Es ist eine offenbar unumstößliche Regel in Hollywood, dass die schönsten Frauen erst ihren Glamour abwerfen müssen, bevor sie für höhere Ehren in Betracht gezogen werden. Erinnern wir uns an die kahlgeschorene Demi Moore in „Die Akte Jane“, die serienmordende Charlize Theron in „Monster“ und Nicole Kidmans Nasenprothese in „The Hours“. Nun hat Sydney Sweeney, die gerne mit Wellencoiffure, Diamantschmuck und tief ausgeschnittenem weißen Kleid – wie Marilyn Monroe im „Verflixten 7. Jahr“ – auftritt, die Hässliches-Entlein-Karte gezogen: In „That’s Why the Lady Is a Champ“ muss sie boxen. Die Oscars winken. Besser: Sweeney winkt den Oscars.
Sie winkt an mehreren Fronten. Sie winkte auch von Plakatwänden, wo sie in aufreizenden Posen für die Modefirma „American Eagle“ warb. Im dazugehörigen Video säuselte sie 2025 verführerisch: „Gene werden von den Eltern an die Nachkommen weitergegeben und bestimmen oft Merkmale wie Haarfarbe, Persönlichkeit und sogar Augenfarbe“, und blinzelte mit ihren blauen Augen, passend zur Farbe ihrer Jeans. „Genes“ und „Jeans“ klingen im Englischen identisch (Haha, ein Wortwitz!), und prompt ging die Debatte über gute Erbanlagen und weiße Überlegenheit los. Der unvermeidliche Trump feuerte die registrierte Republikanerin an: „Mach sie fertig, Sydney!“
Doch noch gewinnt Klamottenwerbung keine Oscars. „Christy“, so heißt das Original, ist die Filmbiografie der Boxerin Christy Martin. Verwenden wir hier lieber den amerikanischen Titel, denn erstens ist er kürzer, zweitens erinnert sich kein Zuschauer mehr an den Song, auf den er anspielt, und drittens ist Christy alles, nur keine Lady. Sie ist die Tochter eines Bergarbeitervaters und einer queerfeindlichen Mutter, aber weil sie kämpfen kann, als stecke der Teufel in ihr, erregt sie die Aufmerksamkeit eines Trainers. Er nimmt sie unter seine Fittiche, und sie boxt sich nach oben, mehr noch, sie etabliert einen Sport, den es vor ihr gar nicht gab, das Frauenboxen.
Soweit ist „Christy“ ein nach bewährter Formel gebauter Underdog-wird-Topdog-Sportfilm, ein weibliches „Rocky“-Pendant. Das bleibt er aber nicht, was man spätestens merkt, wenn der Trainer ihr einen Heiratsantrag macht. Sie ist 22, und Jim Martin ist 47. „Ich mache dich zur besten Boxerin der Welt“, verspricht er ihr, worauf sie schlagfertig „Verglichen mit wem?“ antwortet. Sie heiratet ihn, obwohl sie eher auf Frauen steht, denn sie hat diesen Blender – im Gegensatz zu uns Zuschauern – noch nicht durchschaut. Martin ist einer von jenem Typ Mann, der im Englischen „Suitcase Pimp“ heißt, sich an erfolgreiche Frauen anwanzt, als unentbehrlicher Manager und Betreuer geriert und von ihrem Geld lebt.
In jenem Moment, als Jim Christy auf dem Parkplatz einer Fast-Food-Kette den Antrag macht, wechselt der Film praktisch seine Pferde. Es ist von nun an kein Film über den Schweiß des Faustkampfes mehr, für den Sweeney monatelang Gewichte gestemmt und Proteinshakes geschluckt hatte. Das ist schade, denn Boxexperten sind sich einig, dass sie einen überzeugenden Eindruck im Ring macht, besser als ihre Vorgängerinnen Hilary Swank in „Million Dollar Baby“ oder Michelle Rodriguez in „Girlfight“, mit dem vor einem Vierteljahrhundert das Genre des Frauenboxfilms zur Welt kam.
Es ist auch kein Frauenselbstermächtigungsfilm, wie man erwarten könnte, oder ein Zwei-Fäuste-für-den-Feminismus; ganz im Gegenteil, Christy sagt ausdrücklich, sie sei keine Feministin. Es wird nun ein Film über Gewalt in der Ehe. Jim Martin wird von Ben Foster gespielt – Spezialist für Psychopathen, Profikiller, Geiselnehmer –, und er tut in „Christy“ das, was er am besten kann: zwielichtig sein, schleimbeutelig, eine permanente unterschwellige Gefahr.
Als Zuschauer wundert man sich
Nur Christy scheint das nicht zu spüren. Als Zuschauer wundert man sich schon, dass sie ihn überhaupt zum Mann nimmt, vielleicht, weil er als einziger an ihre Fähigkeiten glaubt. Doch sie bleibt bei ihm, anderthalb Jahrzehnte, obwohl sie es sich längst leisten könnte, ihn abzuservieren, und seine Eifersucht und Herrschsucht immer gewalttätigere Züge annehmen.
Unwillkürlich denkt man an „I, Tonya“, das Biopic über die Eiskunstläuferin Tonya Harding, die in das Eisenstangenattentat auf eine sportliche Rivalin verwickelt war. Auch diese Rolle war eine bewusste Imageabkehr. Margot Robbie, Sexsymbolvorgängerin der Zehnerjahre, spielte Tonya als Opfer elterlicher und ehelicher Gewalt, White Trash wie Christy Martin, aber nicht so schicksalsergeben wie sie; Tonya trennte sich von ihrem prügelnden Ehemann und schoss sogar auf ihn.
Margot Robbie erhielt eine Oscar-Nominierung, aber „I, Tonya“ war der wesentlich vielschichtigere Film. Vielleicht reicht es ja zu einem Nebenrollen-Oscar für Chad Coleman, der in „Christy“ den legendären Box-Promoter Don King spielt, komplett mit Starkstromfrisur und just auf der Grenze zwischen Umgänglichkeit und Drohung.
„That’s Why the Lady Is a Champ“ läuft ab Donnerstag im Kino.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.