Jedes Land hat die Feministin, die es verdient: Beauvoir für Frankreich. Schwarzer für Deutschland. Und die schöne und verspielte Gloria Steinem für Amerika. Die ewige Träumerin, wie sie sich nannte, eine „hope-aholic“, eine hoffnungslose Optimistin. Typisch amerikanisch: Für sie war Hoffnung eine Form der Planung. Wer nicht mehr in die Zukunft plane oder Pläne schmiede, sei verloren.
Gloria Steinem war zeit ihres Lebens über sich selbst überrascht. Sie war die Tochter eines Handlungsreisenden für Antiquitäten, die mit dem Vater Jahre auf der Straße verbrachte, so wie später Tatum und Ryan O’Neal in „Paper Moon“, die aus dem Koffer lebte, vom Motel zur Zapfsäule und zurück, vorbei an Geisterstädten – bis sie die erste salzige Prise des Pazifik roch.
Dieses Kind begriff früh, wie fragil und unvorhersehbar das Leben war. Und sie lernte, zu improvisieren. Der Vater, von der depressiven Mutter geschieden, um die sich die beiden Töchter kümmerten, starb früh und einsam, doch in der Erinnerung wurde er zur prägenden Figur von Steinem. Sie ahnte, wie ähnlich sie ihm war. Er hatte oft Postkarten an sie geschrieben: „It’s Steinemite“. Solche Vater-Tochter-Frauen sind oft stärker als diejenigen, die von der Mutter beeinflusst wurden.
Anfang der 60er wurde sie Freelancer und schrieb fürs „New Yorker Magazine“, doch sie wurde ausgebremst. Die Welt von gestern war männlich, sie wurde als „zu schön“ befunden, kam intellektuell nicht zum Zuge. Sogar auf der großen Bürgerrechtsdemonstration in Washington, stellte sie wenig überrascht fest, redeten nur Männer. Zumindest durfte Mahalia Jackson singen und flüsterte Martin Luther King zu: „Martin, erzähle ihnen von deinem Traum.“ Und hier schon überkam Steinem die Erkenntnis: Die Weißen waren doch selbst in ihrem kulturellen Getto gefangen und merkten es nicht. Auch sie mussten sich befreien.
Eine Rezensentin der Autobiografie Steinems schrieb 2016 treffend, Steinem wäre wie ein weiblicher Forrest Gump, immer dabei gewesen bei den großen historischen Zäsuren der 60er und 70er Jahre. 1972 wird sie mit anderen Frauen „Ms“ gründen, das ursprünglich wie ein Newsletter sein sollte, eine Gedanken- und Kommunikationsbörse für Frauen, die sich in den klassischen Medien nicht wiederfanden. Damals erschienen die Ausgaben monatlich, heute vierteljährlich. Die erste Ausgabe widmete sich der Abtreibungsfreiheit und dem Selbstbestimmungsrecht der Frau. Auch Susan Sontag, die sich nie explizit als Feministin sah, gehörte zu den Unterzeichnerinnen. Ein Thema, das Gloria Steinem bis ins hohe Alter verfolgte, als das von Trump geschickt neu aufgestellte Oberste Gericht das historische Urteil „Roe vs. Wade“ kippte.
„Ms“ war zudem die Zeitschrift, die schon 1976 das Thema häusliche Gewalt thematisierte. Der investigative Journalismus brachte wegweisende Geschichten zu Sweatshops, Sexhandel, Lohnunterschieden, dem Phänomen der Glasdecke hervor, alles Themen, die in Deutschland, dieser verspäteten Demokratie, viel später aufkamen.
Gloria Steinem mit Dolly PartonWenn sie in Interviews gefragt wurde, was ihr Beruf wäre, antwortete sie, perplex über die eigene Antwort: „Schreiben, organisieren und reden“. Es wurde eine Berufung. Ihr Unterwegs-Sein zu hunderten von Unis und anderen Versammlungsorten wie Buchhandlungen und Kirchen führte sie kreuz und quer durch Amerika. Sie lernte, vor großen Menschenansammlungen zu reden und zu diskutieren. Etwa vor 4000 Marinekadetten, um über Gleichberechtigung zu sprechen. Als es dann Orangen auf die Bühne regnete, wusste sie nicht, ob das Rosen waren oder faule Eier.
Sie reiste innerhalb ihres Landes, das ja ein Kontinent, ein Universum ist, mit dem Auto, dem Bus, dem Flugzeug, alles geschah wie „ein Dorfspaziergang“. Ihre Begleiter und Seismografen wurden die Taxifahrer. Von ihnen erfuhr sie viel. Sie erlebte im ländlichen Amerika, wie sie schon in den 70ern vor bewaffneten, ultrarechten Gruppen gewarnt wurde.
In den 70ern dann flog sie viel. Sie fand überall „Freundinnen der Luft“. Stewardessen erzählten, dass man sie wie Spielzeug für Männer behandelte, sexualisierte „Geishas der Lüfte“. Dass Frauen in ihre Berufe eindrangen, wurde von Männern als Entwertung empfunden. Die ersten amerikanischen Astronauten verglichen die sowjetische Entsendung einer Astronautin mit der eines Affen. In der Luft wurde es ein umgekehrter Prozess: Männer befreiten den Beruf.
