Die Kontroverse um Alphaville („Forever Young“) wird zur Posse: Die Band, angeführt von Sänger Marian Gold, soll nun womöglich doch beim Glücksgefühle-Festival in Hockenheim auftreten.

Zuvor war die 80er-Kultband ausgeladen worden, begründet wurde dies mit politischen Äußerungen der Gruppe. Daran hatte es viel Kritik gegeben, zu Wort meldeten sich unter anderem Campino (Die Toten Hosen) und die Band Culcha Candela. Frontmann Marian Gold selbst hatte über die sozialen Medien seinen Protest geäußert.

Nun die Kehrtwende: Festival-Macher Markus Krampe nahm die Ausladung via „Bild“ wieder zurück, und will mit Alphaville erneut ins Gespräch kommen. „Wie wir gehandelt haben, war in der Tat ein Fehler. Das tut mir leid. Meinungsfreiheit ist das höchste Gut, das wir in Deutschland haben, sie ist zu schützen“, zitiert die Zeitung den Veranstalter. Und weiter: „Wir laden Alphaville ein, wie geplant Teil des Festivals zu sein. Nicht als Zeichen eines Nachgebens, sondern als bewusste Entscheidung für das, was uns verbindet.“

Ob Alphaville das Angebot annimmt, ist noch unklar

Ob die Combo – von der Originalbesetzung aus den 80er Jahren ist nur noch Marian Gold (71, bürgerlich: Hartwig Schierbaum) an Bord – das Angebot annehmen will, ist noch unklar. Schließlich klangen die Statements an die Adresse der Band zuvor reichlich harsch.

Via dpa hatten die Veranstalter die Absage an Alphaville zuvor so begründet: „Unsere Bühne ist keine Plattform für politische Äußerungen. Das GLÜCKSGEFÜHLE‑Festival ist komplett unpolitisch – und das gilt unabhängig davon, in welche politische Richtung eine Äußerung geht: für rechts, für links oder für jede andere politische Richtung.“ So hatte sich Markus Krampe, der das Event seit 2023 mit Ex-Fußballnationalspieler Lukas Podolski organisiert, zuvor in der „Bild“ geäußert.

Alphaville auf dem Bautz Festival

In der Erklärung des Festivals hieß es weiter: „Wir möchten den Menschen ein Wochenende ermöglichen, an dem sie den Alltag hinter sich lassen, abschalten und einfach eine gute Zeit haben können.“ Und weiter: „Genau deshalb haben wir darum gebeten, politische Äußerungen auf unserer Bühne zu unterlassen. Darauf konnten wir uns mit Alphaville letztlich nicht einigen, weshalb es nicht zu einem Auftritt gekommen ist.“

Massiver Protest aus der Musikszene, Diktaturvergleiche

„Diese Begründung gleicht aus unserer Sicht einem Maulkorberlass – uns allen bestens bekannt aus Diktaturen“, schrieb daraufhin Alphaville-Sänger Gold in einem Beitrag auf Instagram. „Das eine derartige Einschränkung der Meinungs-, Rede- und Kunstfreiheit nun auf einem der größten Popfestivals Deutschlands angekommen zu sein scheint, empfinden wir als absolut untragbar und erschütternd.“

Unterstützung kam von anderen Musikern. „Letztendlich ist es so, dass wir das schon extrem fragwürdig finden und auch absurd, jemanden auszuladen, der sich gegen die AfD äußert oder gegen Trump oder wie auch immer. Jemand, der stabil ist für die Demokratie“, sagte etwa Campino, Frontmann der Toten Hosen, am Mittwochabend bei einem Konzert in Münster. „Ich finde, da ist eine neue Grenze überschritten und eingerissen.“

Sänger Mateo von der Band Culcha Candela, die am Samstag beim Glücksgefühle-Festival auftreten soll, bewertete die Entscheidung der Organisatoren als ein kompliziertes Verhältnis zur Demokratie, „Level AfD-Hauptsponsor“. „Leben wir schon in Russland oder ist es noch Deutschland, die BRD, Demokratie?“, fragte er. „Also, gestern waren wir noch Demokratie und Meinungsfreiheit.“

