, hat zwei beste Freunde im Castell-Verein. Manu (glänzend gespielt von Aina Martínez) lebt nach dem Unfalltod der Mutter allein mit ihrem Vater, Steven ist Sohn von Migranten aus Lateinamerika. Nachdem die drei, mit Pols Cousin Roger jetzt ein Viergespann, in der Johannisnacht mit älteren Jugendlichen Schnäpse getrunken haben, Roger mit einem Mädchen intim geworden ist und Manu ihren wohl ersten Kuss bekommen hat, übernachten sie bei Pol. Sie haben sturmfrei, trinken weiter und nehmen sogar die Viagra-Pillen aus dem elterlichen Nachttisch. Dann passiert etwas, was erst im Verlauf der Serie mehr und mehr ans Licht kommt. Selbst Manu kann sich, trotz unübersehbarer Spuren dessen, was sich als sexueller Übergriff erweisen soll, zunächst nicht erinnern. Aber es gibt ein Video aus der Nacht, das suggeriert, was passiert ist.

Dass Pol, der offensichtlich homoerotische Neigungen für Steven hegt, dieses Video einem älteren Jungen schickt, um zu beweisen, was für ein toller (Hetero-)Hecht er ist, dass Lucia, ein weiteres Mädchen aus dem Verein, aus diesem schnell zirkulierenden Video schließt, Manu sei vergewaltigt worden, dass schließlich bald klar ist, dass Pol, schon 14, der einzige seiner Freunde wäre, für den diese Nacht legale Konsequenzen haben könnte, löst eine Kaskade von Konflikten aus.

„Familiengeheimnisse“ ist keine Übersetzung des Originaltitels. Der lautet schlicht „Pubertat“ und weckt damit Assoziationen zur britischen Serie „Adolescence“, die 2025 in aller Munde war. Der ambitioniert gefilmte Vierteiler handelte von einem 13‑Jährigen, der eine Mitschülerin ersticht. Ein ganz ähnliches Thema behandelte schon 2020 die um Klassen schwächere Serie „Verschwiegen“ („Defending Jacob“) mit Chris Evans als Vater und Staatsanwalt in Gewissenskonflikten. In „Familiengeheimnisse“ stirbt niemand. Zwar weit weniger beeindruckend gefilmt, hat man seit „Adolescence“ nichts Besseres über jugendliche Abgründe streamen können als diese Serie.

Verwirrter Jugendlicher oder Vergewaltiger?

Schwierig zu sagen, ob der deutsche oder der spanische Titel die Serie besser trifft, die nicht nur die Sexualität Pubertierender in Zeiten von Internet-Pornografie, maskulinistischer Influencer und Mobbing auf Social Media thematisiert, sondern auch die Sexualität der älteren Generationen: Stevens Mutter liebt eigentlich eine Frau, kann aber ihre Familie nicht verlassen, weil die Abschiebung droht – obwohl alle, die den Turm bilden, lila Uniformen tragen, unterscheiden sie sich in ihren Lebenswegen und -chancen gewaltig. Das Viagra liegt auch nicht ohne Grund im Nachttisch von Pols Eltern.

Und die feministische Schriftstellerin, die nicht mehr ganz so felsenfest an der Seite möglicher Opfer sexueller Übergriffe steht, wenn der eigene Sohn ein potenzieller Täter ist, flüchtet sich in die Arme jenes Mannes, mit dem sie eine Affäre hatte, als sie 17 war – und er in seinen Vierzigern. Auch Lucia verbirgt hinter ihrem Netzfeminismus Verletzungen, die sie in der eigenen Familie erleidet. All das könnte freilich zu viel sein für einen Sechsteiler und ist es manchmal auch. Das aber macht „Familiengeheimnisse“ durch seinen Formwillen wett: Wie im Castell muss jeder Teil den anderen stützen – und tut das auch.

„Familiengeheimnisse“ läuft ab dem 3.9. auf Arte und ist jetzt schon in der Arte-Mediathek zu sehen.

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