Ungewöhnlich rundlich sind sie, die Berge in dieser Landschaftsdarstellung. Zwölf sind es insgesamt, in blassem und kräftigem Rot sowie in Rosa, immer in Paaren und mit kleinen Erhebungen auf den Erhebungen. Es ist eine ungewöhnliche Landschaft, die die Jahrhundertkünstlerin Louise Bourgeois im Jahr 2004 mit dem immer etwas naiv und kindlich anmutenden Medium Wasserfarbe auf das Blatt brachte.
Wie sie sich nach links und rechts neigen, haben sie etwas Wogendes, und ja, natürlich sind das keine Berge. Zu den Motiven, die in Bourgeois’ über sieben Jahrzehnte entstandenem Werk immer wiederkehren, gehören Brüste und Penisse. Dieser Umstand wurde autobiografisch gedeutet, und ihr ambivalentes Verhältnis zu den eigenen Eltern wurde betont. Man kann solche Motive auch allgemeiner als Auseinandersetzung mit menschlicher Sexualität verstehen.
„Manchmal“, sagte Bourgeois einmal, „bin ich völlig mit weiblichen Formen beschäftigt – Ansammlungen von Brüsten wie Wolken –, aber oft verschmelze ich die Bildwelten miteinander – phallische Brüste, männlich und weiblich, aktiv und passiv.“ Louise Bourgeois, Jahrgang 1911, macht aus Brüsten etwas Landschaftliches und Meteorologisches: Wolken, Hügel, Berge, Landschaften. Menschliche Körper und Naturformen gehen ineinander über. Die von – historisch meist männlichen – Künstlern dargestellte Brust ist bei ihr nicht mehr eindeutig geschlechtlich.
Louise Bourgeois, ohne Titel, 2004Das Aquarell ist eine von 50 Arbeiten, die der Galerist Karsten Greve anlässlich von DC Open an seinem Kölner Stammsitz zeigt. Bereits seit 1990 arbeitet Greve, der am 15. September 80 Jahre alt wird, mit dem Werk der Künstlerin – kurz nach ihrem Durchbruch in Europa. Zwar arbeitete die in Paris geborene, nach ihrer Heirat in New York lebende Französin bereits seit 1932 künstlerisch, doch erst 1982 wurde sie mit einer Retrospektive im Museum of Modern Art weltberühmt, mit 71 Jahren, auf ein Œuvre aus Skulptur, Installation, Zeichnung, Malerei und Druckgrafik zurückblickend.
Die 1,60 Meter hohe, weiß bemalte Bronze „Woman with a Secret“, eine stehende Figur aus den Nachkriegsjahren 1947–49 (der gezeigte Abguss datiert von 2001, Auflage sechs Exemplare), gehört zu Bourgeois’ „Personnages“ – stelenartigen Skulpturen, in denen die Künstlerin nach ihrer Übersiedlung in die USA Erinnerungen an die Menschen aus ihrer französischen Heimat bewahrte.
Die Schau wird aus der eigenen Sammlung des Kunsthändlers bestückt, der die Arbeiten direkt bei Bourgeois erwarb. Sie erlaubt eine Reise durch gleich mehrere Werkphasen – und beweist, welche hochkarätigen Ausstellungen im Rheinland mit seinem seit Jahrzehnten etablierten Kunsthandel möglich sind.
Der eigene Körper als politisches Terrain – das verbindet Bourgeois auch mit einer ganz anderen Station von DC Open. In der Galerie Nagel Draxler ist die russische Künstlerin, Pussy-Riot-Musikerin und Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa zu sehen, die den eigenen Körper seit Jahren als Angriffsfläche und Widerstandsmittel gegen das Putin-Regime einsetzt. Wo Bourgeois die Sexualität in Landschaften sublimiert, trägt Tolokonnikowa sie unverhüllt und plakativ vor sich her – zwei radikal unterschiedliche Strategien weiblicher Selbstermächtigung, nur ein paar hundert Meter voneinander entfernt zu besichtigen.
Dass ein solcher Zufall möglich ist, liegt am Format von DC Open: Rund 50 Galerien in Düsseldorf und Köln eröffnen an diesem Wochenende zeitgleich ihre neuen Ausstellungen, ergänzt durch zehn Off-Spaces sowie ein Programm von Museen, Kunstvereinen und Stiftungen beider Städte. Was einst als überschaubarer rheinischer Rundgang begann, ist längst ein Erfolgsmodell geworden.
Auch die Kölner Repräsentanz des Auktionshauses Ketterer aus München fügt sich, auf andere Weise, in dieses Bild der Selbstbehauptung: Organisiert vom Berliner Galeristen Michael Haas versammelt „D’après Manet“ 30 Künstler mit Werken, die oftmals eigens für die Schau entstanden sind – ein in Form einer Hommage formulierter Widerspruch gegen einen Maler, der seinerzeit selbst als Regelbrecher galt. Highlight ist eine figurativ zu nennende Leinwand von Albert Oehlen.
Albert Oehlen, ohne Titel, 2025Das Festival DC Open läuft vom 4. bis 6. September 2026 in Kunstgalerien in Düsseldorf und Köln.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.