Keine Spielwiese ist ihr zu groß: Bei der Ruhrtriennale verwandelt die weltberühmte Performancekünstlerin Marina Abramović eine ehemalige Fabrikhalle in einen wilden Bilderreigen, der den Fruchtbarkeitsriten und Mythen des Balkans huldigt. Man fickt den Boden oder reckt entblößte Geschlechter in die Höhe, außerdem wird exzessiv um eine jugoslawische Legende getrauert. „Balkan Erotic Epic“ ist eine Feier des Lebens und des Todes, in der die fast 80‑jährige Ikone der Extremperformance alle Themen ihres Werks verarbeitet hat. Fast vier Stunden muss das Premierenpublikum jedoch warten, bevor sich die Meisterin selbst für einen Kurzauftritt zeigt. Und trotzdem vermisst man etwas.

Doch von Anfang an: Die über 1000 Zuschauer, die zur Premiere in die Duisburger Kraftzentrale gekommen sind, sammeln sich hinter einer Blaskapelle. Mit einem langsamen Trauermarsch zieht man in die Halle ein. Mitarbeiter kontrollieren penibel, ob Smartphones in den vorgesehenen Hüllen verschlossen sind, auch Smartglasses sind strengstens verboten. Aufsteller informieren, dass man mit sensorischen Reizen wie Nacktheit und Themen wie Tod konfrontiert wird. Der Abend ist ausdrücklich nur für Zuschauer ab 18 Jahren empfohlen. An einer Wand werden die 13 Stationen, die Abramović in der Halle hat aufbauen lassen, bereits vorab detailliert erklärt – von „Titos Beerdigung“ über „Slawische Seele“ und „Tanz der Ahnen“ bis „Brustmassage/Orgie“.

Jede Station besteht aus einer kleinen szenischen Anordnung, die nun die nächsten vier Stunden von den aufopferungswilligen Performern exerziert wird – und zwar ohne Pause, während das Publikum sich ins Foyer zurückziehen und Sliwowitz trinken kann. Das Eröffnungsbild zeigt ein Porträt von Josip Broz Tito, daneben eine Frau im prächtigen Trauerkleid, die Klagegesänge anstimmt. Es ist ein Sinnbild für die Herkunft der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Belgrad geborenen Abramović: Ihre Eltern waren kommunistische Partisanen, in Jugoslawien gehörten sie zum „Roten Adel“. Mit dem Begräbnis von Tito wird nicht nur ein übermächtiges Vater-Imago zu Grabe getragen, seine Erben werden außerdem das Land auseinanderreißen und eine Utopie zerstören.

Tito als toter Vater und die trauernde Mutter, das taucht auch in „Der Kafana Komplex“ wieder auf. Die Tische mit den karierten Decken sehen genauso aus wie in den rustikalen Gastwirtschaften in Belgrad. Immer wieder spielen die Musiker zum Tanz auf, kurze Momente von Lebendigkeit in einer erstarrten Atmosphäre. Dreht man sich um, sieht man eine Gruppe von Frauen, die ihre Röcke nach oben reißen, die Beine spreizen und dem Himmel ihr Geschlecht zeigen. Um die Götter zu erschrecken, um den Regen aufzuhalten. Auf der gegenüberliegenden Seite wird das umgekehrte Problem bearbeitet: Bleibt der Regen aus, müssen die Männer „den Boden ficken“ („Warum nicht den natürlichsten Dünger verwenden, der zur Verfügung steht?“, liest man dazu).

Marina Abramović, „Balkan Erotic Epic“

Man wandelt durch einen Wald aus überdimensionierten Penissen, auf einer monumentalen Leinwand schwingen Männerärsche auf und ab. Man kommt zu einem Friedhof, wo Frauen sich auf Grabsteinen räkeln, während sie sich innig die Brüste massieren oder Plastikskelette herumtragen. Auf Stelzen aufgebahrte Puppen sind Leichen, die in der Sonne baden. Ein toter Jüngling feiert eine „Schwarze Hochzeit“, man sieht allerlei Tänze in traditionellen Kostümen.

