Sandra Hüller hat in „Rose“ eine Frau gespielt, die sich im Dreißigjährigen Krieg als Mann ausgibt. Außerdem war sie in den fiktionalen Szenen eines Dokumentarfilms als Dichterin Ingeborg Bachmann zu sehen. Nun geht die in diesem Jahr omnipräsente Schauspielerin konsequent den nächsten Schritt: Wenn die Regisseurin Maria Schrader Anfang 2027 Wolfgang Herrndorfs nachgelassene Tagebücher „Arbeit und Struktur“ verfilmt, soll Hüller die Rolle des 2013 gestorbenen Schriftstellers übernehmen.
Das klingt erstmal so, als käme da ein großer Anlass zum Fremdschämen auf das Kinopublikum zu. Doch solche geschlechterparadoxen Besetzungen hat es in der Film- und Theatergeschichte immer mal wieder gegeben. In der ziemlich experimentellen Bob-Dylan-Biografie „I’m Not There“ von Todd Haynes stellte u. a. Cate Blanchett den Sänger dar – und es war verdammt cool.
Besonders reizvoll für Frauen war offenbar die Rolle von Shakespeares Hamlet. In der ersten Filmfassung des Stücks trat Sarah Bernhardt um 1900 als Dänenprinz auf. 1921 wurde „Hamlet“ mit Asta Nielsen in der Titelrolle zum globalen Kinoerfolg. Daran anknüpfend hat Angela Winkler 1999 in einer Inszenierung Peter Zadeks ebenfalls Hamlet gespielt.
Aber bei all diesen Rollenexperimenten hat man doch niemals das Gefühl, dass es um eine politische Botschaft geht. Heute stellt sich genau dieser Verdacht sofort ein bei einem derart typisch deutschen Kulturbetriebsprojekt, mit typisch deutschen Kulturbetriebsgrößen – gefördert vom öffentlich-rechtlichen ZDF.
Aber vielleicht geht das ja alles gar nicht mehr anders. Eine kürzlich veröffentlichte Studie mit 460.000 Probanden aus 100 Ländern belegt, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei jüngeren Menschen global immer geringer werden. Das bezieht sich zwar auf psychologische Einstellungen bei Geduld, Risikobereitschaft, Vertrauen und „prosozialem Verhalten“. Aber da der Geist langfristig immer den Körper formt, werden sich mittelfristig Männer und Frauen auch körperlich mehr und mehr angleichen. Beim Kompletttätowiertsein bis in die Nasenlöcher hinein gibt es jetzt schon kaum noch geschlechtsspezifische Unterschiede.
Man darf die verzweifelten Versuche, mit Bodybuilding, Extrembärten und Maschinenfrisuren Männlichkeit performativ zu zeigen, als Rückzugsgefechte der Ränder interpretieren. Dort sehen Typen dann aus wie islamistische Selbstmordattentäter oder übergewichtige Mittelalterrocker, aber in der breiten Mitte schwinden tatsächlich auch die körperlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Wie in einer Art Panikblüte werden die Jungs zwar heute immer häufiger 1,95 Meter oder größer, aber die Frau deutlich über 1,85 Meter ist heute auch ein ziemlich normaler Anblick.
In einer gender-gemainstreamten nahen Zukunft werden dann manche Frauen vielleicht überzeugendere Männerdarsteller sein als die Lauche, mit denen sie um Rollen konkurrieren. Diese können ja dann zum Ausgleich häufiger mal Frauenrollen übernehmen.
Für Künstler-Biografien hätten wir dann schon mal ein paar Besetzungsideen, die auch noch deutlich mutiger, geschlechterrolleninfragestellender und sehgewohnheitenverändernder wären als die gar nicht so verstörende Paarung Hüller-Herrndorf.
Solange Milan Peschel nicht als Isabel Allende aufgetreten ist, solange Jella Haase nicht als Gottfried Benn auf der Leinwand war und solange Thomas Mann immer noch von weißschnurrbärtigen Männern gespielt werden muss, statt mal von Iris Berben – solange sind die traditionellen Vorstellungen von realistischer Repräsentation im Kino noch mächtig. Wenn sie endgültig zerbröckelt sind, freuen wir uns auf Yannis Niewöhner als Caroline Wahl, Heike Makatsch als Josef Beuys und Nina Hoss als Christian Petzold.
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