Culcha Candela sage bei jedem Auftritt, was sie von der AfD halte: „Fuck Nazis!“, erklärte der Musiker. „Und das werden wir, falls wir bis dahin nicht ausgeladen werden, auch auf dieser Bühne sagen. Und zwar lauter denn je.“

Veranstalter sehen „inakzeptables“ Verhalten der Band

Als die Fronten noch verhärtet waren, hatten die Veranstalter noch erklärt: „Das Verhalten von Alphaville und Marian Gold ist inakzeptabel. Wir lassen uns nicht in irgendeine politische Ecke drängen und werden uns hier mit allen Mitteln wehren.“

„Wir hatten Alphaville in diesem Jahr bereits bei zwei anderen Veranstaltungen zu Gast. Bei der ersten Veranstaltung kam es vonseiten der Band zu zahlreichen politischen Äußerungen von der Bühne. Deshalb haben wir im Vorfeld des zweiten Auftritts sehr deutlich kommuniziert, dass wir dies bei unseren Veranstaltungen nicht möchten“, hieß es zur Erklärung. „Bei diesem zweiten Auftritt wurde diese Vorgabe dann auch eingehalten. Vor dem GLÜCKSGEFÜHLE Festival haben wir deshalb noch einmal ausdrücklich daran erinnert und unseren Standpunkt klar kommuniziert.“

Weiter heißt es: „Uns geht es dabei ausdrücklich nicht um die politische Haltung von Marian Gold oder Alphaville und auch nicht darum, jemandem seine persönliche Meinung abzusprechen. Es geht ausschließlich darum, welchen Rahmen wir als Veranstalter für unsere Veranstaltungen und unsere Bühnen setzen.“

Um welche Äußerungen es konkret ging, blieb unklar. Alphaville-Sänger Gold hatte sich zuletzt bei Konzerten in der Ansage des Songs „Carry Your Flag“ deutlich gegen rechtsradikale Tendenzen und für Toleranz eingesetzt. Das habe zu Diskussionen mit den Veranstaltern der „Glücksgefühle“ geführt, sagte Bandmanager Christian Mielke der dpa.

Auf seiner Instagram-Seite hatte der Künstler noch am Mittwoch eine Fotoreihe veröffentlicht, die ihn vor Postern und Plakaten diverser linker Bewegungen zeigte: Darunter waren die Regenbogenflagge der LGTBQ-Bewegung, Antifa-Symbole, ein Appell für die Seenotrettung im Mittelmeer und eine Fahne mit dem Aufdruck „Kein Bock auf Nazis“.

Auch die SPD meldete sich zu Wort

Unterstützung bekam Alphaville auch aus der Politik: Der Co-Vorsitzende der baden-württembergischen SPD, Robin Mesarosch, hatte in einem Video auf Instagram erklärt: „Du kannst nicht nicht-politisch sein, so sehr du dir das wünschst.“ Er verwies auf den österreichischen Sänger Andreas Gabalier, der auf dem Festival auftreten soll und dessen Lieder auch politisch seien, wenn es etwa um Kameradschaft und Eiserne Kreuze gehe. „Es ist vor allem Murks, wenn ein Veranstalter den einen Musiker auftreten lässt, den anderen aber nicht, und dann auch noch behauptet, das wär unpolitisch“, sagte Mesarosch.

„Es ist nicht die Aufgabe von dem Festival-Veranstalter, ganz allein die AfD aufzuhalten“, sagte der Sozialdemokrat. Aber es könne auch niemand so tun, „als wäre man in einem unpolitischen Fantasieraum und das hätte alles nichts mit einem zu tun“. Mesarosch rief Menschen auf, den Veranstaltern zu schreiben, was sie von der Entscheidung halten. „Und die Bitte richte ich auch an die Bands, die in den nächsten Tagen auf dem Glücksgefühle-Festival auftreten.“

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde aktualisiert und um neue Stellungnahmen ergänzt.

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