Das alles begegnet einem im Grundton erhabener Sakralität, die suggeriert, dass es hier wirklich um die mythischen Grundzüge des Lebens an sich geht: Sex, Geburt, Leben, Tod, Trauer, Transzendenz. Man fühlt sich von so viel Bedeutungsschwere zwar auch erschlagen, allerdings auch erleichtert, dass es den drohenden Ethnokitsch mit all den Klischees vom Balkan etwas neutralisiert.

Ein Abgesang, das Ende

Während man durch die mit schwarz-glänzendem Kunstrasen ausgelegte Halle wandelt, gerät man ins Nachdenken. Das ist zwar alles gut und schön und von einer Künstlerin, die sich wie keine andere zur weltweiten Marke stilisiert hat und mit ihrer Sammlung von Achtsamkeits- und Konzentrationsübungen für ein erfolgreiches Leben im Hier und Jetzt in keinem Museumsshop fehlen darf („Die Marina-Abramović-Methode“) und doch fehlt etwas. Und beim Anblick der Bodenficker denkt man, dass es irgendwie fake aussieht: Wie diese Männer auf Kunstrasen liegen und sich am Plastikgrün mutmaßlich den Schambereich wundrubbeln, das ist – schrecklicher Verdacht! – so unecht. Warum liegt hier keine Erde, deren modrige Feuchtigkeit den Raum erfüllt?

Plötzlich realisiert man, dass gefühlt jeden Meter ein Mitarbeiter darüber wacht, dass zwischen den Performances und den Zuschauern ein ordnungsgemäßer Sicherheitsabstand gehalten wird. Und das bei einer Show von Marina Abramović, deren Berühmtheit auf dem Einreißen der Grenze zwischen ihrer Aktionskunst und dem Publikum basiert! Früher presste man sich in engen Durchgängen an ihrem nackten Körper entlang oder rettete sie in letzter Sekunde aus Extremsituationen. Auch dass die Performer immer nur mit leerem Blick in die Ferne starren, ist Lichtjahre von der berühmten Ich-schaue-dir-in-die-Augen-Aktion „The Artist is Present“ entfernt. Eine glorreiche Ausnahme ist die zu Balkanpop tanzende Milchbadende, die einen mitreißt.

Gott ist ein Phallus: „Balkan Erotik Epic“

Abramović, so muss man es sagen, hat die Aktionskunst erfolgreich musealisiert. Vom Erbe der Avantgarden und ihrem Schlachtruf, keine Grenze zwischen Kunst und Leben zu dulden, ist nichts mehr zu spüren. Angetreten als radikale Kunstbefreiungsaktion, das Ästhetische dem Reservat bürgerlicher Kultur zu entreißen, ist man wieder in der braven Komfortzone des Kunstbetriebs gelandet. Vom allerersten Gebot aller Aktionskunst, dem „Du sollst nicht so tun, als ob“, ist man wieder bei biederer Schaustellerei gelandet, die sich kulinarisch genießen lässt. Deswegen mag bei „Balkan Erotic Epic“ auch keine erotische Spannung aufkommen: Das Ganze ist zu steril, eine keimfreie und geruchlose Variante des Verbannten und Verdrängten, um es nur noch gründlicher zu unterwerfen.

Kurz vor Schluss sind viele Zuschauer schon gegangen, andere chillen erschöpft an den riesigen Pimmeln. Manche schmiegen sich zärtlich an den knorrigen Schaft mit den monströsen Adern oder kuscheln sich in den Spalt zwischen den riesigen Hoden.

Und dann, als man es kaum noch erwartet hatte, ist sie plötzlich da: Marina Abramović höchstselbst. Zu melancholischen Akkordeonklängen umarmt sie in der Kafana die Frau, die ihre Mutter spielt. Ein kurzer Moment der Intensität, der keine drei Minuten dauert. Die Kapelle stimmt ein Lied an und wie man eingezogen ist, zieht man auch wieder aus. Spürt man Enttäuschung? Oder ist es Melancholie? Es fühlt sich jedenfalls an wie ein Abgesang auf die heroische Zeit der Performancekunst. Wie ein Ende.

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