2013 bekam sie von Präsident Barack Obama die Medal of Freedom verliehenDie Straße war männlich, das Zuhause weiblich. Manchmal hatte sie Sehnsucht nach letzterem, dann aber auch nicht. (Über 60 Jahre hielt sie ihre Wohnung in der Upper West Side, in der sie am Mittwoch im Alter von 92 Jahren gestorben ist. Sie war eben auch eine New Yorkerin!) Das Unterwegs-Sein für Frauen, die Mobilität, wurde als gefährlich betrachtet, aber das Zuhause war es doch genauso, konterte sie dann. Sie war beileibe keine Draufgängerin, kein weiblicher Jack Kerouac, aber dann doch willens, dieses Leben in Freiheit und Bindungslosigkeit zu leben. „Wenn man lange genug reist, wird jedes Erlebnis zu einer Geschichte.“
Mit 70 Jahren war sie „immer noch“ so, mit 80 auch. Und noch älter erzählte sie von ihrem Leben als moderne Nomadin und hoffte, 100 Jahre alt zu werden, weil noch so viel zu tun wäre.
Die ersten reisenden Frauen gab es im viktorianischen Zeitalter. Sie starben unterwegs oder gingen zurück in ihr bürgerliches Leben. Gloria Steinem blieb ihr Leben lang auf Achse. Auf der Straße, in der Luft, unter den Menschen. Die Straße, sagte sie einmal, „zwingt dich dazu, radikal in der Gegenwart zu leben“.
Sie war das Gegenteil einer Männerhasserin, wie ihr Betty Friedan oder Germaine Greer sicherlich intellektuell anspruchsvoller, säuerlich unterstellte. Steinem wollte das Weibliche und Männliche leichter und verspielter sehen, sie war Pop, sie war damals einfach schon „cool“. Ob das an ihrer Anmut, ihrer Schönheit lag, ihrem im hohen Alter noch grazilen Aussehen, der schmalen Taille, den langgliedrigen Fingern und üppigen Haaren?
Gloria Steinem im Jahre 19731984 schrieb der englische Schriftsteller Martin Amis, sie sei die „am wenigsten angstmachende“ Art von Feministin, weil sie Humor habe und gut aussehe. Sie wäre „nett, freundlich und feminin“ und auf „schamlose Weise glamourös“. Das wohl schönste Foto machte Annie Leibovitz 2010 von Gloria Steinem. Da war sie 76.
Steinem war Steinem: So konnte sie auf jede neue gesellschaftliche Entwicklung positiv reagieren, auf die POC, damals noch „Negroes“ oder „Blacks“, auf die First Nations, damals noch „Indians“ oder „Native Americans“ genannt. Und so begriff sie auch Lesben, Schwule, LGBTQ. Auch mit Transmenschen hatte sie früh Begegnungen. Dass sie mit fast 90 noch über Beyoncés Virtuosität sinnierte, zeigt ihre innere Jugendlichkeit. Das Alter, sagte sie vor wenigen Jahren, sei mit der Kindheit zu vergleichen, was das radikale Freiheitsgefühl anbelangt.
Wäre sie immer den Medien gefolgt, wäre sie, sagte sie, deprimiert geworden. Objektivität sei auch nur ein anderes Wort für Negativismus. Sie las lieber Landschaft und Menschen. Ihr radikaler Humanismus trug durchaus auch transzendentale, esoterische Züge. Aber ist diese Idee der Gleichheit aller Menschen denn falsch? Auch wenn sie eine Linke und eine Abtreibungsbefürworterin war, wurde sie zu etwas wie einer nationalen Ikone, weil sie sich mit allgemeinen sozialen Fragen der Menschen befasste. Auch Männer lasen sie, hörten ihr zu und erkannten sie.
Der vorläufige Höhepunkt ihres Lebens muss 1977 die „National Women’s Conference“ in Houston gewesen sein. 2000 weibliche Delegierte brachte sie zusammen. Welch ein organisatorischer Aufwand. Seitdem gab es ein „Davor“ und ein „Danach“. Sie fand den gleichen Humor und die Lakonie bei ihren Mitstreiterinnen wie Flo Kennedy oder Wilma Mankiller (!), dem ersten weiblichen Häuptling der Cherokee, mit denen sie viele Auftritte meisterte. Schlechte und feindselige Reaktionen steckte sie weg als Erfahrung. Warum sollte sie sich damit überhaupt beschäftigen?
Ein weiteres Feld ihres Lebens wurden die Wahlkämpfe. Wählen sei das Mindeste. Das verband sie sogar mit der mediengeilen Herzogin von Sussex, Meghan Markle. Steinem organisierte für sie den Ms-Preis „Woman with Vision“ 2023. Nun ja, auch eine Steinem kann mal danebenliegen!
Steinem unterstützte immer nur die Demokraten. Traumatisch der Wahlkampf Clinton-Obama 2008. Weil es die erste Frau war, die gegen den ersten Schwarzen als Präsidentschaftskandidaten antrat, wurde dies für viele zu einer unerträglichen Situation. Das war zu viel auf einmal! Als man Gloria Steinem fragte, ob sie Hillary oder Obama unterstütze, sagte sie nur: „Ja“. Sie spürte, dass das Land noch nicht reif für einen weiblichen Commander in Chief war. Obama brauchte sie nicht, um zu gewinnen. Aber Clinton brauchte sie, weil sie verlor. „Das Warten auf eine Präsidentin wird wohl noch länger dauern.“ Wie wahr. Denn dann kam Trump. Und Hillary Clinton verlor wieder.
Und heute? Man kann sagen, Aktivismus ist auch nicht mehr das, was er einst war, betrachtet man diese One-Woman-Show Gloria Steinems, der es jenseits von Internet und Talkshows gelang, einen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad zu erreichen, von dem man heute nur träumen kann. Immer noch spaltet das Abtreibungsthema Gesellschaften, immer noch ist sexuelle Gewalt ein Riesenthema, immer noch wird die Geschlechterbarriere nicht so ernst genommen, wie sie müsste. Mit Gloria Steinem starb aber nicht dieser unverbrüchliche Optimismus: „Alles in allem habe ich so viele Veränderungen erlebt, dass ich fest daran glaube, dass noch mehr kommen werden.“
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